zur Debattenkultur in Deutschland: Gewollte Missverständnisse

Günther Marx
Gerd MarkertDa ist, zumal in der Politik, die Versuchung groß, aus wenig mehr zu machen, mit steilen Thesen die Öffentlichkeit zu suchen oder von anderen, der Medienseite her, das Aufgenommene aufzupeppen oder gar in unzulässiger Weise zuzuspitzen. So ist es jetzt dem CDU–Politiker Carsten Linnemann ergangen, der auf ein Problem unserer Einwanderergesellschaft hingewiesen hat und damit prompt eine Debatte lostrat, die so nie stattgefunden hätte, wenn er genau zitiert worden wäre oder man einfach genauer gelesen hätte.
Mitnichten hat er ein Grundschulverbot für Kinder gefordert, die des Deutschen nicht oder nur unzureichend mächtig sind. So aber kam die Botschaft an, worauf sich beinahe alle Welt zur Verteidigung der Schulpflicht in Deutschland aufgerufen fühlte, gegen Ausgrenzung und andere schlimme Dinge.
Die führende deutsche Nachrichtenagentur sah sich zu einer Richtigstellung gezwungen. Der Vorgang wirft ein Licht auf unsere Debattenkultur, deren Lust zur Aufgeregtheit, der Gier zum Skandal und dem Verlust einer Haltung, die die Kirche erst einmal im Dorf belässt. Donald Trump, Viktor Orban, Matteo Salvini oder Boris Johnson — alles Skandalnudeln, politisch bedenklich bis gefährlich, die unentwegt Schlagzeilen oder moralische Entrüstung produzieren, deren Erfolg allerdings auf den Fehlern und dem Unvermögen jener Kräfte beruhen, die in ihnen nun das Grundübel sehen und gar nichts mehr können, als sich zu empören.
Aber bleiben wir im Lande. Als Annegret Kramp–Karrenbauer im Karneval einen Witz machte über die Latte–Macchiato–Generation und Männer, die nicht mehr wüssten, ob sie beim Pinkeln noch stehen dürften oder schon sitzen müssten, da lachte — gefühlt – die eine Hälfte der Deutschen und die andere Hälfte war empört. Bei letzterer hatte sich AKK unmöglich gemacht, vermutlich für alle Zeit, als CDU–Chefin, als Kanzlerin in spe, als Mensch. Ist das nicht ein bisschen viel? Sicher, wie hinter allen Witzen, steckte auch in diesem ein Kern, der hochsensibel ist und viele umtreibt — die Debatte um ein modernes Rollenverständnis von Mann und Frau, die Lesben–Schwulen–Transgender–Thematik. Welche Sprache ist da noch statthaft? Wo beginnt der Skandal? Gerne wird das Allerschlimmste unterstellt. Bei AKK auch der Griff zur Zensur, als sie laut über Regeln zur Meinungsmache im Internet nachdachte. Angesichts des Treibens CDU–kritischer, millionenfach geklickter Youtuber stellte sie die Frage, was wohl los wäre, wenn 70 Zeitungsredaktionen zum Boykott der großen Parteien aufriefen. Ein Skandal?
Schon näher an einem solchen sind die Äußerungen des Schalke–04–Präsidenten Clemens Tönnies, der über Afrikaner und deren Fortpflanzungsfreude schwadronierte. Da schien etwas durch, was nach menschlichem Anstand besser unterblieben wäre.
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