Basketball
: „Es kribbelt bei allen sehr in den Fingern“

Sebastian Trczionka ist Assistenzcoach bei Alba Berlin. Er berichtet, was er von Trainer-Legende Aito Reneses lernen kann, warum es im Team keine Diven gibt und wie die Stimmung derzeit ist.
Von
Britta Gallrein
Berlin
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  • Gutes Gespann: Drei Jahre war Sebastian Trzcionka (rechts) Co-Trainer bei Lok Bernau und unter- stützte Headcoach René Schilling.

    Gutes Gespann: Drei Jahre war Sebastian Trzcionka (rechts) Co-Trainer bei Lok Bernau und unter- stützte Headcoach René Schilling.

    Ricardo Steinicke
  • Von der Legende lernen: Alba-Coach Aito Garcia Reneses, dahinter Israel Gonzalez (rechts) und Sebastian Trzcionka

    Von der Legende lernen: Alba-Coach Aito Garcia Reneses, dahinter Israel Gonzalez (rechts) und Sebastian Trzcionka

    nph / Hafner via www.imago-images.de
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Herr Trzcionka, wie würden Sie die aktuelle Lage bei Alba beschreiben?

Momentan liegt natürlich auch bei uns alles auf Eis. Wir haben den Spielern freigestellt, in ihre Heimatländer zurück zu kehren. Einige der Amerikaner sind nach Hause geflogen und auch Martin Hermannsson, unser Isländer. Sie sind mit individuellen Fitness-Plänen versorgt, die unser Athletiktrainer erstellt hat. Auf dem Programm stehen Lauf-Einheiten, aber auch Workouts mit dem eigenen Körpergewicht.

Wie ist die Stimmung in der Mannschaft?

Einigen hilft es, eine Pause zu haben. Gerade für die körperlich Angeschlagenen ist das willkommen. Aber für die Spieler ist natürlich Basketball der Mittelpunkt ihres Lebens. Der fällt jetzt weg und das ist für alle schwer zu akzeptieren. Uns allen fehlt Basketball. Es juckt sehr in den Fingern. Wir sind Tabellenvierter und wollen um die Meisterschaft spielen. Aber keiner weiß, wie es weiter geht. Momentan bemühen wir uns um eine Ausnahmegenehmigung, damit wir wieder zum Training in die Halle dürfen. In dieser Woche trifft sich die BBL zu Gesprächen – vielleicht sind wir danach schlauer. Auch, wie es mit der Euroleague weiter geht, steht ja immer noch nicht fest.

Dabei lief es ja gerade so richtig gut – Alba hat den BBL-Pokal gegen die EWE Baskets Oldenburg gewonnen...

Ja, dieser Pokalsieg hat einen Hunger gestillt, nachdem wir in den letzten Jahren ein paar wichtige Finals verloren hatten. Er hat aber auch den Hunger auf mehr geweckt, zum Beispiel auf die deutsche Meisterschaft.

Alba-Chefcoach Aito Garcia Reneses ist eine Trainer-Legende. Wie ist es, mit ihm zusammen zu arbeiten?

Aito hat schon gecoacht, da war ich noch nicht mal geboren. Er bringt so unglaublich viel Erfahrung mit, da kann ich noch sehr viel lernen.

Was ist er für ein Trainer-Typ?

Er ist sehr detailversessen. Dabei ist er aber immer ruhig. Man erlebt es nie, dass er die Spieler anbrüllt. Wenn ihm etwas nicht ganz gefällt, lässt er einen Spielzug oder eine Verteidigungsvariante immer wieder und wieder wiederholen und erklärt jedem ganz genau, was er besser machen kann. Er fordert es so lange ein, bis es klappt. Dabei lehrt er die Spieler aber auch, Fehler selbst zu erkennen und zu korrigieren. Sowohl inhaltlich als auch emotional hat er eine ganz tolle Art, die Profis zu führen.

Welche Spiel-Philosophie hat Aito?

Es lässt sehr modernen, offensiven Basketball spielen, deshalb haben wir auf diesem Gebiet auch besonders gute Werte. Aito ist ein kreativer Trainer mit vielen neuen Ideen, der sehr auf die Spielintelligenz der Akteure setzt. Ihm ist wichtig, dass die Spieler Situationen erkennen und ihre Entscheidungen nicht vom System abhängig machen, sondern von der Position der Mitspieler und der Verteidiger und so jederzeit aus den Systemen aussteigen können, wenn sie einen Vorteil erkennen.

Sport-Profis gelten ja oftmals als eigenwillig und schwierig. Wie ist das bei Alba?

Aito und Sportdirektor Himar Ojeda holen Diven gar nicht erst in den Club. Es kommt sehr selten vor, dass wir Spieler austauschen, sowohl aufgrund des Charakters als auch der Leistung. Das spricht für die Qualität der Rekrutierung. Und von der Einstellung her macht es keinen Unterschied, ob jemand Amateur oder Profi ist. Idioten gibt es immer, unabhängig vom Status, das ist einfach eine Charakterfrage.

Was ist Ihre Aufgabe im Trainerteam?

Ich mache unter anderem die Spiel-analysen, schaue mir also die Gegner an und analysiere deren Spiel. Das bereite ich dann als Präsentation für die Mannschaft vor. Außerdem unterstütze ich Aito und den ersten Assistenztrainer Israel Gonzalez im Training und arbeite mit einigen Spielern individuell vor oder nach den Einheiten.

Greifen Sie auch während des Spiels ein?

Ich gebe taktische Hinweise, die Israel Gonzalez dann an Aito weiterleitet, oder gebe selber den Spielern kleine Tipps.

Wann wollen Sie selber Chef-Trainer bei Alba sein?

(lacht) Ich war nie einer von denen, die gesagt haben: In fünf Jahren möchte ich da oder da stehen. Ich lasse alles auf mich zukommen. Das habe ich immer so gemacht und bin bislang damit sehr gut gefahren. Ich will erst noch viel lernen und von Aito kann ich das noch lange. Ein Team alleine zu führen, das ist nochmal ein sehr großer Schritt und nicht so einfach, wie man vielleicht denkt. Ich bin jetzt seit zehn Jahren bei Alba Berlin als Trainer, habe mit der U 16 angefangen und über weitere Jugendteams bis zu den Profis weiter gemacht. Dass ein Trainer so lange bei einem Verein bleibt, ist ungewöhnlich. Da bin ich Alba auch sehr dankbar, dass sie mich als Trainer gefördert haben und mir nun die Chance bei den Profis geben.

Wie sehr belastet die Corona-Pandemie den ganzen Verein?

Bei allen herrscht derzeit eine große Ungewissheit, was die Zukunft angeht. Die Spieler wissen nicht, wie es mit ihren Verträgen weiter geht. Wenn die Saison in der Bundesliga und Euroleague nicht beendet wird, bedeutet das finanzielle Einbußen und man muss schauen, wie man das abfangen kann.

Alba-Sportstunde steht täglich auf dem Programm

Sebastian Trzcionka und seine Kinder Bela (3) und Lilli (8) sind große Fans der Alba-Sportstunde. "Wir machen das jeden Tag und die Kids haben total viel Spaß", berichtetder Vater, der gemeinsam mit seiner Frau die Kinder derzeit zu Hause betreut. "Wir gehenim Wald spazieren, spielen Karten oder Brettspiele, kochen und machen zusammen Sport. Für den Dreijährigen ist das oft noch ein bisschen zu schwer, aber Lilli ist begeistert dabei. Die Verantwortlichen haben das aber auch sehr professionell gemacht. Die Übungensind koordinativ sehr anspruchsvoll." Platz sei dafür in jedem Wohnzimmer, sagt Trzcionka. "Wer keinen Ball hat, nimmt einfach Socken, um mit denen in den Papierkorb zu zielen."

Die Videos sind bei Youtube.com unterdem Stichwort "Alba Sportstunde" zu finden. Es gibt Übungen für die Altersgruppen Kita, Grundschule und Oberschule.⇥bag