zu den Motiven der AfD-Wähler im Osten
: Aus Protest

Ein diffuser Protest: Bei den Wahlen in Brandenburg und Sachsen werden hohe Stimmenanteile für die AfD erwartet.
Von
André Bochow
Berlin
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André Bochow.

Thomas Koehler/ photothek.net

Ja, viele Ostdeutsche empfinden fast 30 Jahre nach dem Ende der DDR den Umgang mit ihnen als wenig respektvoll. Jetzt, nachdem die Massenarbeitslosigkeit überwunden ist, viele Menschen in ihre Heimatorte zurückkehren, weil sie dort neben der sozialen Bindung auch wieder eine wirtschaftliche Perspektive haben und nachdem immer mehr Menschen  immer dichter an den Wohlstand herankommen, den sie einst erträumten – jetzt wollen sie protestieren. Gegen „die da oben“ in Potsdam, Dresden und vor allem in Berlin. Sie weisen auf Ost-West-Unterschiede beim Lohn hin, sorgen sich um die Rente und wollen, dass anerkannt wird, wie ihnen in den Treuhand-Jahren mitgespielt wurde.

Weshalb  so viele bei diesem Protest auf die AfD setzen, bleibt rätselhaft. Warum wird ein Björn Höcke in Cottbus nicht ausgelacht, wenn er davon schwadroniert, die politische Situation würde sich schon wieder so anfühlen wie 1989 und ins Mikro schmettert: „Dafür haben wir nicht die friedliche Revolution gemacht“. Wir? Der 17-jährige westdeutsche Gymnasiast hat die friedliche Revolution gemacht? Vielleicht zusammen mit dem Münchener Andreas Kalbitz?

„Vollende die Wende“ lautet ein Wahlslogan der AfD. Was soll das heißen? Sind die Menschen 1989 auf die Straße gegangen, um die Grenzen dichter zu machen oder um sie niederzureißen? Was die wirklichen DDR-Bürgerrechtler von der AfD-Inszenierung halten, haben sie gerade in einem gemeinsamen Papier zum Ausdruck gebracht. Sie halten ganz klar nichts davon und sind empört über den Missbrauch der Symbole und Slogans ihrer Revolution.

Und dass sich die AfD immer mehr radikalisiert, dass der völkische Flügel um Björn Höcke immer eindeutiger die Partei beherrscht, wissen das die Wähler nicht?  Wenn sie es wissen, ist es ihnen egal? Nein, den meisten nicht. Sie blenden es aus, weil sie Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Großen Koalition oder auch den Landesregierungen möglichst wirkungsvoll die Meinung geigen wollen. Über zu viele Flüchtlinge, über ihre Angst vor  dem Fremden, über Ungerechtigkeiten aller Art  – echte und eingebildete – und darüber, dass sich Ostdeutsche immer noch als Deutsche zweiter Klasse fühlen.

Ängste und Proteste sind legitim. Darüber muss geredet werden. Doch denen nachzulaufen, die schon wieder Menschen als „Volksverräter“ bezeichnen, grenzt an Selbstverachtung. Die Ostdeutschen sind immer wieder als „Jammer-Ossis“ bezeichnet worden. Das war unverschämt. Aber völkischen Demagogen nachzulaufen ist schlimmer als zu jammern. Dafür gibt es keine Gründe. Das macht man einfach nicht.

leserbriefe@moz.de