Mobilfunk: 5G nicht an jeder Milchkanne

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dpa/Andrea WarneckeBrauchen wir 5G an jeder Milchkanne?
Nein, hat Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) gesagt – und damit herbe Kritik auf sich gezogen. „Mich besorgt, dass momentan mit einer Erwartungshaltung diskutiert wird, die kurzfristig nicht erfüllbar ist“, sagte sie nun dieser Zeitung. Zu Recht?
Tatsächlich werden bei der Versteigerung im Frühjahr nur Mobilfunkfrequenzen versteigert, die eine sehr geringe Reichweite von etwa einem Kilometer haben. Deswegen eignen sie sich nicht für eine flächendeckende Versorgung. „Man bräuchte über 300 000 Antennen, das sind zehn Mal so viele wie heute“, beschreibt ein Sprecher der Bundesnetzagentur das Problem. „Wir müssten einen Wald aus Mobilfunkmasten errichten.“
Weil das zum einen enorm teuer würde, Schätzungen gehen von 60 Milliarden Euro aus, und mit Sicherheit auch großen Widerstand in der Bevölkerung hervorrufen wird, ist ein flächendeckender 5G-Ausbau noch nicht vorgesehen. „Es geht uns darum, zunächst 4G, also LTE, flächendeckend auszurollen. Das ist machbar. 5G ist mit den Frequenzen, die uns heute zur Verfügung stehen, nicht flächendeckend ausbaubar“, sagt Karliczek. Deswegen würden jetzt erst Schwerpunkte gesetzt, um in einer nächsten Stufe, wenn weitere Wellenlängen frei werden, auch 5G flächendeckend auszubauen. „Das erreichen wir aber nicht morgen und auch nicht übermorgen.“ Betriebe, die auf die neue Technologie angewiesen sind, können aber ein eigenes Netz ausbauen. Für sie wird ein bestimmter Frequenzbereich reserviert.
Wann kommt der Ausbau in der Fläche?
2022 werden „Flächenfrequenzen“ in einem niedrigeren Spektrum frei und versteigert. Sie haben eine größere Reichweite und eignen sich deswegen für einen flächendeckenden Ausbau. „Die Frequenzen können für 5G oder auch LTE verwendet werden“, sagt Nick Kriegeskotte, Mobilfunkexperte beim Branchenverband Bitkom. Dort geht man davon aus, dass LTE noch lange eine wichtige Rolle spielen wird, „auch weil 5G-fähige Endgeräte noch gar nicht zur Verfügung stehen“, so Kriegeskotte.
Was ist mit den aktuellen Funklöchern?
Wer 5G-Lizenzen erwerben will, muss sich dazu verpflichten, bis Ende 2022 mindestens 98 Prozent der Haushalte je Bundesland, alle Bundesautobahnen, die wichtigsten Bundesstraßen sowie die wichtigsten ICE-Trassen mit mindestens 100 Megabit pro Sekunde zu versorgen. Für Landstraßen und übrige Schienenwege wird eine Geschwindigkeit von 50 Megabit verlangt. Außerdem wird momentan noch ein „Lokales Roaming“ diskutiert. Dabei würden Handynutzer in einem Funkloch mit dem Netz eines anderen Telekommunikationskonzerns verbunden werden. Die Netzbetreiber halten diese Auflagen jedoch für unverhältnismäßig und haben dagegen geklagt. Der Ausgang ist also noch offen. Die etablierten Netzbetreibern Telekom, Vodafone und Telefónica beschweren sich ebenfalls darüber, dass die Auflagen für neue Netzbetreiber zu anspruchslos seien. Gemeint ist die Firma United Internet (1&1, web.de, GMX), die am Donnerstag mitteilte, dass sie bei der 5G-Auktion ebenfalls mitbieten wird. Experten erhoffen sich mehr Wettbewerb und günstigere Preise. Der Finanzminister rechnet mit fünf Milliarden Euro, die die Auktion in die Staatskasse spülen könnte.
Ist 5G ein Sicherheitsrisiko?
In Deutschland wird momentan über den Einsatz von Huawei-Produkten beim Ausbau des 5G-Mobilfunknetzes diskutiert. Die USA werfen dem Netzwerkhersteller eine zu große Nähe zu den chinesischen Behörden vor und sehen den Konzern als Gefahr für ihre Cybersicherheit. Huawei ist dort deswegen praktisch vom Markt ausgeschlossen, US-Behörden drängen andere Staaten, ihrem Beispiel zu folgen. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie (BSI) sieht bislang keine konkreten Beweise für einen Spionageverdacht. In Bonn hat Huawei ein Sicherheitslabor eröffnet, wo das BSI mithilfe der geheimen Quellcodes die Sicherheit der Produkte selbst testen kann.
Erzeugt 5G Krebs?
In den vergangenen Wochen war auch eine Diskussion darüber entbrannt, ob die Strahlungen, die mit 5G verbunden sind, die Gesundheit gefährdet. Inge Paulini, Präsidentin des Bundesamts für Strahlenschutz, sieht diese Gefahr – wenn alle Grenzwerte eingehalten werden – nicht: „Wenn der Aufbau der nötigen Infrastruktur umsichtig erfolgt, sind auch durch 5G keine gesundheitlichen Wirkungen zu befürchten.“
Stichwort Was ist 5G und wofür wird es benötigt?
■ 5G steht nach 3G und 4G (LTE, „Long Term Evolution“) für die kommende, 5. Generation des Mobilfunks. Das Netz ist in der Lage, riesige Datenmengen in enormer Geschwindigkeit zu transportieren, und zwar in Echtzeit. Deswegen wird 5G als Grundlage für Innovationen wie Telemedizin und autonomes Fahren gehandelt. Am wichtigsten ist es jedoch für die vernetze Industrieproduktion. Auf Werksgeländen sollen die verschiedenen Maschinen über das Hochleistungsnetz reibungslos miteinander kommunizieren können.
■ Während Brandenburg noch um eine gute 5G-Versorgung bangt, soll Berlin zu einer Modellregion werden. Das haben Senat und Deutsche Telekom vereinbart. Der Netzbetreiber sagt den zügigen 5G-Ausbau an einigen wichtigen Orten der Stadt zu, das Land kurze Genehmigungszeiten. Besonders schnell soll es in Innovationszentren wie dem Technologiepark Adlershof gehen, danach aber auch in der Messe, am Potsdamer Platz, an der Stadtautobahn und in der Berliner U-Bahn. Mitte dieses Jahres soll es mit dem Ausbau losgehen.
