Ferdaus Sabur hat eine Angewohnheit: Jeden Morgen nach dem Frühstück lehnt er sich ans Fenster seiner Wohnung und sieht dem Treiben in seiner Nachbarschaft in Kabul zu. Dort laufen normalerweise aufgeweckte Schülerinnen in ihren Uniformen die Straßen auf und ab, Tagelöhner sitzen neben ihren Schubkarren und warten auf Arbeitgeber. Der Verkehr ist dicht und laut, zwischen den Autos schlängeln sich Jungs auf desolaten Fahrrädern durch. An diesem Montagmorgen aber bot sich dem Afghanen aber ein ganz neues Bild: Saburs Straße war menschenleer, und mitten auf ihr hatten nun Kämpfer der militant-islamistischen Taliban Stellung bezogen.
Die Aufständischen waren nach ihrem Eroberungszug durchs ganze Land am Sonntag vor den Toren Kabuls angelangt, und nachdem der Präsident Aschraf Ghani geflohen war, ab Sonntagabend nach und nach in die Stadt gekommen. Sechs Taliban zählte Sabur nun, die rund um einen offenbar vom Geheimdienst übernommenen Pick-up Truck standen. Manche hatten lange Bärte, manche glatt rasierte Gesichter. Waffen trugen sie alle.
Zu kontrollieren, wenn sie es denn vorhatten, gab es für die Männer nicht viel, sagt Sabur. Kaum jemand habe sich auch heute auf die Straße gewagt. „Nicht mal Männer haben den Mut, nach draußen zu gehen“, sagt er. Praktisch seine gesamte Nachbarschaft halte sich weiter verbarrikadiert. Sie wüssten doch noch von früher, dass ein kleiner Fehler, den man vor Taliban begeht, tödlich sein kann. Die Islamisten beschäftigten sich, indem sie Selfies von sich schossen.
Die allermeisten Schulen der Stadt blieben am Montag geschlossen. Auch die Geschäfte, Banken oder der Geldwechslermarkt hatten weiter zu. Nur ganz vereinzelt trauten sich Eisverkäufer oder Gemüsehändler auf die Straßen, die auf ihren Holzkarren am Straßenrand Auberginen oder Zwiebel feilboten.

Hunderte Menschen fliehen aus Angst zum Flughafen

Andere wiederum trieb massivste Verzweiflung aus dem Haus, aber nur an einen Ort: den Flughafen Kabul. Seit Sonntag hatten sich Hunderte, ja vielleicht Tausende Menschen auf den Weg dort hin gemacht in der Hoffnung, aus dem Land zu kommen. Manche von ihnen standen auf Listen westlicher Länder und sollten geordnet evakuiert werden. Andere hatten Linienflüge gebucht und wollten so das Land verlassen. Wieder viele andere fuhren einfach auf gut Glück hin, oder weil sie die unwahren Gerüchte gehört hatten, Kanada würde 20 000 Afghanen ausfliegen. Auch Polizisten, Geheimdienstler und Soldaten schlugen sich zum Flughafen durch.
Einer von ihnen, ein Offizier der Armee, erzählt am Montag in einer Sprachnachricht: Von geordneten Evakuierungen könne keine Rede sein. Menschen seien am Sonntag einfach über die offene Luke in eine Militärmaschine der USA gerannt, ohne jegliche Überprüfung ihrer Dokumente. US-Soldaten hätten versucht, sie mit Tränengas und Schlägen aufzuhalten und sie wieder aus dem Flugzeug zu zerren, ohne Erfolg. Die Maschine sei dann einfach so gestartet. Nachdem sein Kommandeur bereits in der Maschine vor ihm ausgeflogen worden war, sei auch er in diese so chaotisch besetzte Maschine gelaufen und habe sich in einer Ecke versteckt. Er selbst sitze nun ohne jegliche Dokumente in Doha und wisse nicht, wie es weitergehe.
Am Montag wurden die Menschen am Flughafen offenbar noch verzweifelter. Sie versuchten auf allen Wegen, in Flugzeuge hineinzukommen. Dutzende Menschen liefen laut Videos, die im Netz kursierten, auf der Rollbahn neben den startenden Maschinen entlang, manche klammerten sich an diesen fest. In sozialen Medien wurden mit äußerstem Entsetzen dann Videos geteilt, auf denen von den gestarteten Fliegern aus beträchtlicher Höhe fallende Menschen zu sehen sein sollen. „Wenn das die Welt nicht aufrüttelt, was dann“, kommentierte ein junger Mann das Video.
Von der Regierung des geflüchteten Präsidenten Ghani war am Montag praktisch nichts zu sehen. Nur der Gesundheitsminister ging offenbar in sein Ministerium und traf den von den Taliban vorgesehenen Mann für seinen Posten. Man tauschte Nettigkeiten aus, und schließlich rief der designierte Taliban-Gesundheitsminister das Gesundheitspersonal im Land dazu auf - Frauen wie Männer - die Arbeit im ganzen Land wieder aufzunehmen. 

Widerstand gegen die Taliban in Pandschir

Der Verteidigungsminister Bismillah Chan Mohammadi meldete sich auf Twitter mit einer Schimpftirade. Er sei nicht so skrupellos, mit den Mördern von Tausenden Sicherheitskräften und unschuldigen Zivilisten an einem Tisch zu sitzen und seine Unterstützung für diese Terrorgruppe zu erklären. Er versprach, Afghanistan von diesen Terroristen zu befreien. Niemand weiß so genau, wo Mohammadi ist. Er stammt aber aus der Provinz Pandschir, der einzigen Provinz im Land, die die Taliban noch nicht eingenommen haben. Dort wird bereits davon gesprochen, einen „zweiten Widerstand“ gegen die Taliban aufzubauen.
Wie das Land nun geführt werden soll, ist völlig offen. Der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig von der Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network sagte, er erwarte, dass die Taliban-Führung, die Berichten zufolge seit Jahren in Pakistan lebte, nun nach Afghanistan komme. Wenn auch nicht nach Kabul, dann nach Kandahar im Süden, wo bereits während ihrer früheren Herrschaft ihr maßgeblicher Führungsrat saß. 
Ob in der Zukunft auch andere Politiker an der Macht beteiligt werden, ist weitgehen offen. Immerhin hätten die Taliban ihr Islamisches Emirat noch nicht ausgerufen, sagt Ruttig. Auch Vizechef Mullah Abdul Ghani Baradar habe zuletzt von einem „integrativen islamischem System“ gesprochen. Aktuell könne man nur hoffen, dass es eine Konsolidierung gebe und die Taliban alle Versprechen, die sie gegenüber den Menschen gemacht hätten, auch einhalten. 
Sabur stand am Montagabend wieder an seinem Fenster, die Taliban waren noch immer da, die Straße weiter menschenleer - keine der jungen Paare, die dort sonst flanierten oder Frauen, die schnell für kleine Einkäufe in ein Geschäft um die Ecke huschten. „Das ist nicht mehr mein Kabul“, sagt er schließlich.

Angela Merkel mit bitterer Erkenntnis

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den 20 Jahre dauernden internationalen Einsatz in Afghanistan als Enttäuschung bewertet. Jenseits der Bekämpfung des Terrorismus sei alles „nicht so geglückt und nicht so geschafft worden, wie wir uns das vorgenommen haben“, sagte die CDU-Politikern am Montag in Berlin. „Das ist eine Erkenntnis, die ist bitter.“ Es seien „keine erfolgreichen Bemühungen“ gewesen, sagte Merkel mit Blick auf den Versuch, das Land zu Demokratie und Frieden zu führen und dort eine freie Gesellschaft zu entwickeln.
Daraus müsse man Lehren ziehen und bei solchen Einsätzen „seine Ziele auch kleiner fassen.“ Die Taliban hätten das ganze Land erneut unter ihre Kontrolle gebracht. „Das ist eine überaus bittere Entwicklung“, sagte Merkel. „Bitter, dramatisch und furchtbar ist diese Entwicklung natürlich für die Menschen in Afghanistan.“ Bitter sei die Entwicklung aber auch für Deutschland. Merkel erinnerte an die vielen Soldaten der westlichen Verbündeten, die den Einsatz in Afghanistan mit dem Leben bezahlt haben, darunter 59 deutsche Soldaten.
Die Regierung sei nach dem Abzug der internationalen Truppen davon ausgegangen, dass es mehr Zeit gebe, um Lösungen für die afghanischen Ortskräfte zu finden. Die Dinge hätten sich jedoch beschleunigt, die afghanische Armee habe „aus welchen Gründen auch immer“ kaum oder keinen Widerstand gegen die Taliban geleistet. „Da haben wir eine falsche Einschätzung gehabt. Und das ist nicht eine falsche deutsche Einschätzung, sondern die ist weit verbreitet“, sagte Merkel. Sie schließe sich dieser Bewertung von Außenminister Heiko Maas (SPD) an.