Neue Pisa-Studie
: Historischer Tiefstand – Deutschlands Schüler so schwach wie nie

Ein Drittel der Jugendlichen in Deutschland verfehlt laut Pisa die Basiskompetenzen in Lesen und Mathematik. Der Abwärtstrend ist stärker als in vielen Nachbarländern.
Von
dpa
Berlin

Laut der Pisa-Studie haben immer mehr Jugendliche Probleme mit „sehr grundlegenden Anforderungen“.

Jens Kalaene/dpa
  • Pisa zeigt in Deutschland die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der Erhebungen.
  • Lesen, Mathe und Naturwissenschaften fielen unter die Werte der ersten Studie im Jahr 2000.
  • Ein Drittel fehlt in Lesen und Mathe Basiswissen, in Naturwissenschaften ein Viertel.
  • Top-Leistungen sinken auf unter zehn Prozent – Deutschland liegt nur etwa im OECD-Durchschnitt.
  • Bildungserfolg hängt stark vom Elternhaus ab; Frühbildung und datengestützter Unterricht gelten als Schlüssel.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

In der neuen Bildungsstudie Pisa schneiden Schülerinnen und Schüler in Deutschland so schlecht ab wie nie zuvor. In Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften wurden bei den hier getesteten 15-Jährigen „die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der Pisa-Erhebungen erzielt“, heißt es in der neuen Ausgabe der internationalen Vergleichsstudie. Die Ergebnisse liegen somit auch niedriger als bei der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000. 

Damals hatten die schwachen Werte in Deutschland eine intensive Debatte und Bildungsreformen ausgelöst – der sogenannte Pisa-Schock. „Ich möchte nicht bewerten, ob wir jetzt vom nächsten Pisa-Schock sprechen müssten“, sagte Studienleiter Samuel Greiff von der Technischen Universität München der Deutschen Presse-Agentur. „Aber ich kann sagen, dass wir bei Pisa 2025 historisch niedrige Kompetenzstände sehen.“

Als Gründe gelten eine veränderte Schülerschaft und schwierige Lernvoraussetzungen. Als wichtigste Rezepte zur Besserung nennt Greiff frühkindliche Bildung und eine datengestützte Entwicklung des Unterrichts.

„Große Probleme mit sehr grundlegenden Anforderungen“

2025 fehlten einem Viertel der rund 6.700 in Deutschland getesteten Jugendlichen Basiskompetenzen in Naturwissenschaften. In Lesen und Mathematik galt das laut Pisa sogar für ein Drittel der Schülerinnen und Schüler. Zugleich sank laut Studie der Anteil der Jugendlichen mit besonders hohen Kompetenzen und liegt in allen drei Gebieten nun bei weniger als zehn Prozent. „Wir haben eine immer größer werdende Gruppe von Jugendlichen, die mit sehr grundlegenden Anforderungen große Probleme haben“, sagte Greiff.

Insgesamt erreichten die in Deutschland getesteten Schüler in Naturwissenschaften im Durchschnitt 486 Punkte, im Lesen 465 Punkte und in Mathematik 464 Punkte. 2022 waren es 492 in Naturwissenschaften, 480 im Lesen und 475 in Mathematik. 

Deutschland ist Durchschnitt – Negativtrend auch anderswo

Selbst mit den gesunkenen Punktzahlen liegt Deutschland etwa beim Durchschnitt aller teilnehmenden Länder der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die in der Pisa-Studie traditionell verglichen werden. Auch in anderen OECD-Staaten zeige sich ein Negativtrend, allerdings falle der in Deutschland besonders deutlich aus, erklären die Studienmacher. 

In 14 OECD-Staaten waren die Ergebnisse in der Studie klar besser als in Deutschland, darunter Estland, Kanada, die Schweiz und Österreich. Länder wie die Niederlande oder Frankreich lagen mit Deutschland etwa gleich auf. „Wir sind zwar nicht dramatisch abgehängt“, sagte Greiff. „Aber wir werden unserem eigenen Anspruch als Bildungsnation nicht gerecht. Wir spielen nicht mit unter den Top-Staaten.“ Weltweit durchliefen 760.000 Jugendliche in 91 Staaten die Vergleichstests, darunter auch Nicht-OECD-Staaten.

Elternhaus gibt den Ausschlag 

Pisa 2025 bestätigt die Erkenntnis, dass in Deutschland der schulische Erfolg stärker als in anderen Ländern vom Elternhaus abhängt. Seit 2015 nimmt diese Kluft sogar wieder zu. „Der Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status und dem Bildungserfolg ist in Deutschland etwa dreimal so stark wie in Kanada“, sagte Greiff. „In Deutschland sind nur zwei von 100 sozial benachteiligten Schülern leistungsstark. Unter sozial Privilegierten sind es 25 von 100.“

Auf die Frage nach den Gründen für den Abwärtstrend beim Bildungserfolg nannte Greiff mehrere Faktoren. „Nach Pisa 2000 haben wir uns deutlich verbessert, das hat unglaubliche Reformkräfte freigesetzt“, sagte der Psychologe und Bildungsforscher. „Aber seit 10 Jahren beobachten wir einen Knick. Es war offenbar der Eindruck, dass wir jetzt ganz gut dastehen und dass die große Aufholjagd geschafft ist. Und dann wurde das Thema Bildung nicht mehr ganz so wichtig genommen.“

Kommt das Schulsystem mit? 

Zugleich sei die Schülerschaft in den vergangenen Jahren unterschiedlicher geworden, fügte Greiff hinzu. Grund sei nicht nur Zuwanderung. Es gebe stärkere soziale Unterschiede und immer mehr psychosoziale Problemlagen. „Die Trennlinie läuft nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungshintergrund, sondern zwischen Jugendlichen aus sozial privilegierten und sozial benachteiligten Familien“, sagte der Experte. 

„Die Frage ist, wie gut das Bildungssystem auf Unterschiede eingestellt ist“, fügte er hinzu. „Viele Staaten schaffen es, unterschiedliche Voraussetzungen in eine Stärke der Vielfalt umzuwandeln.“ In Deutschland klappe das nicht überall. Als Problemlagen nannte Greiff frühkindliche Bildung, Lehrkräftemangel und Digitalisierung. 

Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) analysiert die Lage ähnlich. „Unser Bildungssystem in Deutschland steht vor enormen Herausforderungen“, sagte sie der dpa. „Es nützt aber nichts, darüber zu lamentieren. Das ist die Realität, und darauf muss sich das Schulsystem insgesamt besser einstellen.“ Wichtige Weichen seien bereits gestellt für eine bessere frühkindliche Bildung, einen besseren Übergang zwischen Kita und Schule und die Stärkung sogenannter basaler Kompetenzen: „Lesen, Schreiben, Rechnen“.