„Ich könnte seit drei Jahren tot sein“. Dieser Satz schießt Wolfgang Wachs manchmal durch den Kopf. In schönen Momenten, aber auch, wenn er an sein früheres Leben denkt. Vorbei. Wachs war Notarzt aus Leidenschaft. Am liebsten würde er sofort wieder in einen gelben Rettungshubschrauber steigen. Doch mit Ende 50 brauchte er eine neue Lunge.

9000 Menschen warten auf Organe

Am 5. Juni ist Tag der Organspende. Es ist der Tag für fast 9000 Menschen in Deutschland, die zurzeit auf ein Organ warten. Für rund jeden Zehnten unter ihnen wird es wahrscheinlich zu spät sein, bevor sich eine Chance ergibt. Chance heißt fast immer, dass jemand gestorben ist. Es ist auch der Tag all jener Menschen, die ermöglicht haben, dass andere weiterleben.
Neue Gesetze aus dem Jahr 2019 haben bisher allerdings kaum etwas daran geändert, dass immer noch zu wenige Bundesbürger ihren Willen zur Organspende dokumentieren. 2020 war es nur rund ein Fünftel aller Gestorbenen, die für eine Organspende in Betracht kamen (18 Prozent). Was nicht automatisch heißt, dass alle anderen nicht bereit gewesen wären. Das bleibt die Krux der Zustimmungslösung, die der Bundestag vor zwei Jahren erneut festgeschrieben hat.

Deutschland ist Ausnahme in Europa

Mit dieser Haltung steht Deutschland im europäischen Organspendeverbund Eurotransplant allein da. In allen anderen Staaten dieses Bündnisses müssen Bürger einer Organspende widersprechen. Im Ergebnis gibt es dort deutlich mehr Spender. Ethisch mag diese Konstruktion seltsam anmuten. Denn Organe aus Ländern mit der Widerspruchslösung, die der Bundestag nach langer Debatte ablehnte, sind willkommen: Deutschland ist ein „Nehmerland“.
Bei Wolfgang Wachs war es mehr als knapp. Als er sein Holzhaus nahe Potsdam im Winter 2018 verließ, wusste er nicht, ob er zurückkehren würde. Ob er noch einmal auf seiner Gartenterrasse mit der Leuchttafel „Notaufnahme“ sitzen würde, ein Scherz aus besseren Tagen. Oder im Zimmer mit der Ahnengalerie, vom Ur-Urgroßvater an, alle waren sie Mediziner. Doch das hilft nicht bei Lungenfibrose, einer Erkrankung, die zum Erstickungstod führt.
In der Berliner Charité mit Beatmungstechnik wartete Wachs Woche um Woche. Er konnte kaum noch sprechen, kaum noch essen, Hustenanfälle quälten ihn. Er blätterte durch das druckfrische Buch über seine Einsätze mit dem gelben Hubschrauber. „Retten mit Herz - Für das Leben“. Es war so etwas wie sein Vermächtnis. Der Wunsch, das etwas von ihm bleibt.

Tragische Szenen im OP

Ende Januar 2018 gab es Hektik auf der Klinikstation: „Wir haben eine Lunge.“ Wolfgang Wachs erinnert sich, wie euphorisch er war in jener Nacht. Der OP vorbereitet, Kollegen hielten die Daumen hoch. Doch dann passierte - nichts. Schließlich sagte der Chirurg: „Wir können dieses Organ nicht transplantieren. Es ist zu schlecht.“ Für Wachs war das der schlimmste Moment seit der Diagnose seiner Krankheit vor rund zehn Jahren. „Ich hab mich gefragt, ob das jetzt meine letzte Chance war.“
In Deutschland sind 2020 mehr als 700 Menschen gestorben, denen mit einer Organspende hätte geholfen werden können. Es ist nicht allein die Knappheit. Auch die biologischen Merkmale von Spender und Empfänger müssen zusammen passen. Alles muss blitzschnell gehen. Organe werden in speziellen Transportkisten in einer konservierenden Lösung und auf Eis gelagert, um mit Auto, Flugzeug oder auch per Hubschrauber zum todkranken Patienten gebracht zu werden. Aufgrund des eklatanten Mangels werden immer mehr Organe von älteren Spendern verpflanzt.
Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) ist froh, dass die Pandemie die Organspende in Deutschland nicht noch weiter ans Limit gebracht hat. Trotz der zeitweisen Überlastung der Intensivstationen haben nach den DSO-Zahlen im vergangenen Jahr 913 Menschen nach ihrem Tod ein oder mehrere Organe gespendet. Das entspricht 11 Spendern pro einer Million Einwohner, fast genauso vielen wie 2019. Noch 2017 lag dieser Wert bei 9,7. Das hing wohl auch mit dem deutschen Organspendeskandal zusammen. An mehreren Kliniken waren 2012 Manipulationen an Krankenakten aufgedeckt worden. Ärzte hatten ihre Patienten auf dem Papier kränker gemacht als sie waren, damit sie auf den Wartelisten für Organe weiter nach oben rückten.
Skandal um Organspenden
Mit der Aufarbeitung des Skandals fiel mehr Licht auf das ganze Dilemma: Weniger als ein Prozent der Sterbenden in Deutschland kommen überhaupt für eine Organspende in Frage. Häufig sind es Unfallopfer oder Patienten mit massiven Hirnschädigungen durch Krankheiten. Bei ihnen muss der irreversible Hirntod eingetreten sein, während das Herz-Kreislaufsystem noch künstlich aufrechterhalten wird. Und es muss eine Zustimmung zur Organspende vorliegen.
Liegt kein Spenderausweis oder eine andere Erklärung vor, müssen Angehörige die Entscheidung treffen. In Notfall-Situationen kann das eine Überforderung sein. Auch Patientenverfügungen sind nicht immer eindeutig. Ist Organspende nicht als Ausnahme genannt, werden die intensivmedizinischen Maßnahmen eingestellt. Ärzte behandeln den Patienten dann seinem Wunsch entsprechend palliativ weiter. Das macht Organspende unmöglich.
Im März 2022 soll als weiterer Baustein das Gesetz zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft in Kraft treten. Dann sollen zum Beispiel Hausärzte und Fahrschulen das Thema Organspende aktiv ansprechen. Es soll ein Online-Register geben, in das jeder seinen Willen eintragen oder auch wieder ändern kann. Jeder könne von einen Tag auf den anderen ein Spenderorgan benötigen, sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). „Ich finde, allein aus dieser Erkenntnis heraus gibt es auch zumindest so etwas wie eine moralische Verpflichtung, sich mit der Frage zu beschäftigen.“

Potsdam/Frankfurt/Main

Tod gehört zum Beruf eines Notarztes

Wolfgang Wachs war der Tod als Notarzt immer nah. Er hat viele Menschen sterben sehen. Er hat aber auch viele retten können. Er besitzt ein Fotobuch, ein Geschenk. Auf dem Einband ist ein lachender Junge zu sehen. „Er war im Gartenteich fast ertrunken“, sagt Wachs. Damals kam er mit dem Rettungshubschrauber, hat das Kleinkind mit Kollegen wiederbelebt. Der Junge sei heute ein guter Schüler, sagt Wachs.
Es war das, was in Gedanken blieb, als er selbst in der Klinik lag, erinnert er sich. Und doch sei es eher seine Partnerin gewesen, die Anfang 2018 noch an seine Rettung glaubte. Es brauche Willen, Disziplin und eine große Portion Humor, um das Warten, die OP und das Danach zu ertragen. „Aber das Wichtigste ist, jemanden an seiner Seite zu haben.“
Wachs hat im Februar 2018 im zweiten Anlauf eine neue Lunge bekommen. 16 Stunden dauerte die Transplantation. Er sagt, er habe nichts ausgelassen, was es danach an Komplikationen geben könne: innere Blutungen, Herzrhythmusstörungen, Netzhautablösung, Gichtanfälle und zwei Mal eine Sepsis. 176 Tage blieb er als Patient im Krankenhaus. Er muss für den Rest seines Lebens Medikamente schlucken. Auch die Sorge vor einer Abstoßung der fremden Lunge bleibt.
Ein Jahr später hat Wachs als Arzt eine Fortbildung zum Transplantationsbeauftragten gemacht. „Es war der Wunsch, für mein Geschenk eine Art Dank an die Gesellschaft zurückzugeben.“ Transplantationsbeauftragte sind Mediziner, die mit dem neuen Gesetz in Kliniken mit Intensivbetten freigestellt werden sollen. Ihre Aufgabe ist es, mögliche Organspender zu erkennen sowie Abläufe festzulegen und zu begleiten.
In Deutschland hat das bis 2019 nicht immer gut funktioniert. Nur die Hälfte der damals bundesweit rund 1300 Entnahmekliniken, die von den Bundesländern bestimmt werden, meldeten sich bei der DSO. Mit dem neuen Gesetz gibt es eine Berichtspflicht dieser Kliniken. Sie müssen dokumentieren, warum ein Gestorbener nicht für eine Organspende in Betracht kam und zum Beispiel keine Hirntoddiagnostik gemacht wurde. Damit soll auch transparent werden, wie viele mögliche Organspender es wirklich gibt.
Seit dieser Berichtspflicht stieg die Zahl der Organspender bis März 2020 in Deutschland überdurchschnittlich an. Dann kam die Pandemie. Die Zahlen gingen wieder zurück. Insgesamt blieben sie im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, deren Intensivmedizin durch die Corona-Wellen noch weit mehr beansprucht wurde, aber stabil.

Gesundheit ist ein Geschäft

Es gehe in der Zusammenarbeit mit den Krankenhäusern nicht um Kontrolle, sondern um ein partnerschaftliches Miteinander, betont DSO-Vorstand Axel Rahmel. „Wir wollen unterstützen und motivieren.“ Im harten Krankenhausgeschäft ist das kein leichter Job. Damit Widerstände fallen, sei die Vergütung für Organentnahme mit bis zu rund 19 000 Euro realistisch angepasst worden, ergänzt der Vorstand. Das sei rund 3,5 mal mehr als früher. Lukrativ werde eine Organspende damit trotzdem nicht. „Das soll auch nicht passieren“, sagt Rahmel. Es gehe allein darum, sie nicht dadurch zu verhindern, dass Kliniken am Ende draufzahlen müssten.
Wolfgang Wachs war enttäuscht, als er auf seine ersten Bewerbungen als Transplantationsbeauftragter keine Antworten erhielt. Dann kam die Pandemie. Schnell war klar, dass ein Lungentransplantierter nicht mehr in einer Klinik arbeiten kann. Inzwischen ist er zweimal gegen Corona geimpft. Doch Hoffnung, wieder als Mediziner arbeiten zu können, hat er mit 63 Jahren wenig. „Meine Arbeit fehlt mir sehr“, sagt er.
Wolfgang Wachs hat ein zweites Buch geschrieben. Für alle, die seinen Weg noch vor sich hätten und für ihre Familien. Aber auch für all jene, die sich noch nie Gedanken über einen Organspendeausweis gemacht hätten. „Notarzt oder Arzt in Not“ soll es heißen. Er sucht einen Verlag.
Wachs hat auch einen Brief geschrieben. Wohl den schwierigsten seines Lebens, sagt er. Er schrieb an Menschen, die er nicht kennen kann, die Familie „seines“ Spenders. Die DSO hat diesen Brief weitergeleitet, Namen oder Adresse erfahren Transplantierte nicht. Angehörige von Organspendern können antworten. Bei Wolfgang Wachs haben sie geschwiegen. „Das muss ich akzeptieren“, sagt er.
Kürzlich hat er vor einem Potsdamer Supermarkt Schreie gehört: „Ein Kind, ein Unfall.“ Er hat seinen Einkaufswagen stehen lassen und ist losgelaufen, innerer Notarzt-Alarm. Bis er merkte, dass er kaum rennen kann vor Luftnot. Er hat das Kind untersucht. „Es war Nasenbluten.“