Medizin: Wenn Apotheker impfen dürfen
Das würde Deutschland 4700 Krankenhauseinweisungen und 41 Grippetote ersparen. Grundlage sind Erfahrungen aus Irland, England und der Schweiz. May meint, dass die Impfquote um zwölf Prozent steigen würde. Bestimmt würden „viele Menschen das Angebot wahrnehmen. Aktuell sind lange Wartezeiten beim Arzt noch eine große Hürde“.
Impfen in der Apotheke würde sich seiner Meinung nach sogar gesamtwirtschaftlich rechnen. Zwar müssten die Kassen an die 340 Millionen Euro mehr bezahlen, dafür würden knapp drei Millionen Krankheitstage wegfallen, was einer jährlichen Kosteneinsparung von über einer Milliarde Euro entsprechen würde. Kein Wunder, dass May das Vorhaben von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) unterstützt, die Möglichkeit von Grippeimpfungen in Apotheken gesetzlich festschreiben zu lassen.
Zunächst ein Modellversuch
Was sich so einleuchtend anhört, ist aber längst noch nicht in trockenen Tüchern. Die Ärzteschaft läuft Sturm gegen das Vorhaben. Sie hatte sich auf dem Ärztetag Ende Mai in Münster erneut gegen das Impfen durch Apotheker ausgesprochen. Denn, so formulierte es der nach acht Jahren aus dem Amt geschiedene Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery in seiner letzten großen Rede: „Impfen ist nicht einfach nur ein Pieks in den Arm.“ Dazu gehörten vorherige Befragungen und Untersuchungen von Patienten sowie Eingriffsmöglichkeiten bei Zwischenfällen. „Impfen gehört in ärztliche Hand.“ Das sieht die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) als Vertretung der Praxisärzte ganz genauso. Impfen sei „eine originär ärztliche Aufgabe“, betont KBV–Vizechef Stephan Hofmeister. Und der Bundesvorsitzende des Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, findet, dass Impfungen immer in einer Umgebung stattfinden sollten, „in der eine ärztliche Überwachung und notfalls auch Behandlung möglich ist“.
Das deckt sich jedoch nicht mit Erfahrungen aus anderen Ländern. In Portugal wird seit 2007 in der Apotheke geimpft, in Irland seit 2011, in der Schweiz und in England seit 2015. Allein in England wurden in der Grippesaison 2018/19 mehr als 1,4 Millionen Menschen gegen Influenza immunisiert, 87.000 mehr als 2017/18. Generelles Ergebnis im Ausland: Die Zahl der Menschen, die sich insgesamt gegen Grippe impfen lassen, steigt. Denn viele Apotheken–Geimpfte kommen zusätzlich zu den in den Praxen immunisierten Menschen dazu, weil der Weg in die Apotheke selbstverständlicher ist als der zum Arzt. Die Öffnungszeiten sind verbraucherfreundlicher. Die Zufriedenheit bei den Bürgern ist hoch, schwere Komplikationen sind ausgeblieben. Die französische Regierung hat das überzeugt: Seit diesem Jahr ist die Grippeimpfung in Apotheken überall möglich. Das ist auch die Reaktion auf einen Pilotversuch in zwei Regionen. Dort hatte man in der Saison 2017/2018 mit 35.000 Impfungen in Apotheken gerechnet. Tatsächlich waren es 150.000.
Auf Modellversuche setzt denn jetzt ebenfalls Jens Spahn, der auch für Deutschland zuversichtlich ist, „dass ein neues, niedrigschwelliges Angebot zu einer besseren Impfquote führt“. Das Ausland zeigt aber auch: Das klappt nicht über Nacht. Die Pharmazeuten müssen ordentlich geschult werden und einen Extra–Raum braucht man in der Apotheke natürlich auch.
Die deutsche Apothekerschaft hält sich mit öffentlichem Jubel jedoch zurück. Nicht nur, weil längst nicht jeder Pharmazeut auch impfen will. Vor allem fürchtet man den Konflikt mit den Ärzten. Die könnten ja, wenn Pharmazeuten impfen, auf die Idee kommen, in der eigenen Praxis auch Medikamente an Patienten abgeben zu wollen.
In einer Stellungnahme zum Gesetzentwurf schreibt die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände allerdings, Modellprojekte seien „sinnvoll, da es sich um eine neue Dienstleistung handelt und somit Erfahrungen gesammelt werden können“. Die Praxis in mehr als 20 Ländern weltweit zeige eine deutliche Erhöhung der Impfquote und Zufriedenheit der Patienten. Es sei davon auszugehen, dass die Modellprojekte „zu vergleichbaren Ergebnissen führen werden“.
Dass die Ärzteschaft aber ihren Widerstand auf Dauer aufrechterhält, glaubt etwa Boris Augurzky, Leiter des Kompetenzbereichs Gesundheit beim Wirtschaftsforschungsinstitut RWI in Essen, nicht. Spätestens in fünf Jahren würden es die Kassenärztlichen Vereinigungen nicht mehr schaffen, alle Praxen im ländlichen Raum zu besetzen. Dann hätten die verbliebenen Ärzte auf dem Land so viel zu tun, „dass sie sogar dankbar dafür sein werden, wenn der Apotheker ihnen Arbeit abnimmt“. Die Modellprojekte, die Spahn plant, sind übrigens auf fünf Jahre ausgelegt.


