Die britische Königin Elizabeth II. ist tot. Sie starb am Donnerstag (8. September) im Alter von 96 Jahren auf ihrem Landsitz Schloss Balmoral in Schottland, wie der Palast mitteilte.
Ihre Vorgängerinnen im Amt haben Epochen geprägt und ihnen den Namen gegeben: Das elisabethanische Zeitalter. Das viktorianische Zeitalter. Mit größerem Recht hat Elizabeth II., die länger als Elizabeth I. (1533-1603) und Victoria I. (1819-1901) lebte und regierte, unsere Zeit und unsere Welt geprägt. Nicht nur, weil sie als Frau in einem an schrecklichen Herrscherfiguren wahrlich nicht armen 20. Jahrhundert für andere Werte stand: Pflichtbewusstsein, Mäßigung, Ausgleich, eine Form des Empire, die auf einer auf Gemeinwohl gegründeten Staatengemeinschaft (Commonwealth) basierte statt auf Unterdrückung und Dominanz. Sondern auch, weil sie prototypisch die Veränderungen, die das 20. und beginnende 21. Jahrhundert im Verhältnis zwischen Herrscher und Volk mit sich brachten, durchlebt, durchlitten und verkörpert hat.
Ihre Hochzeit mit Prinz Philip: eine selbstbestimmte Partnerwahl statt dynastischer Vernunftehe. Ihre Krönung: das erste Medien-Großereignis des noch jungen Mediums Fernsehen – seitdem ist jede royale Krönung ein Großereignis, das zuverlässig als Straßenfeger wirkt und insbesondere in Deutschland die (weibliche) Nation vor den Fernseher bannt. Ihr Auftreten: geerdet, in Gummistiefeln und Kopftuch, mit Hunden an ihrer Seite, oder im Jeep. Ihr Kleidungsstil: perfekt abgestimmte Kostüme und Hüte, aber immer korrekt, niemals sexy oder glamourös. Und ihr Privatleben: Diskret, zurückhaltend. Sie dürfte für Politikerinnen wie Angela Merkel ein Vorbild gewesen sein.

Pflicht als Lebensmaxime

Dass diese pflichtbewusste, strenge Frau Hauptdarstellerin einer bis dahin einzigartigen Medien-Soap werden sollte: Auch das ist bezeichnend für ein Jahrhundert, das Hemmungen im Umgang mit der Prominenz immer stärker hat fallen lassen. Gerade erst sind die Bilder und Berichte zum 25. Todestag von Prinzessin Diana noch einmal über den Bildschirm geflimmert. Die Hexenjagden, die die Boulevardpresse (und nicht nur sie) rund um die unglücklichen Partnerschaften, Liebschaften und scheiternden Ehen der Kinder Elizabeths II. veranstaltete, und die sich im Umgang mit Harry und Meghan bis in jüngste Zeit fortsetzen – sie werden die Queen (und Großmutter) mehr geschmerzt haben, als ihre Contenance je erkennen ließ. Sie musste es aushalten, zu Lebzeiten Stoff für eine Netflix-Serie zu werden.
Ein Leben in Bildern – zum Tod von Queen Elizabeth II.

Bildergalerie Ein Leben in Bildern – zum Tod von Queen Elizabeth II.

Einlenken zu können, der Volksemotion nachzugeben, ohne die Würde des Königshauses zu gefährden, ist eine ihrer großen Leistungen. Wie sehr sich Elizabeth II. aus dem Tief der Unbeliebtheit zurück in die Liebe ihres Volkes gearbeitet hat, haben nicht zuletzt die Feierlichkeiten zum 70. Jubiläum der Thronbesteigung in diesem Jahr gezeigt, als ganz Großbritannien in einem royalen Rausch der Fähnchen und Flaggen unterging – selbst die klassischen roten Briefkästen trugen königliche Häkelhauben.
So eisern die Maxime des königlichen Pflichtbewusstseins die private Freiheit der königlichen Familie einschränken mag – die Rolle einer obersten Dienerin des Volkes hat Elizabeth II. ihr Leben lang glaubwürdig verkörpert. Und sich damit die Hochachtung auch jener erworben, die eine konstitutionelle Monarchie nicht unbedingt als passende Staatsform für das 21. Jahrhundert ansehen.