Nach der Aufhebung der Reisewarnung für Mallorca werden trotz steigender Infektionszahlen die Rufe nach Osterurlaub auch in Deutschland immer lauter. Aus den Urlaubsländern Bayern und Mecklenburg-Vorpommern kommen entsprechende Forderungen mit Blick auf die Bund-Länder-Konferenz zur Corona-Pandemie am kommenden Montag. Er erwarte dort „ein klares Signal für Osterurlaub in Deutschland“, sagte Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) der Funke Mediengruppe. Ostern fällt in diesem Jahr auf das erste April-Wochenende.
Auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) mahnte rasche Entscheidungen an. „Wir werden über Ostern reden müssen“, sagte sie bereits am Dienstag. „Ich glaube, dass es schwer vermittelbar ist, dass die Bundesregierung einerseits jetzt wieder Urlaub in anderen Ländern freigegeben hat, zum Beispiel Urlaub auf Mallorca, und gleichzeitig kein Urlaub im eigenen Bundesland möglich ist.“ Ähnlich hatte sich zuvor schon der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Thomas Bareiß, geäußert.

Der Auslöser: „Malle für Alle“

Losgetreten wurde die Debatte mit der Entscheidung der Bundesregierung am vergangenen Freitag, Mallorca und weitere Regionen in Spanien, Portugal, Dänemark sowie die Bahamas von der Liste der Corona-Risikogebiete zu streichen und die Reisewarnung aufzuheben. Im Klartext bedeutet das für Mallorca: keine Quarantäne mehr, weder bei Einreise noch Rückkehr. „Malle für alle“ titelte die „Bild“-Zeitung am nächsten Tag. Die Buchungszahlen explodierten. Eurowings legte sofort 300 zusätzliche Flüge auf, TUI zog die Ostersaison um eine Woche vor und will schon an diesem Wochenende die ersten Hotels an der Playa de Palma wieder öffnen.
„Ein bisschen fühlt es sich schon wie früher an“, freut sich Beatrice Ciccardini, Wirtin der Bar „Zur Krone“ am Ballermann. „Die Woche saßen drei junge Deutsche in Badehose bei mir und haben Sangria getrunken. Die Deutschen fühlen sich sicher auf Mallorca.“ Die Erleichterung über die Rückkehr der Urlauber überdeckt auf der Insel die Angst vor dem Virus.
Überraschend ist der plötzliche Mallorca-Boom nicht. Die Reiseveranstalter haben monatelang auf ein Signal der Bundesregierung gewartet, um endlich loslegen zu können. Das Absurde daran: Die Bundesregierung hat mit ihrer Entscheidung genau das erreicht, was sie eigentlich vermeiden wollte. Sie rät bis heute eindringlich von Reisen - sei es im In- oder Ausland - ab. Bei den Risikogebieten hat sie sich aber selbst einen Automatismus verordnet: Sinken die Infektionszahlen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche unter 50 in einer Region, wird sie von der Risikoliste gestrichen und die Quarantänepflicht aufgehoben - unabhängig davon, wie die Infektionslage im Inland ist.

Problem Nummer 1: Die dritte Corona-Welle

Die Infektionslage im Inland hat sich nun aber genau in die entgegengesetzte Richtung entwickelt, wie die auf Mallorca und in anderen Urlaubsregionen im Ausland. Auf den Balearen, zu denen Mallorca gehört, sank die Inzidenz bis Dienstagabend auf 18,79. In Deutschland liegt sie inzwischen mit 86 mehr als vier Mal so hoch - Tendenz stark steigend. Es besteht inzwischen Einigkeit, dass die dritte Welle Deutschland erfasst hat. Das steigert die Lust auf Urlaub nicht gerade. Oder doch?
Der eine oder andere wird argumentieren: Wenn die Zahlen auf Mallorca weiter sinken, liege ich doch lieber dort am Strand, als in Deutschland im Lockdown zu versauern. Virologen warnen aber, dass zunehmende Mobilität und Sorglosigkeit im Urlaub die Infektionszahlen in die Höhe treiben. „Wenn die Reiseaktivität steigt, dann werden auch die Inzidenzraten steigen. Das ist relativ klar“, sagt der Mainzer Virologe Bodo Plachter. „Im Urlaub möchte man sich erholen, möchte man dann auch Corona vergessen. Und das führt dazu, (...) dass die Vorsicht sinkt und die Infektionsraten steigen.“ Das sei auch schon im Sommer so gewesen.
Die Reiseveranstalter preisen dagegen ihre Hygienekonzepte an und werben damit, dass Pauschalurlaub relativ sicher ist. Ungezügelte Partystimmung ist jedenfalls noch lange nicht an den Ballermann zurückgekehrt. Bei der Einreise nach Mallorca muss ein negativer PCR-Test vorgelegt werden, der nicht älter als 72 Stunden sein darf. Zwischen 22 und 6 Uhr gilt auf der Insel eine Ausgangssperre, Bars und Restaurants müssen um 17 Uhr schließen. Außerhalb des Hotelzimmers gilt Maskenpflicht. In einem Zimmer dürfen nur Mitglieder aus ein und demselben Haushalt untergebracht werden. Diese Regeln sollen auch über Ostern gelten.

Problem Nummer 2: Die Verzweiflung des Gastgewerbes

Trotz aller Bedenken der Virologen und einiger Politiker blickt das einheimische Gastgewerbe sehr neidisch in den Süden. Und mit zunehmender Ungeduld. „Wut und Verzweiflung wachsen ohne Ende. Das ist bitter wie inakzeptabel, dass es keine Öffnungsperspektive für das Gastgewerbe im Inland gibt“, sagt die Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Ingrid Hartges. Nach Dehoga-Angaben ist der Umsatz im Gastgewerbe in den vergangenen zwölf Monaten um 63 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum eingebrochen. 72,2 Prozent der Unternehmer bangten um ihre Existenz.
Das Ostergeschäft sei für viele „der letzte rettende Strohhalm“, meint auch der bayerischer Minister Aiwanger. Tausende Betriebe stünden finanziell und emotional mit dem Rücken zur Wand. „Da darf die Politik nicht mehr länger zusehen.“

Die Entscheidung: Osterferiengipfel bei Merkel

Das Zusehen wird Montag ein Ende haben. Dann berät Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wieder mit den Regierungschefs der Länder über die Pandemiebekämpfung - eine Woche vor Beginn der Osterferien in den meisten Bundesländern. Dabei soll entschieden werden, wie es für das einheimische Gastgewerbe weitergeht. Gesundheitsrisiken müssen mit den Interessen des Gastgewerbes und dem Wunsch nach Urlaub abgewogen werden. Der Ausgang: offen. Mit steigenden Infektionszahlen sinken allerdings die Chancen auf Öffnung.

Der Traum: Urlaub das wenigstens im Sommer

Schon jetzt richten deswegen Politiker und auch Hoteliers bereits den Blick auf den Sommer. In Brüssel stellte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Pläne für ein „Grünes Zertifikat“ als Nachweis für Impfungen, Tests oder eine überstandene Covid-Erkrankung vor. „Mit diesem digitalen Zertifikat wollen wir unseren Mitgliedstaaten helfen, verantwortungsvoll und sicher die Freizügigkeit wiederherzustellen“, sagte die CDU-Politikerin. In den Osterferien wird dieses Zertifikat angesichts der geringen Impfquote aber noch nicht weiterhelfen.
Urlaubsländer wie Österreich setzen deswegen darauf, bereits jetzt auf die vollständige Wiederherstellung der Reisefreiheit im Sommer hinzuarbeiten. Auch auf Mallorca ist man sich bewusst, dass es jetzt vor allem darum gehen muss, sich die Sommersaison nicht mit einer neuen Infektionswelle zu verderben. „Am wichtigsten ist, dass wir mit einer guten gesundheitlichen Lage die Hauptsaison im Sommer erreichen“, betont der balearische Tourismusminister Iago Negueruela.