Interview: „Asozialen“ und „Berufsverbrecher“: Jan Korte über die Anerkennung als Opfer der NS-Diktatur

Hätte gern eine Debatte über die deutschen Beziehungen zu Diktaturen in aller Welt nach 1945: Jan Korte, Parlamentarischer Geschäftsführer der linken Bundestagsfraktion, setzt sich aber auch mit der Geschichte des Stalinismus auseinander.
Fabian Sommer/dpaHerr Korte, manche wollen ein Denkmal für die polnischen Opfer, andere eines für die der Sowjetunion. Was wollen Sie?
Ich bin für einen gemeinsamen Gedenkort. Für die Opfer der sogenannten „Lebensraumpolitik im Osten“. Diese Opfer des NS-Vernichtungskrieges gab es in ganz Osteuropa, die meisten davon in den ehemaligen Sowjetrepubliken. So etwas wie eine „Nationalisierung des Gedenkens“ sollte es nicht geben.
Es gibt viele Gedenkorte. Brauchen wir wirklich einen weiteren?
Es handelt sich um eine der größten Opfergruppen und die wurde in der Vergangenheit, jedenfalls was das Gedenken im Land der Täter angeht, weitestgehend ignoriert. Es ist eine Schande, dass erst jetzt ernsthaft über einen Gedenkort diskutiert wird.
Warum hat es so lange gedauert?
Jedes Gedenken, jede Entschädigung, jede Anerkennung von Schuld musste erkämpft werden. Denken Sie an den Kampf so großartiger Personen wie etwa Fritz Bauer. In der alten Bundesrepublik galt zumindest der Krieg gegen die Sowjetunion als geradezu legitim. Oder denken Sie an die Debatte über die Wehrmachtsausstellung in den 90er-Jahren, in denen die Verbrechen des regulären Militärs dargestellt wurden. Das war für viele damals ein Tabubruch. Noch heute sind ja Gauland und Co. stolz auf die Wehrmacht.
Auch deswegen ein Denkmal?
Ja. Ich bin aber überzeugt davon, dass wir damit vor allem ein wichtiges Signal nach Osteuropa senden. Und außerdem soll es ein Lernort werden, der vor allem jungen Deutschen und Europäern das damalige Grauen nahebringt.
2009 ist es Ihnen gelungen, parteiübergreifende Einigkeit über die Rehabilitierung der sogenannten „Kriegsverräter“ herzustellen. Um wen ging es da?
Um einfache Wehrmachtssoldaten, die Juden halfen, sich gegen Hitler äußerten, einem Kriegsgefangenen ein Stück Brot zusteckten oder sich ähnlicher „Verbrechen“ schuldig machten. Die wurden in der Regel zum Tode verurteilt. Dass diese Menschen vollständig rehabilitiert wurden, erfüllt mich heute noch mit großem Stolz. Die Rehabilitation musste mühsam erkämpft werden, so wie vorher bei den Wehrmachtsdeserteuren.
Immer noch gelten die sogenannten „Asozialen“ und „Berufsverbrecher“, die von den Nazis in die KZ gebracht und oft umgebracht wurden, als rechtmäßig verurteilt.
Und das ist durch nichts zu rechtfertigen. Niemand, der in ein KZ kam, war dort zu Recht. Und man muss im Falle der genannten Gruppen klarstellen, um wen es in der Regel ging: Die Nazis zählten zu den „Asozialen“ nach eigenem Bekunden „Bettler, Landstreicher, Alkoholiker, Zigeuner, wandernde Handwerker“, die sie als „Ballastexistenzen“ betrachteten. Die Gruppe wurde dann noch um Tausende deutsche Juden erweitert. Es ist höchste Zeit, diese Menschen als das zu betrachten, was sie waren: Opfer des NS-Regimes.
Im Gegensatz zum Auswärtigen Amt scheint das Kanzleramt ein geringes Geschichtsinteresse zu haben.
Zumindest was den Umgang mit der Nazizeit nach 1945 betrifft. Im Kanzleramt wurde die NS-Vergangenheitspolitik gesteuert. Chef des Bundeskanzleramtes war von 1953 bis 1963 Hans Globke, ein Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze. Die Akten des Kanzleramtes müssen einer unabhängigen Untersuchung zugänglich gemacht werden. Dort wurde schließlich entschieden, dass reihenweise alte Nazis, auch solche, die schwerste Verbrechen begangen hatten, fliehen, untertauchen und in verantwortliche Positionen gelangen konnten.
Zur Person
Jan Korte (42) wurde in Osnabrück geboren, wuchs in Niedersachsen auf und studierte in Hannover Politische Wissenschaften, Soziologie und Geschichte.
Von 1996 bis 1999 war er Chef der grünen Ratsfraktion Georgsmarienhütte. Aus Protest gegen die NATO-Angriffe auf Rest-Jugoslawien wechselte 1999 zur PDS.
Seit 2005 ist Korte Bundestagsabgeordneter und war lange Zeit im Innenausschuss. 2009 holte er in Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) das Direktmandat. 2017 wurde er 1. Parlamentarischer Fraktions-Geschäftsführer. Er gilt als Reformer in seiner Partei, ist verheiratet, hat zwei Kinder. Er ist leidenschaftlicher Angler.