zur Krise der Linken: Das süße Leben ist vorbei

André Bochow
Thomas Koehler/photothek.netDer Blitz hat zweimal eingeschlagen und jegliche Illusion zerstört, dass die Partei nach wie vor die Stimme des Ostens ist. Fast halbiert in den einstigen Hochburgen stehen die Genossen sichtlich unter Schock. Das süße Leben mit fast 30 Prozent der Wählerstimmen in Brandenburg ist vorbei. Vermutlich endgültig. Eigenartigerweise lässt der Donner noch auf sich warten. Aber es grummelt gewaltig. Denn die internen Kämpfe werden nun wieder ausbrechen. Noch mit einiger Zurückhaltung — schließlich wird in Thüringen Ende Oktober gewählt — aber schon jetzt ist klar, es wird mächtig rappeln im linken Karton. Am härtesten langt derzeit Sahra Wagenknecht hin. Die Linke stünde am Scheideweg, sagt die Fraktionschefin. Es gebe die Möglichkeit, weiter als Teil des „grünliberalen Establishments“ wahrgenommen zu werden oder sich wieder auf die Seite der „Unzufriedenen“ und derjenigen zu stellen, „die für ihr bisschen Wohlstand kämpfen müssen“. Wagenknecht will von der Mittelschicht abrücken, von den „hippen Großstadtmilieus“. Auf die Idee, dass auch die Mittelschicht zu kämpfen hat, kommt Wagenknecht nicht. Auch nicht darauf, dass es zumindest Teile der sich etablierenden Mittelschicht in Sachsen und Brandenburg waren, die die AfD gewählt haben und dass eine Konzentration auf Arbeitslose und Hartz IV–Empfänger nur wenig Stimmenzuwachs bringen dürfte. Und ob eine Änderung in der Haltung zur Migration von den Wählern honoriert würde, bleibt offen. Wagenknecht will die Änderung und Dietmar Bartsch, ihr Ko–Vorsitzender in der Fraktion, findet, es wäre keine linke Haltung, so viele Menschen wie möglich nach Deutschland kommen zu lassen. Vielmehr müsste jeder in seiner Heimat eine Chance bekommen. Da das von den Linken nicht nennenswert beeinflusst werden kann, droht eher der Ansehensverlust bei Noch–Wählern als dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, der AfD Stimmen abjagen zu können.
Die Linken haben aber auch erhebliche Personalprobleme. Das größte davon: Wagenknecht tritt aus der ersten Reihe zurück. Die bekannteste Linke räumt mittlerweile ein, im Grunde gar keine gute Funktionärin zu sein, aber sie bleibt für die Partei enorm wichtig. Man wird weiter Provokantes von ihr hören. Erfahrungsgemäß tragen aber Wagenknechts Einlassungen nicht zur Befriedung aufgeregter linker Debatten bei. Auf der anderen Seite geht die Zeit von Katja Kipping und Bernd Riexinger an der Parteispitze zu Ende. Spätestens nach den jüngsten Wahlniederlagen ist klar: Auch die letzte theoretische Möglichkeit einer Verlängerung für die beiden steht nicht mehr zur Diskussion. Eigentlich die Chance für einen Neuanfang. Nur: Mit wem an der Spitze? Wie der Einfluss in Ostdeutschland wieder wachsen soll, bleibt ebenfalls ein Rätsel. Die Gefahr: Die Linkspartei wird immer westdeutscher. Damit wäre sie im Osten am Ende und würde gesamtdeutsch kaum noch eine Rolle spielen.
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