Moral: Zoos als Rettungsinsel für bedrohte Tiere?
Wie sieht ein Löwe von innen aus? Im dänischen Odense können sich das Kinder und Erwachsene anschauen. Dort werden getötete Säugetiere vor Publikum seziert. Oft sind es überzählige Tiere, die nicht ausgewildert werden können.
Getötete Zootiere werden aber nicht nur seziert, sondern auch verfüttert. Vor vier Jahren wurde im Kopenhagener Zoo ein junger Giraffenbulle geschossen und Raubtieren zum Fraß vorgeworfen. Nach Schätzungen des Europäischen Zooverbandes (EAZA) werden in den Zoos und Tierparks unseres Kontinents pro Jahr zwischen 3000 und 5000 Nachwuchstiere eingeschläfert oder geschlachtet und verfüttert. „Dass Tiere getötet werden, um sie zu verfüttern, ist etwas ganz Normales“, sagt Volker Homes, Geschäftsführer des Verbandes der Zoologischen Gärten (VdZ).
Wer darf Tiere töten?
„Es gibt keine veganen Raubtiere. Und wir finden, es ist besser, ein Tier zu verfüttern, das man kennt und von dem wir wissen, es macht die Löwen, Tiger oder Geier nicht krank.“ Die Frage ist, wer darf welchem Tier unter welchen Umständen das Leben nehmen? Tierrechtler sind der Meinung, in deutschen Zoos dürften laut Gesetz überhaupt keine Tiere getötet werden. Immer wieder in der Debatte ist der „vernünftige Grund“ für Tötungen von Tieren. Laut einem Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages handelt es sich „um einen unbestimmten Rechtsbegriff“. In den deutschen Zoos sind es laut Volker Homes „eher Ziegen, Wildschweine, Hirsche oder Büffelarten“, die zu Futter werden. Bei Löwen und Giraffen wird hierzulande die Geburtenkontrolle bevorzugt. „Populations–Management“ heißt das.
Vom Sterben der Tiere erfahren die Besucher deutscher Zoos wenig. Was sie wahrnehmen ist, dass sich die Einrichtungen wandeln. Gehege werden neu gestaltet. Tiere erhalten Rückzugsräume und sind nicht immer zu sehen. Allerdings sind geflieste Käfige nicht überall verschwunden. Was genau ein Zoo ist, lässt sich übrigens nicht so ohne weiteres sagen. Nicht einmal wie viele es in Deutschland gibt. „Genau weiß das keiner“, sagt VdZ–Geschäftsführer Volker Homes. „Zuständig sind die Bundesländer. Es reichen fünf Wildtierarten, die im Jahr insgesamt an sieben Tagen für die Öffentlichkeit zugänglich sein müssen. Dann kann die Einrichtung als Zoo gewertet werden. So kommen zwischen 600 und 800 ‚Zoos‘ heraus.“
Im VdZ sind 71 Einrichtungen vereinigt — 56 davon in Deutschland. Der Biologe und ehemalig Artenschutzleiter des WWF, Homes, erklärt auch, was das Besondere an den Zoos seines Verbandes ist. „Sie werden wissenschaftlich geleitet.“ „Das heißt, in der oberen Leitungsebene des Zoos muss jemand sein, der veterinärmedizinische und biologische Kenntnisse hat.“ Denn in Deutschland kann jeder, der sich an die entsprechenden Gesetze hält, einen Zoo eröffnen.
Nach einer EU–Richtlinie sollen sich die Einrichtungen jedoch um Artenschutz, Bildung und Forschung kümmern. Die Zoologische Garten Berlin AG, zu der der Tierpark und eben der Zoo gehören, beansprucht für sich, nicht nur Freizeit– und Unterhaltungseinrichtung zu sein. Der Trend gehe zu mehr Umweltbildung und zur Arche–Noah–Funktion. „Jährlich verschwinden mehrere tausend Arten von unserem Planeten“, sagt eine Sprecherin. „In den vergangenen 40 Jahren haben wir mehr als 60 Prozent unserer Tiere in der Wildbahn verloren. Etwa die Hälfte der in Zoo und Tierpark lebenden Säugetiere steht auf der roten Liste für gefährdete Arten. Die Tendenz geht dahin, zunehmend mehr bedrohten Tierarten einen Platz auf der ‚Arche‘ zu bieten.“
Tierrechtler und Tierschutzorganisationen wie Peta dagegen sprechen Zoos ihre Funktion für den Artenschutz ab. Denn, so Peta: „Artenschutz bedeutet ausschließlich, Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu schützen.“ Weil aber viele Tiere, die im Zoo aufgewachsen sind, nicht ausgewildert werden können, und in „permanenter Gefangenschaft“ gehalten werden, habe das „nichts mit Artenschutz zu tun“. Bei der Umweltorganisation WWF sieht man das anders. „Zoos können einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz leisten“, sagt Programm–Manager Arnulf Köhncke und verweist auf Arten, die ohne Zoos ausgestorben wären, wie der Wisent oder das Goldene Löwenäffchen. Gerade erst hat die Weltnaturschutzorganisation IUCN erklärt, durch die Arbeit von Zoos, konnte die Bedrohung von zehn Tierarten auf der Roten Liste herabgestuft werden.
Einige Dutzend Arten von Säugetieren und Vögeln können ausgewildert werden. Auch bei einer Raubkatzenart, dem Kaukasusleoparden hat man das geschafft. Die Alternative ist immer wieder das Aussterben. Die Berliner Zoos reklamieren für sich „wertvolle Reservepopulationen“ aufzubauen. Aber, so eine Sprecherin, das sei nicht für die Ewigkeit gedacht. „Ohne die Sicherung von geeigneten Lebensräumen in ihrer ursprünglichen Heimat, ist das Management von Reservepopulationen in Zoos nicht zielführend.“

