Geburtstag
: Lothar de Maizière - der Ossi-Anwalt

Im Westen verwechseln sie ihn immer mal wieder mit seinem Cousin Thomas. Im Osten ist Lothar de Maizière bekannt.
Von
André Bochow
Berlin
Jetzt in der App anhören

Immer noch Anwalt: Lothar de Maizière. Er war einer der Architekten der deutschen Einheit. Heute ist das in weiten Teilen Deutschlands fast vergessen. Das könnte an der Art der Vereinigung liegen. Am Montag wird der Ex-DDR-Ministerpräsident 80 Jahre alt.

Soeren Stache/dpa

„Als ich mit der Politik begann, wog ich 67 Kilo“, hat Lothar de Maizière dieser Zeitung mal erzählt. „Am Tag der deutschen Einheit waren es noch 51 Kilo.“ Trotzdem schwärmt de Maizière von dem „unglaublichen Hochgefühl“ damals. „Wir hatten enorme Freiräume und konnten wirklich etwas verändern.“ Daran hätte er vor 1989 nicht geglaubt. „Aber so kam es dann. Und ich durfte an führender Stelle mitwirken. Das war schon großartig. Aber ich habe mich nicht danach gedrängt.“

Dass es auf die Vereinigung hinauslief, war klar. „Ich komme nicht mit einem Volk von Analphabeten“, hat er zu Helmut Kohl gesagt. „Ich habe mich damals als Anwalt der Ostdeutschen empfunden. Meine Sorge war, dass die DDR-Bürger im Vereinigungsprozess unter die Räder kommen und dass ihnen ihre Würde genommen wird.“ Dass bei der ersten gesamtdeutschen Wahl nicht ein erstes gesamtdeutsches Parlament, sondern einfach der 12. Bundestag gewählt wurde, sieht er heute noch als kollektive Kränkung. „Wenn Kohl im Raum war, hat niemand mehr hineingepasst“, hat de Maizière öfter gesagt. Auf eine Journalistenfrage, was Kohl  und ihn unterscheide, war die Antwort: „das Gewicht“. Das war nicht nur körperlich gemeint.

Der Ostdeutsche wusste, wessen Land ökonomisch hoffnungslos unterlegen war. Aber de Maizière wusste sich zu wehren. Als er bei einem Konzert im Juni 1990 bei einem Empfang des Kanzlers Kohl auf der Bratsche Händel spielte, der Konzertmeister seiner Genugtuung darüber Ausdruck verlieh, in einem Land zu leben, in dem Ministerpräsidenten Musik machten, habe er Kohl das Instrument hingehalten und zum Spielen aufgefordert.

Der wenig musische Kohl soll nicht amüsiert gewesen sein. Als die Einheit vollzogen war, folgte für den politisierenden Musiker noch eine kurze Phase als Minister ohne Geschäftsbereich. Dann gab es Stasi-Vorwürfe, denen sich der schmächtige Hugenottennachfahre entgegenstemmte, um dann doch das Staatsamt und seinen CDU-Vizeposten niederzulegen. Der Verlust war für ihn ein Gewinn. Seine Karriere vom Musiker, zum Anwalt, zum Politiker nannte er „einen einzigen beruflichen Abstieg“. Das war nicht nur ironisch gemeint.

Musiker konnte der studierte Bratschist aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr werden. Also zurück in die Kanzlei. Anwalt ist de Maizière bis heute. In der DDR hat er Dissidenten verteidigt. Kontakte zur Stasi hat er nie bestritten.

Im Nicht-Rechtsstaat DDR musste man als Anwalt auch mit dem Teufel speisen. Ob der Löffel immer lang genug war? Wer kann das schon beurteilen? „Inoffizieller Mitarbeiter war ich nie“, sagt der Mann, der als vermeintlicher IM durch die Medien ging. Die Stasiunterlagen-Behörde hat keine Anhaltspunkte für eine Spitzeltätigkeit gefun-den.

Heute sieht er mit einigem Stirnrunzeln auf die Einheit. Wie häufig über Ostdeutsche gesprochen wird, passt ihm nicht. Das sei respektlos. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schreibt zu Lothar de Maizières 80. Geburtstag: „Ich danke Ihnen für manche entschiedene deutliche Wortmeldung, wenn Sie Fehler und Ungerechtigkeiten in der nun schon 30-jährigen Geschichte der deutschen Einheit deutlich beim Namen nannten.“ Der Dank wird den Jubilar freuen.

Zur Person

Lothar de Maizière wurde am 2. März 1940 im thüringischen Nordhausen geboren. Er ist verheiratet, hat drei Töchter und ist Nachfahre hugenottischer Einwanderer. Thomas de Maizière ist sein Cousin. Von 1959 bis 1965 studierte Lothar de Maizière Viola.  Er war im Rundfunk-Sinfonieorchester Bratschist. Wegen einer Nervenentzündung am linken Arm musste er die Karriere beenden, studierte Recht und ist seit 1975 Anwalt. 1990 war der Protestant für einige Monate Ministerprasident der DDR.   ⇥abo