Leitartikel: Zum Start des neuen Schuljahres - zu viel Druck

Mathias Hausding
Gerrit FreitagEs ist aus vielerlei Gründen wirklich gut, dass es am Montag endlich wieder losgeht. Der Druck und die Erwartungen an das neue Schuljahr sind in Brandenburg in den vergangenen Tagen noch einmal massiv gestiegen. Es wirkt ein bisschen wie zum Auftakt einer Fußball-Weltmeisterschaft kurz vor dem ersten Spiel der deutschen Mannschaft: Der Trainer, sprich die Ministerin, steht in der Kritik, das Team, also die Lehrerschaft, ist tendenziell überaltert und weiß nicht, wo es leistungsmäßig steht, dem Nachwuchs, gemeint sind die neu eingestellten Pädagogen, fehlt die Turniererfahrung, und der anstehende Gegner, das Coronavirus, ist unberechenbar.
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Dann sind da noch unzählige Experten, die sowieso alles besser wissen und der deutschen Mannschaft ein frühes Ausscheiden prophezeien beziehungsweise einen erneuten Zusammenbruch des Schulsystems wie zum Corona-Lockdown im Frühjahr vorhersagen. Und der Brandenburger AfD, die sich auf den letzten Drücker auch mal in Sachen Bildung zu Wort gemeldet hat, genügt dieses Untergangsszenario nicht. Sie setzt noch einen drauf, sieht wegen der Maskenpflicht in Schulfluren „die seelische Unversehrtheit unserer Kinder“ in Gefahr.
Angesichts einer solch überhitzten Debatte kann man eigentlich nur den „Kaiser“ Franz Beckenbauer bemühen: "Geht’s raus und spielt’s Fußball!“ Übersetzt: Lasst Lehrkräfte und Kinder nun einfach mal das machen, wozu sie sich seit Einführung der Schulpflicht treffen: lehren und lernen. Die Vorfreude darauf dürfte bei den allermeisten Beteiligten sehr groß sein. Das sollte man jetzt nicht mit sorgenvollen Blicken auf Lernrückstände und möglichen Pflichtunterricht in den Ferien zerreden.
Gelegenheiten für eine Bestandsaufnahme des Schulwesens gibt es auch in einigen Wochen noch genug. Die gesellschaftliche Wertschätzung für das Thema Bildung ist in den vergangenen Monaten noch einmal gestiegen. Das wäre für die im Landtag vertretenen Parteien die Chance, mit guten Analysen der aktuellen Situation und daraus abgeleiteten praxistauglichen Verbesserungsvorschlägen zu punkten. Aber da ist leider wenig zu hören. Die Koalitionsfraktionen scheinen sich hinter der SPD-Bildungsministerin zu verstecken. Vor allem Grüne und CDU sind weitgehend abgetaucht und verbreiten in Stellungnahmen zur Bildungspolitik zumeist lediglich Allgemeinplätze.
Dabei sind die Baustellen wahrlich groß. So verweist die Linke zu Recht auf Reserven bei der Lehrerausbildung. Sie erfolgt am Bedarf vorbei, bringt zu viele Gymnasiallehrer und zu wenige Pädagogen für Grund- und Oberschulen hervor. Ein Konzept zur Gewinnung von Lehrkräften für den ländlichen Raum fehlt völlig. Die Art und Weise, wie neues Personal angeworben wird, ist insgesamt ein Armutszeugnis. Das Youtube-Video und die entsprechenden Infos, mit denen das Ministerium junge Fachkräfte aus ganz Deutschland in die Mark locken will, sind fünf Jahre alt. Auch das Bewerberportal des Landes ist alles andere als einladend gestaltet. Da darf man sich nicht wundern, dass auf immer mehr ungelernte Seiteneinsteiger zurückgegriffen werden muss.
