Verkehr
: Ein Tempolimit nützt der Umwelt wenig

Die Unfallzahlen jedoch würden bei Tempo 130 zurückgehen. Ein großes Problem sind ungleiche Geschwindigkeiten auf der Autobahn.
Von
Dorothee Torebko
Berlin
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Zukunft der Mobilität? Ein Mitarbeiter einer Autobahnmeisterei trägt bei Frankfurt am Main ein Schild zur Höchstgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometern. Einst waren hier Tempolimits allerdings aufgehoben worden.

dpa/Marius Becker

„Freie Fahrt für freie Bürger“ forderte der ADAC, als im Zuge der Ölkrise zum ersten Mal über ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen diskutiert wurde. Das war 1973. Mehr als vier Jahrzehnte später ist es wieder im Gespräch.

■ Das sagt die Bundesregierung

Ob ein Tempolimit kommt oder nicht, ist völlig offen. Die Sprecher des Bundesverkehrs- und Bundesumweltministeriums waren am Montag zurückhaltend. Erst wolle man die Ergebnisse der Kommission abwarten und dann auf Grundlage der Empfehlungen Entscheidungen treffen. „Wir wollen ein schlüssiges Gesamtkonzept“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Ende Februar sollen Ergebnisse vorliegen, dann würde die Regierung über Maßnahmen entscheiden.

Zuvor hatte Verkehrsminister Scheuer das Tempolimit sowie weitere Vorschläge der Expertengruppe, in der Vertreter des ADAC, der Deutschen Bahn, von Umweltverbänden und Automobilherstellern sitzen, scharf verurteilt. Die Maßnahmen seien „ohne jeden Menschenverstand“ und „völlig realitätsfern“. Der Verkehrsminister wolle die Bürger von den Möglichkeiten der Mobilität begeistern – und sie nicht verärgern. Auch Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) wollte das nicht. Im Dezember hatte sie dieser Zeitung gesagt, dass die Diskussion über Tempolimits eine „Symboldebatte aus der Vergangenheit“ sei. Der Koalitionsvertrag sieht keine Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen vor.

Doch in der Regierungskoalition sehen das nicht alle so wie die zuständigen Minister. Für den stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Ralf Stegner sei die Beschränkung „ernsthaft in Erwägung“ zu ziehen. Wenn sie denn dem Klimaschutz dienen könne.

■ Der Umwelt nützt es wenig

Das Umweltbundesamt hat errechnet, dass bei Tempo 120 die CO2-Emissionen der Pkw auf deutschen Autobahnen um neun Prozent sinken würden. Der ADAC hat auf dieser Grundlage weiter kalkuliert: Auf den Autobahnen werde etwa ein Drittel der Pkw-Fahrleistung erbracht, sodass die CO2-Einsparung bezogen auf den gesamten Pkw-Verkehr bei lediglich drei Prozent liegen würde. Der Autoverkehr wiederum verursache 13 Prozent aller CO2-Emissionen in Deutschland. Die Einsparungen würden somit national weniger als 0,5 Prozent betragen. Heißt: Das Tempolimit eignet sich nicht als Klimaretter.

■ Deutschland steht in Europa allein da

Deutschland ist europaweit das einzige Land, in dem es keine Tempolimits auf Autobahnen gibt. Dabei reicht das Limit von 100 Stundenkilometern in Norwegen bis hin zu 140 Stundenkilometern in Polen. Wer sich nicht an die Vorgaben hält, muss tief in die Tasche greifen. In Norwegen zum Beispiel müssen Temposünder, die mit 20 km/h zu schnell unterwegs sind, mit einem Bußgeld ab 375 Euro rechnen. In einigen Ländern wird das Tempolimit allerdings aufgeweicht. In Österreich etwa gilt seit vergangenem Sommer testweise eine Beschränkung von 140 statt 130 Stundenkilometern.

■ Ohne Limit wird autonomes Fahren schwierig

Auch autonom fahrende Fahrzeuge haben ein Problem mit den unterschiedlichen Geschwindigkeiten auf deutschen Autobahnen. Weil es immer sein kann, dass ein extrem schnelles Auto auf der linken Fahrspur heranrast, werden die Fahrzeuge auf eine sehr defensive Fahrweise programmiert: Hinter einem Lkw bremsen sie eher ab und fahren eine Weile länger hinter ihm her, anstatt sich flüssig in den Verkehr einzufädeln. Die ideale Lösung für solche Fahrzeuge wäre also ein generelles Tempolimit. Doch arbeiten die Hersteller auch an Programmierungen, um das Problem zu lösen. Ein „Highway-Pilot“, mit dem BMW-Fahrzeuge sich auf Autobahnen künftig autonom fortbewegen sollen, sei aber auf kein Tempolimit angewiesen, heißt es bei BMW.

■ Die Unfälle würde sinken

80 Menschen könnten durch ein Tempolimit gerettet werden, hat die Unfallforschung der Versicherer berechnet. Das sind etwa zwei bis drei Prozent aller im Verkehr Getöteten. Deshalb plädiert Leiter Siegfried Brockmann für ein Limit. Unwichtig ist dabei, ob es bei 120, 130 oder 150 Stundenkilometern liegt. Es geht eher darum, den Verkehr gleichmäßiger zu machen, die extremen Geschwindigkeitsunterschiede zu beseitigen. Das führt zu weniger Bremsmanövern und damit zu weniger Unfällen.

Aber: Das Tempo sollte nicht zu niedrig angesetzt werden, meint Brockmann. In den USA haben Verkehrsforscher den Begriff „Highway Hypnosis“ geprägt. Lange Fahrten bei gleichmäßigem Tempo von 55 oder 65 Meilen (88 oder 105 km/h) führten zu einer Art Hypnosezustand und deshalb zu vielen Unfällen, gerade bei Alleinreisenden. Das bestätigt auch Henrik Liers, Leiter der Unfallforschung an der Technischen Universität Dresden. Monotonie sei gefährlich:  „Man wird müde oder sucht sich Ablenkung, spielt etwa mit dem Handy.“

Stichwort Streckenradar als Kontrolle

■ Das bundesweit erste Streckenradar zur Kontrolle des Tempolimits auf einem Straßenabschnitt ist kürzlich bei Hannover in Betrieb gegangen. Überwacht wird ein 2,2 Kilometer langer Abschnitt einer unfallträchtigen Bundesstraße. Wie in Belgien, den Niederlanden und Österreich schon lange üblich, wird man auch auf der Bundesstraße beim Einfahren und Verlassen der überwachten Zone fotografiert. Passiert man sie schneller als erlaubt, drohen seit einer Woche Bußgelder.

■ Um den Datenschutz zu wahren, muss das bei der Einfahrt erstellte Foto zunächst verschlüsselt werden, ebenso wie das zweite Foto beim Verlassen des Abschnitts. Nur, wenn der Abgleich beider Bilder eine Tempoüberschreitung ergibt, wird ein weiteres, klassisches Blitzer-Foto mit dem Gesicht des Fahrers angefertigt. Bilder regeltreuer Fahrer werden gelöscht.

■ Das System wird bis 2020 erprobt. Bis dahin gibt es keine neuen Streckenradare.⇥(dpa)