Professor Lilienthal: „Einseitiges Weltbild“

Der Hamburger Journalismus-Professor Volker Lilienthal hält wenig von Parteien- und Verbands-Fernsehen.
Paul Zinken/dpaHerr Professor Lilienthal, warum schaffen sich immer mehr Parteien und Verbände ihre eigenen Medien?
Dafür gibt es zwei Gründe. Bei Parteien, Fußballvereinen und anderen regiert eine gewisse Medienskepsis. Die äußert sich so, dass manchmal nicht toleriert wird, dass sich Journalisten kritisch mit der jeweiligen Institution befassen, was ja aber eigentlich deren Auftrag ist. Außerdem gibt es einfach dank Internet die technischen Möglichkeiten, mit denen man sich direkt an das Wahlvolk oder die Sportfreunde wenden kann.
Twitter und Facebook reichen da nicht aus?
Diese Kanäle werden natürlich auch bespielt. Youtube ist ebenfalls sehr wichtig. Um die Bilder und Videos dafür herzustellen,bauen sich manche Parteien sogar eigene TV-Studios.
Gibt es für solche selbst produzierte Sendungen tatsächlich ein großes Zuschauerpotenzial?
Das gibt es schon. Aber das aufgeklärte, gebildete Publikum gehört eher nicht dazu, weil es sich aus möglichst vielen Quellen informieren und einen neutralen Blick auf die Dinge haben will. Ein gewisses Zuschauerpotenzial gibt es aber in Milieus, die feindselig gegenüber politischen Parteien eingestellt sind und die die Medien für „Lügenpresse“ oder „Systemmedien“ halten. Ein solches Publikum bedient beispielsweise das AfD-TV, das auf Youtube abgerufen werden kann. Es ist eine Nische, aber eine recht große Nische.
Aber die Unionsfraktion drängt nicht in die Nische und bietet dennoch eigenes Fernsehen an.
Die Union sollte sich überlegen, ob sie gut beraten ist, sich auf dieses Feld zu begeben. Ihre PR-Manager sollten sich überlegen: Erreiche ich so nicht nur die sowieso schon Überzeugten? Was ist mit den anderen, die noch als Wähler gewonnen werden sollen?
Wie sind die Erfolgschancen von Fußballvereins-TV?
Da gibt es ein großes Fanpotenzial. Aber dennoch denke ich, dass der Großteil des sportbegeisterten Publikums eine unabhängige Kommentierung sportlicher Ereignisse vorzieht.
Eigenes Fernsehen, selbst wenn es gut gemacht ist, kann also unabhängige Medien nicht verdrängen?
Solche sehr speziellen Informationsangebote kann man nur dann vernünftig nutzen, wenn man sich als kritischer Medienkonsumenten sein eigenes Bild aus vielen verschiedenen Quellen zusammensetzt. Diese Zeit haben aber viele von uns nicht. Professioneller Journalismus nimmt uns diese Arbeit ab: Er sortiert das Geröll der Gegenwart und filtert für uns das Wichtige heraus.
Das bedeutet?
Ich bin davon überzeugt, dass sich viele Menschen den seriösen Journalismus für diese Leistung schätzen und deshalb weiterhin den herkömmlichen Medien vertrauen. Andere bleiben bei so etwas wie AfD-TV hängen und entwickeln ein sehr einseitiges Weltbild. Für die eigene Meinungsbildung und die Demokratie überhaupt ist das schlecht.
Was glauben Sie, wird es Zeitungen, egal ob gedruckt oder online, noch lange geben?
Diese Garantie kann ich leider nicht geben. Denn ob die Zeitungsverlage überleben werden, ist auch eine Frage der Geschäftsmodelle, die sie entwickeln. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir in einer gesellschaftlichen Situation leben, in der man den Journalismus als kompetenten Navigator durch eine unübersichtliche Welt immer mehr braucht. Und Optimist bin ich insoweit, als dass ich glaube, dass sich nach einer Phase der Skepsis und des Misstrauens diese Einsicht auch bei den Medienkonsumenten wieder mehr durchsetzen wird.
