Im Interview
: Charlotte Knobloch: „Mir fehlt der Aufschrei“

Mehr Anstrengungen im Kampf gegen Antisemitismus fordert die Präsidentin der Israelitischen Gemeinde in München.
Von
Elisabeth Zoll
Berlin
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Zu viel Häme und Hass werden ungestraft geduldet – das kritisiert, Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Lino Mirgeler/dpa

Frau Knobloch, welche Bedeutung hat für Sie der seit 2005 begangene Holocaust–Gedenktag am 27. Januar?

Der Gedenktag an die Befreiung des KZ Auschwitz ist zu einem Erinnerungstag geworden, der Gemeinschaften verbindet. Das hätte ich mir nicht vorstellen können. Doch gibt es heute fast keine Bildungseinrichtung mehr, die nicht zu diesem Tag Veranstaltungen macht.

Lässt sich der jungen Generation das Furchtbare noch vermitteln?

Es beginnt schwierig zu werden. Doch es gibt junge Menschen, die sich bewusst mit dem Thema befassen. Das war früher nicht so. Da sagte man mir, wir sind hier, weil wir eine Pflichtstunde haben. Heute fragen junge Menschen nach, weil sie nicht begreifen können, warum Menschen anderen Menschen das angetan haben. Früher fühlten sich die jungen Leute immer gleich schuldig. Das waren sie nicht. Aber sie sind diejenigen, die uns garantieren müssen, dass sich solche Verbrechen nicht wiederholen.

Bisher bilden Zeitzeugen eine Brücke des Verstehens. Wird sie abbrechen, wenn Ihre Generation nicht mehr sprechen kann?

Das weiß ich nicht. Sicher wird die Erinnerungs– und Gedenkkultur anders werden. Den 27. Januar wird es weiter geben. Dass man sich mit ihm künftig auseinandersetzt, kann ich nur hoffen. Überzeugt davon bin ich nicht.

Was heißt dann aus der Geschichte lernen? Ein Satz, der so schnell dahin gesagt ist.

Ja. Vor kurzem hätten wir uns doch noch gar nicht vorstellen können, mit welchen Themen wir uns wieder beschäftigen müssen. Dieser neue Hass und die neuen Anfeindungen.

Undenkbares wird inzwischen wieder ausgesprochen. Da ist vom „Vogelschiss der Geschichte“ die Rede, wo Millionen Menschen ermordet wurden. Wie bewerten Sie das?

Antisemitismus hat es immer gegeben. Neu sind die Wucht, die Häme und die Ausdrucksweisen, die ungestraft geduldet werden. Das macht mir zunehmend zu schaffen. Wir erleben heute Judenhass.

Von wem wünschten Sie sich klare Signale?

Von den Verantwortlichen — in Politik, Kirchen, Gewerkschaften, allen Verantwortlichen, die mit Menschen zu tun haben. Mir fehlt der Aufschrei. Die Menschen müssen aufgerüttelt werden. Möglicherweise müssen auch die Gesetze nachgeschärft werden. Fehlenden Nachdruck kann es in jedem anderen Land geben, aber nicht hier.

Führen Sie den neuen Judenhass auf rechtspopulistische Bewegungen zurück oder hat er andere Wurzeln?

Es gab immer alte Antisemiten. Sie haben sich jetzt mit den neuen Gruppierungen zusammengeschlossen. Das ist bedrohlich.

Politik und Medien diskutieren darüber, wie wir mit diesen rechtspopulistischen Gruppierungen umgehen sollen. Sollen wir auf jede ihrer Provokationen eingehen oder nicht? Was meinen Sie?

Da gibt es keine einfache Antwort. Ganz sicher ist die jetzige Situation nicht gut. Auf den Judenhass muss auf jeden Fall reagiert werden. Es braucht mehr Anstrengung, um die AfD in die Schranken zu weisen. Dass diese Partei mit ihrem offenen Hass so viel Zustimmung bekommt, ist tragisch. Wir leben derzeit in guten Verhältnissen. Ich mag mir nicht vorstellen, wie sich die Situation entwickelt, wenn es wirtschaftlich abwärts geht. Jeder Tag, der von Antisemitismus geprägt ist, schürt neuen Antisemitismus.

Macht Ihnen das Angst?

Ja. Ich fürchte, wir werden da noch einige Überraschungen erleben.

Seit kurzem prüft der Verfassungsschutz die AfD. Kommt der Schritt zu spät?

Ja sicher. Der Schritt kommt viel zu spät. Diese Auswüchse hat die Bundesrepublik Deutschland nicht verdient.

In der AfD hat sich gerade die Gruppe „Juden in der AfD“ gegründet. Was halten Sie davon?

Diese Personen sind nicht ernst zu nehmen. Möglicherweise verstehen sie auch einfach nur die Zusammenhänge nicht.

Zum neuen Judenhass kommt noch der Antisemitismus, den Einwanderer aus arabischen Staaten mitbringen. Welche Reaktionen wünschen Sie sich von der Politik?

Viele Zuwanderer sind überrascht, dass in Deutschland der Blick auf Juden ein anderer ist. Der Antisemitismus der Flüchtlinge wird oftmals verstärkt durch Antisemitismus der hier lebenden Muslime. Deutschland muss klar machen, dass, wer dieses Feindbild pflegen will, nicht in Deutschland leben kann. Wir brauchen nicht auch noch einen importierten Antisemitismus.

Sie sind 86 Jahre alt und setzen sich mit großer Energie für gesellschaftliche Fragen ein. Was treibt Sie an?

Lange Zeit war es die Freude, dass jüdisches Leben in Deutschland wieder eine Zukunft hat. Das gilt weiter. Nur gibt es Einbrüche. Es wäre ein Desaster, wenn junge Familien zu zweifeln begännen, ob sie in Deutschland noch eine Zukunft haben.

Und woher nehmen Sie Ihre Kraft?

Aus der Hoffnung, dass ein Miteinander möglich ist. Man kann das nicht dem Zufall überlassen. Ich wollte immer noch erleben, dass es eine Normalität zwischen Juden und Nicht–Juden in Deutschland gibt. Derzeit sehe ich da leider Rückschläge.