Menstruation: Keine Macht dem Tabu

Dass Frauen lieber nicht über ihre Periode reden, weil das vor allem Männer verstören könnte, hat eine lange Tradition.
Sebastian Kahnert/dpaRayka Zehtabchi (26) und Melissa Berton (52) haben für ihren Dokumentar–Kurzfilm „Stigma Monatsblutung“ 2019 den prestigeträchtigsten aller Filmpreise erhalten. Mit einem Thema, das ein männliches Jurymitglied zuvor als „eklig“ bezeichnet hatte, obwohl es die Hälfte der Weltbevölkerung alle 28 Tage beschäftigt — und das über 40 Jahre hinweg. Mit einem Film über Menstruation, der wie ein Befreiungsschlag gegen ein immer noch mächtiges Tabu wirkt.
Die amerikanischen Filmemacherinnen haben einen Nerv der Zeit getroffen. Die Menstruation hat auch hierzulande gerade einen großen Moment: Vor wenigen Wochen hat der Bundestag beschlossen, die Mehrwertsteuer für Periodenprodukte mit Beginn dieses Jahres zu senken — von 19 auf 7 Prozent. Obwohl für Waren des täglichen Bedarfs ein niedrigerer Mehrwertsteuersatz gilt, waren bisher Tampons und Binden davon ausgenommen. Viele Frauen machten sich per Online–Petition für eine Senkung stark — und hatten Erfolg. Alternativen zu Tampons und Binden wie Menstruationstassen sind in Drogerieketten angekommen. Es gibt ein Emoji für die Periode, einen roten Tropfen, und Festivalbetreiber, die Menstruationszelte einrichten, in denen Frauen beispielsweise kostenlos Periodenprodukte erhalten und nebenbei eine Bloody Mary trinken können — einen alkoholischen Drink mit blutrotem Tomatensaft.
Einerseits reden also immer mehr Menschen offen über das Thema. Das hängt damit zusammen, dass die Periode eng verwoben ist mit Feminismus und Body Positivity, also der positiven Einstellung der Frau zu ihrem Körper. Themen, die gerade angesagt sind. Andererseits gilt die Periode vielen immer noch als abstoßend. Als etwas, das im Verborgenen bleiben sollte, weil es irgendwie peinlich ist. Das birgt Konfliktpotential. Auch im Ausloten des Verhältnisses zwischen Männern und Frauen.
Einer Studie der gemeinnützigen Kinderhilfsorganisation „Plan International“ zufolge schämen sich 48 Prozent aller britischen Mädchen für ihre Periode. Auch heute ist es noch so, dass die Freundin in der Schule nur flüsternd gefragt wird, ob sie vielleicht einen Tampon dabeihabe. Finden die Mitschüler im Klassenzimmer einen verlorenen Tampon, gibt es großes Gejohle.
Verantwortlich für Pest und Lepra
In der Werbung wird Menstruationsblut nicht als rot–brauner Schleim, sondern als blaue klinisch–reine Flüssigkeit gezeigt. Als sich eine Studentin im sächsischen Mittweida in ihrer Bachelorarbeit der Menstruation widmen wollte, riet man ihr davon ab. Man sagte ihr, „über solch abstruse Widerlichkeiten wie die Periode“ schreibe sie besser nicht. Der Rapper Al–Gear wiederum ergoss vor kurzem seinen Hass über menstruierende Frauen in einem Video: „Ein Mann will alles hören, „Ich habe Bauchschmerzen, ich habe Kopfschmerzen, ich habe Migräne“, aber „Ich habe meine Tage“ ist Gift. Ekelhaft! Blut aus der Muschi, ekelhaft!“
Dass Frauen lieber nicht über ihre Periode reden, weil das vor allem Männer verstören könnte, hat eine lange Tradition. Das Stigma der Menstruation ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt. Der römische Historiker Plinius der Ältere warnte in seiner „Naturgeschichte“ im ersten Jahrhundert nach Christus, die Menstruation lasse den Wein sauer werde, verderbe die Ernte und töte die Bienen. Im Mittelalter wurde das Periodenblut für Krankheiten wie Pest und Lepra verantwortlich gemacht. 1920 behauptete der Wiener Arzt Béla Schick, ein vermeintliches Gift im Schweiß menstruierender Frauen entdeckt zu haben. Bis in die 1970er Jahre wurde die Existenz des von ihm als Menoxitin benannten Giftes in einer renommierten Medizinzeitschrift diskutiert.
Hinter diesen vermeintlichen Erkenntnissen steckt die Vorstellung, dass „Frauen, die menstruieren und eben nicht schwanger waren, irgendetwas falsch machen“, sagt die Freiburger Kulturanthropologin Sabine Zinn–Thomas. Im Umkehrschluss bedeutet das: Nur die schwangere Frau ist eine gute Frau. So wird mithilfe der Periode unterschwellig ein überkommenes Männer–Frauen–Bild zementiert. In einigen Kulturen setzt sich die Stigmatisierung bis heute fort: In Nepal werden menstruierende Frauen aus dem Haus verbannt, dürfen weder andere Menschen noch Wasser berühren. In Indien brechen laut „Plan International“ immer noch 20 Prozent der Mädchen die Schule ab, wenn sie ihre Tage bekommen. In Malawi verpassen 70 Prozent der Heranwachsenden jeden Monat bis zu drei Tage Unterricht, weil es keine Toiletten gibt, wo sie Binden und Tampons wechseln können. In patriarchalen Gesellschaften festigen die Männer so ihren Status, sie instrumentalisieren die Menstruation, um ihre Macht zu erhalten.
Aus unserer Sicht ist das befremdlich und unverständlich. Doch ist uns die Verächtlichmachung von Menstruierenden tatsächlich so fremd? Natürlich werden Schülerinnen hier weder vom Unterricht ausgeschlossen noch als „giftig“ bezeichnet. Sie nehmen am Alltags–, Ausbildungs– und Arbeitsleben teil. Und dennoch erwartet man von ihnen, dass sie ihre Periode nicht thematisieren. In den wenigsten deutschen Firmen ist es Usus, dass Menstruierende mit starken Schmerzen ohne Negativ–Konsequenzen zuhause bleiben können. Deshalb ertragen viele Frauen lieber Unterleibskrämpfe, Erbrechen, Durchfall und Übelkeit. Sie schlucken Tabletten oder nehmen die Pille zur Linderung, statt sich alle vier Wochen ein Attest vom Arzt zu holen.
Ein Akt der Emanzipation
Natürlich haben Menschen mit chronischen Krankheiten ähnliche Probleme. Wer beispielsweise unter Migräne leidet, muss sich auch mit dem Vorurteil auseinandersetzen, weniger produktiv zu sein. Der Unterschied ist: Öffentlich über seine Migräne zu reden, ist kein Problem. Wenn Frauen unter Periodenschmerz leiden, behalten sie das meist für sich. Das hat zwei Gründe. Erstens haben Frauen Angst, als schwach zu gelten, weil das ein Karrierekiller ist. Zweitens gelten Menstruierende als launenhaft. „Die hat wohl mal wieder ihre Tage“, ist ein Ausspruch, den wohl jede Frau schon einmal zu hören bekommen hat. Nicht selten wird er dann formuliert, wenn sie ihre Rechte einfordert, (Macht-)Ansprüche stellt und ihre Meinung nicht mit zuckersüßem Lächeln garniert.
Eine junge Generation von Frauen, die sich in sozialen Netzwerken mobilisieren, macht Hoffnung. Dort boomen Hashtags wie #HappyToBleed (froh, zu bluten), #periodpositive, #FreeTheTampons (befreit die Tampons) und #endperiodshame (beendet die Perioden–Scham). Frauen verbreiten über Instagram, Facebook und Twitter Sprüche wie: "Alles, was du kannst, kann ich auch — blutend.“ Und sie verkleiden sich an Halloween als menschengroße Tampons oder als mit roter Farbe genetzte Binden.
Diese Frauen versuchen, die Menstruation zu enttabuisieren und positiv zu besetzen. Mit Witz, Selbstironie und dem Austausch von Information. Sie erheben den natürlichen Vorgang zu einem Akt der Emanzipation. Ihre Nachrichten stehen häufig unter dem Motto: „Wir können etwas, was ihr Männer nicht könnt. Und das ist toll so.“
Drehen wir den Spieß doch mal um
Doch sollten Frauen ihre Monatsblutung tatsächlich als etwas Besonderes hervorheben? Die amerikanische Journalistin und Frauenrechtlerin Gloria Steinem hat vor 40 Jahren in ihrem Essay „Wenn Männer menstruieren könnten“ den Spieß einfach umgedreht. Und was sie schrieb, klang absolut einleuchtend: Sie entwarf eine Welt, in der Männer statt Frauen ihre Tage bekommen. Mit allen Konsequenzen: mit Jungen, die sich auf die erste Monatsblutung freuen, mit Vätern, die eine Party feiern, weil ihr Sohn zum Mann geworden ist, mit Tampons und Binden, die plötzlich zu Statussymbolen und ganz selbstverständlich von der Kasse bezahlt werden.
Alles Quatsch? Nein, denn dieser etwas andere Blick zeigt, dass Menstruation vor allem deshalb ein Tabu ist, weil sie Frauensache ist. Damit muss Schluss sein. Sich zu emanzipieren, heißt im Wortsinn nichts anderes, als sich zu befreien: Wir sollten also unsere Menstruation feiern, sollten über die Konsistenz des Blutes so zwanglos wie über die Konsistenz von Haferschleim reden können, sollten ohne Angst vor abfälligen Blicken und Bemerkungen sagen dürfen, wenn wir Schmerzen haben.
Erst wenn die Periode allgegenwärtig ist, kann sie auch normal werden. Dann wäre ein Oscar für einen Menstruationsfilm gar nicht mehr nötig.
