Lange hält das aber nicht, schon in einer Woche müssen die Brandenburger und Berliner wieder ran.
Der Grund dafür heißt Bildungsföderalismus. Er sorgt auch dafür, dass die Zeit am Gymnasium an verschiedenen Orten unterschiedlich lang ist, dass am Rhein andere Fremdsprachen gelehrt werden als an der Oder und dass es kein Zentralabitur gibt. Vor allem der letzte Punkt hat zuletzt wieder für Wirbel gesorgt – was zeigt: Der Bildungsföderalismus steckt in einer Krise.
Lange nicht mehr wurden die Mathe-Aufgaben so heftig diskutiert wie in diesem Sommer. Das haben sich die Länder selbst eingebrockt. Denn sie haben zwar den Aufgabenpool eingerichtet, allerdings ist er weder verbindlich, noch ist geregelt, welchen Taschenrechner die Abiturienten bei der Lösung benutzen dürfen. Kein Wunder, dass die Schüler in manchen Ländern das Abitur zu schwer fanden und sich ungerecht behandelt fühlten. Zugleich wissen auch die Hochschulen um diese Ungerechtigkeit und versuchen, sie bei den Zugangshürden auszugleichen. Ein Bremer Einser-Abi ist deshalb bei der Studienplatzsuche weniger wert als eines aus Bayern.
Schüler und Eltern sind davon zurecht genervt. Nicht ohne Grund spricht sich eine sehr deutliche Mehrheit in Deutschland für das Zentral­abitur aus. Mehr als die Hälfte lehnt sogar den Bildungsföderalismus an sich ab. Die Menschen wollen nicht mehr verstehen, weshalb von ihnen berufliche Mobilität verlangt wird, ihren Kindern aber der Schulwechsel zwischen Bundesländern so schwer gemacht wird. Sie glauben nicht mehr daran, dass der Lehrermangel durch Konkurrenz zwischen den Bundesländern gelöst werden soll. Und sie wollen vergleichbare Abiturprüfungen.
Dabei übersehen sie oft, dass der Bildungsföderalismus in seiner Beharrlichkeit auch Vorteile hat. Schulpolitik ist seit Jahrzehnten ein Feld für Experimente. Und einzig der Bildungsföderalismus verhindert, dass schlechte Reformideen gleich im ganzen Land angewendet werden. Das ist auch nach vorn gedacht wichtig: 16 selbstbewusste  Landesbildungsminister werden immer darauf achten, dass der Bund ein Politikfeld, das wie die Bildungs- und Schulpolitik besonders langfristig und tiefgehend wirkt, nicht völlig an sich reißt und beispielsweise die Lehrpläne nach dem eigenen politischen Programm umgestaltet.
Nur: Hat der Bildungsföderalismus angesichts schlechten Images überhaupt noch eine Chance? Bildungsministerin Eisenmann aus Baden-Württemberg wagt einen Rettungsversuch, indem sie für zentrale Prüfungen mit einheitlichen Regeln wirbt. Die sollen nicht in Berlin gestaltet werden, sondern verbindlich von den Ländern festgelegt. Zugleich bringt Bundesbildungsministerin Karliczek  den Nationalen Bildungsrat auf den Weg, der ebenfalls für mehr Vergleichbarkeit sorgen soll. Scheitern beide, dürfte es schwer werden, den Bildungsföderalismus überhaupt noch zu retten.
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