Stiftungs-Chefin Enkelmann: „Ich sehe heute eigentlich keine Verklärung“

Dagmar Enkelmann, Chefin der Rosa-Luxemburg-Stiftung
MOZFrau Enkelmann, vor 100 Jahren wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet und mit Unterbrechungen gedenken fast genauso lange jene, die sich im weiteren Sinne zu den Linken zählen, der Toten – warum muss dieses Ritual heute noch sein?
Ein Ritual war es früher, als die SED-Führung auf einer beheizten Tribüne stand und ganze Betriebe an den Genossen vorbeidefilieren mussten…
Wussten Sie damals, dass die Tribüne beheizt ist?
Nein. Das habe ich erst später erfahren. Jedenfalls hat die Veranstaltung heute eher den Charakter eines Treffens Gleichgesinnter. Fast so etwas wie ein Klassentreffen. Die Leute kommen aus der gesamten Bundesrepublik. Deswegen hat die linke Bundestagsfraktion ihren Jahresauftakt auf diesen Tag gelegt, damit es sich auch richtig lohnt von weit her anzureisen.
Das klingt so, als ob Rosa Luxemburg ordentlich vom Sockel geholt wurde.
Zumindest von dem, auf den sie in der DDR gestellt wurde. Da war sie die Kriegsgegnerin, die Mitbegründerin der KPD und das Opfer des rechten Terrors. Aber sie war eben auch die ideologische Gegenspielerin Lenins. Das machte Luxemburg in den Augen des Politbüros suspekt und für uns heute höchst interessant.
Ist die Januarveranstaltung nicht auch ein Ritual, bei dem sich diejenigen, die sich in der Tradition der KPD sehen, Jahr für Jahr an den vermeintlichen oder wirklichen Verrat der Sozialdemokratie erinnern?
Nein. Es kommen schließlich auch Sozialdemokraten. Kann sein, dass es immer noch Leute gibt, die sich darin verbeißen, dass Ebert und Noske die Ermordung von Liebknecht und Luxemburg in Auftrag gegeben haben sollen. Das Thema sollten Historiker, nicht Politiker bewerten.
Aber es ist doch richtig, dass der Tod von Liebknecht und Luxemburg und die Gründung der KPD die Beziehungen zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten geprägt haben und möglicherweise bis heute prägen.
Interessanterweise hat Rosa Luxemburg selbst ein sehr kritisches Verhältnis zur Gründung der KPD gehabt. Sie war zwar der Meinung, dass es eine Kraft geben muss, die die Arbeiter, die gegen den Krieg waren, organisiert. Das war zunächst der Spartakus-Bund und dann die KPD. Aber sie hat sehr wohl die Gefahr einer Spaltung der Arbeiterbewegung gesehen.
Die bis heute anhält. Auch wenn es keine Arbeiterbewegung mehr ist.
Ja. Und deswegen wäre es nicht schlecht, wenn sich auch die Sozialdemokratie kritisch mit ihrem Anteil an der Spaltung auseinandersetzt. Die Auflösung der Historischen Kommission war ein falsches Signal. Dass sich die KPD dann anders entwickelte, als es Rosa Luxemburg wollte, steht auf einem anderen Blatt. Sie war im Grunde bis zum Schluss Sozialdemokratin.
Luxemburg wollte keine Avantgarde-Partei?
Sie wollte eine Massenpartei. Die Massen sollten die Gelegenheit haben zu lernen und selbst zu entscheiden. Darüber hat sie sich schon 1906 mit der russischen Sozialdemokratie auseinandergesetzt.
Gibt es Ansätze von gemeinsamem Lernen mit der SPD?
Ich bin froh, dass wir zu historischen Themen eine gute Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung haben. Nicht alle gemeinsamen Projekte machen wir öffentlich. Es gibt natürlich auch einige Punkte, an denen das Miteinander schwierig wird.
Zum Beispiel?
Na zum Beispiel wenn es dann doch um die Rolle des sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert geht. Die Mörder von Liebknecht und Luxemburg haben sich ja darauf berufen, den Interessen des Staates gedient zu haben. An dessen Spitze stand damals aber Ebert.
Es wurde 1918/19 öffentlich dazu aufgerufen, die Arbeiterführer totzuschlagen, ohne dass dem Einhalt geboten wurde.
Genau. Und nach 100 Jahren kann man sich damit auch einmal beschäftigen. Es ist falsch, die heutige Sozialdemokratie für die Morde verantwortlich zu machen. Unsere Stiftung hat gerade im Umfeld des 100. Jahrestages der Ermordung von Luxemburg und Liebknecht einige neue Publikationen herausgegeben und zahlreiche Veranstaltungen initiiert und durchgeführt.
Was wäre aus der deutschen Arbeiterbewegung geworden, wenn Rosa Luxemburg nicht ermordet worden wären? Wäre die KPD dann nicht unter stalinistischen Einfluss geraten?
Das ist Lesen im Kaffeesatz. Luxemburg war ja während des Weltkrieges viele Jahre im Gefängnis. Sie ist praktisch erst zur Novemberrevolution entlassen worden und ihr tatsächlicher Einfluss auf die Entwicklung war nicht sehr groß.
Aber der Moskauer Einfluss auf die KPD war von Anfang an da?
Jedenfalls haben sich diejenigen, die eine leninistische Avantgarde-Partei wollten, sehr schnell durchgesetzt. Es wäre natürlich später für die Stalinisten schwer gewesen, an Luxemburg vorbeizukommen. Nur, wenn man an die stalinistischen „Säuberungen“ denkt, da wurden ja Leute einfach aus dem Weg geräumt.
Manche finden, Luxemburg wird verklärt und von Karl Liebknecht redet keiner mehr.
Ich sehe heute eigentlich keine Verklärung. Eher eine Reduzierung ihrer so vielschichtigen Persönlichkeit. Und was Liebknecht betrifft: Seiner wird nach wie vor ebenfalls gedacht. Aber er hat nicht so strategische Schriften hinterlassen wie Luxemburg.
Sie meinen vor allem die Auseinandersetzung Luxemburgs mit dem Bolschewismus?
Das ist nur ein Aspekt. Es gibt viele Schriften mit sehr konkreten konzeptionellen Aussagen. Und zwar sowohl zu linken Organisationen als auch zu gesellschaftlichen Alternativen. Da steckt sehr viel für die aktuelle Diskussion drin. Auch für meine eigene Partei.
Die von Luxemburg auch nicht gerade regen Gebrauch macht.
Und das finde ich bedauerlich. Als Rosa-Luxemburg-Stiftung fühlen wir uns ihrem Gesamtwerk verpflichtet. Ich finde, auch als Partei sollten wir uns viel mehr mit Luxemburg auseinandersetzen. Sie hat sich zum Beispiel sehr ernsthafte Gedanken über das Verhältnis von Parlamentarismus und außerparlamentarischer Bewegung gemacht. Es ist doch sehr viel in Bewegung. Wir müssen wieder mehr auf Menschen zugehen. Wir waren doch mal die Kümmererpartei…
Luxemburgs Parteiverständnis ist auch nicht Eins zu Eins auf die Linkspartei zu übertragen.
Das stimmt. Aber da erlebe ich durchaus interessante Vorstöße. Etwa von Katja Kipping, die immer wieder darauf beharrt, dass die Partei auch eine Bewegung sein muss. Das haben wir übrigens schon Anfang der 90er Jahre diskutiert. Da war offen, ob die PDS Partei oder Bewegung sein soll.
Da setzt das Parteiengesetz enge Grenzen.
Deshalb haben wir uns für eine Partei entschieden. Aber gestalten kann man schon. Etwa über offene Listen zu Wahlen, bis hin zu öffentlichen Sitzungen von Partei- und parlamentarischen Gremien. Da ist DIE LINKE schon Vorreiter. Rosa Luxemburg war gegen abgeschlossene Zirkel. Sie wäre außerdem dafür gewesen, die Möglichkeiten der Volksgesetzbewegung zu nutzen. Da könnte vor allem auf kommunaler und auf Landesebene viel mehr passieren.
Dort, wo die Linken regieren, sind sie diesbezüglich eher zurückhaltend.
Und das ist falsch. Wir lassen uns oft zum Jagen tragen. Zum Beispiel beim erfolgreichen Volksbegehren zum Nachtflugverbot BER.
Wie hat sich Ihr persönliches Verhältnis zu Rosa Luxemburg verändert?
Ich habe in der DDR erlebt, wie Rosa Luxemburg auf einen Sockel gehoben wurde. Man nähert sich aber dieser außerordentlichen Frau am besten, indem man liest, was sie geschrieben hat. Nicht nur ihre theoretischen Schriften, sondern auch ihre beeindruckenden Briefe aus dem Gefängnis.
In denen sie anderen noch Mut zusprach.
Das muss man sich einmal vorstellen: Sie sorgte sich zum Beispiel um Liebknechts Frau. Dabei war sie selbst krank. Aber davon hat sie sich nicht beirren lassen. So wie sie sich nicht davon beirren ließ, dass sie als Frau, Polin, Jüdin kaum eine Chance hatte, eine herausragende Rolle in Politik und Wissenschaft zu übernehmen.
Sie durfte ja lange nicht einmal wählen.
Und sie hatte auch keine offizielle Funktion in der SPD. Aber zurück zu den Briefen. In denen zeigt sich eine große, große Menschlichkeit, die übrigens das Mitleiden mit Tieren und Pflanzen einschloss. Es ist sehr berührend, zu lesen, wie Luxemburg im Gefängnis über eine Blume, einen Baum oder über ein paar Meisen schreibt, die sie beobachtet. Sie hat sogar ein Herbarium angelegt. Mit dem, was sie auf dem Gefängnishof fand.
Viele sind in Sachen Luxemburg durch den Margareta von Trotta-Film geprägt worden. Dort wird auch von ihrem Liebesleben erzählt, aber auch gezeigt, dass Luxemburg sehr scharfzüngig, sehr hart werden konnte. Vermittelt der Film ein realistisches Bild?
Ein Film ist ein Film und da wird auch zugespitzt. Ich habe Rosa Luxemburg leider nicht persönlich kennengelernt, kann mir aber vorstellen, dass das im Film gezeichnete Bild ihrer Persönlichkeit sehr nahe kommt. Der Film ist ein guter Zugang zu Rosa Luxemburg.
Rosa Luxemburgs Satz „Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden“ hat am Ende der DDR eine große Rolle gespielt. Wie ist ihre Wirkung heute?
Zunächst einmal: Rosa Luxemburg ist nach wie vor sehr bekannt. Im Ausland fast noch mehr als hierzulande. Aber auch hierzulande beschäftigen sich immer mehr Menschen mit Luxemburgs Leben und mit ihren Schriften. Es gibt neue Biografien, es gibt viel Material, das unsere Stiftung aufbereitet und veröffentlicht. Heute Abend gibt es seinen sehr sehenswerten neuen Dokumentarfilm auf ARTE, der mit Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung entstanden ist. Den kann ich nur empfehlen.