Energiewende
: Lange Leitung in den Süden nötig

Die Energiewende krankt noch an der Infrastruktur. Erst wenn sauberer Strom durch Leitungen fließt, ist sie gelungen.
Von
Igor Steinle
Berlin
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Thomas Bareiß (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium

privat

Die Energiewende macht gewaltige Anstrengungen nötig. Vor allem muss die Frage beantwortet werden, wie der ökologisch gewonnene Strom aus dem windreichen Norden zu den industriellen Zentren im Süden transportiert werden kann. Das Wirtschaftsministerium will Tempo machen.

Bis 2022 wird das letzte Kernkraftwerk abgeschaltet sein. Gleichzeitig sollen erneuerbare Energien massiv ausgebaut werden. Das hat Folgen für das Stromnetz: Es droht an seine Kapazitätsgrenze zu gelangen, denn der Netzausbau geht bisher nur langsam voran — eines der großen Probleme der Energiewende. Vor allem der Bau großer „Stromautobahnen“, die Windstrom vom Norden in die großen Industrie–Verbrauchszentren nach Süddeutschland bringen sollen, stockt. Von 5900 Trassenkilometern wurden bisher nur 250 gebaut. Das Wirtschaftsministerium hat es sich in dieser Legislatur deswegen zur Aufgabe gemacht, den Ausbau zu beschleunigen.

So soll ein Gesetz nun Planungs– und Genehmigungsverfahren beschleunigen. „Dabei schärfen wir auch die Zuständigkeiten von Bund, Ländern und Kommunen beim Netzausbau“, sagte Thomas Bareiß (CDU) als zuständiger Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium dieser Zeitung. Weil Kompetenzen unklar geregelt waren, kam es oft zu Verzögerungen. Der CDU–Politiker ist sicher: „Wenn die Bauphase losgeht, werden wir einen deutlichen Anstieg der Kilometer sehen.“

Ein weiteres Hindernis beim Netzausbau sind jedoch auch Klagen betroffener Anwohner. Der Staatssekretär kann die Sorgen der Bürger nachvollziehen, die gesundheitliche Beeinträchtigungen und eine Verschandelung der Landschaft durch die Leitungen fürchten. „Bürger können sich in allen Planungs– und Ausbaustufen des Netzausbaus beteiligen“, versichert Bareiß. Man werde außerdem „klarer regeln, welche Entschädigungen Grundstückseigentümer und Landwirte bekommen.“  Ziel sei, dass die Betroffenen dann auch schneller ja zu den Vorhaben sagen.  Momentan werde das Gesetz noch im Bundestag bearbeitet. Bareiß hofft, dass es spätestens im Mai beschlossen werden kann.

Um zu verdeutlichen, welche Schwierigkeiten sich stellen, lohnt sich ein Blick auf die die sogenannte Suedlink–Trasse, die von den Netzbetreibern Tennet und TransnetBW gebaut werden soll: 20 Kilometer der Stromtrasse sollen nach ersten Plänen der Unternehmen durch Schleswig–Holstein führen, mit 315 Kilometern bekommt Niedersachsen den Plänen zufolge den längsten Teil der Kabel, die überwiegend unterirdisch verlaufen sollen. Durch Hessen sollen 59 Kilometer führen, 78 durch Thüringen, 135 durch Bayern und 97 Kilometer durch Baden–Württemberg. Die Bundesnetzagentur kann den Verlauf aber noch ändern, zudem ist auch politisch hoch umstritten, durch welche Gebiete die Trasse verlaufen soll.

Besondere Probleme bereitet diese Frage in Bayern. In einem ersten Kompromiss war entschieden worden, die Kabel dort möglichst unterirdisch zu verlegen. Nach derzeitigem Stand der Technik werden die Unternehmen dazu acht Kabel, die zehn bis 15 Zentimeter dick sind, in etwa 1,80 Meter Tiefe vergraben, dafür wird ein Korridor von etwa 30 Metern Breite benötigt, ein sogenannter Schutzstreifen.

Während der Bauarbeiten muss der Korridor zum Baggern 40 bis 50 Meter breit sein. Hauptsächlich dürften die Kabel dann unter Feldern verlaufen. Tennet und TransnetBW hoffen, rechtzeitig auf eine neue Technologie umsteigen zu können, mit der nur noch vier Kabel notwendig wären – dann wäre der Korridor nur noch halb so breit. Mit zahlreichen Klagen gegen den Ausbau ist zu  rechnen.

Auch deshalb wird Suedlink  nach optimistischen Schätzungen frühestens 2025 fertig. Die Rede ist von einer Kapazität von vier Gigawatt Strom. Insgesamt soll die Trasse nach derzeitigen Berechnungen rund zehn Milliarden Euro kosten.

Trotz der enormen Kosten nimmt Bareiß die Energiewende in Schutz. Einen so schnellen Ausbau erneuerbarer Energien habe noch keine Industrienation geschafft. „Es muss jedem klar sein, Klimaschutz gibt es nicht zum Nulltarif“, so Bareiß. Dennoch seien erneuerbare Energien heute so günstig, dass sie oftmals ohne Subventionen auskommen, so der Staatssekretär.