Ex-Union-Profi
: Auf ein Eis mit Benjamin Köhler

Bei den Eisernen erlebte er die härteste Zeit seines Lebens, seit einem Jahr betreibt er eine Eisdiele in Berlin.
Von
Jacqueline Westermann
Berlin
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  • Voll fokussiert auf seine neue Aufgabe: Nachdem er den Tumor besiegt hat, wurde Benjamin Köhler zum Unternehmer.

    Voll fokussiert auf seine neue Aufgabe: Nachdem er den Tumor besiegt hat, wurde Benjamin Köhler zum Unternehmer.

    Christoph Soeder/dpa
  • Benjamin Köhler im Gespräch mit den MOZ-Volontären Thomas Sabin und Lukas Grybowski (Foto links)

    Benjamin Köhler im Gespräch mit den MOZ-Volontären Thomas Sabin und Lukas Grybowski (Foto links)

    Jaqueline Westermann
  • Benjamin Köhler mit seiner Frau Marina

    Benjamin Köhler mit seiner Frau Marina

    Jaqueline Westermann
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Der ehemalige Flügelflitzer des 1. FC Union Berlin hat einige große Spiele erlebt. Sein größtes Duell bestritt er jedoch gegen „die Krankheit“, wie er sagt. Heute betreibt er gemeinsam mit seiner Frau Marina, mit der er seit fünf Jahren verheiratet ist, eine Eisdiele und führt ein anderes Leben. Ein Leben nach dem Fußball. Das Berliner Stadtderby rutscht für ihn an die zweite Stelle. Heute stehen Familie und die Eisvitrine an erster Stelle.

Zwar hat der 39-Jährige, der von allen nur Benny genannt wird, seine Fußballkarriere in Blau und Weiß bei Hertha begonnen, heute schlägt sein Herz jedoch in den Farben Rot und Weiß. „Ganz klar“, sagt er in einer der blauen Ledersitzecken seiner Eisdiele „La Luna“ in der East Side Mall in Berlin. Das erste Fußball-Bundesliga-Derby zwischen den beiden Berliner Clubs elektrisiert seit Wochen die Stadt. Auch Köhler freut sich auf das Spiel. Wenn auch nicht mehr wie früher, als er noch selber auf dem Rasen stand.

Benny Köhler wächst im Märkischen Viertel in Berlin auf. Er kickt zu jeder freien Minute auf den Bolzplätzen zwischen den Platten, bis er das Angebot von Hertha bekommt. „Da bin ich natürlich gleich hingewechselt. Später habe ich dort auch meinen Profivertrag erhalten“, sagt er in gewohnt gelassener Art und mit leiser, aber bestimmter Stimme. „Damals habe ich natürlich Hertha unterstützt. So ist das, wenn man da spielt. Und damals gab es nur Hertha in Berlin. Für mich war als Jugendlicher klar, ich will zu Hertha. Ich bin Berliner.“

Den Durchbruch schafft er dort nicht. Köhler wird an den MSV Duisburg ausgeliehen, wechselt 2003 zu Rot-Weiß Essen. Ein Jahr darauf verpflichtet ihn Eintracht Frankfurt. Er steigt in die 1. Bundesliga auf und spielt im UEFA-Pokal. 2013 wechselt er nach Kaiserslautern und ein Jahr später zu Union Berlin.

„Es gibt einige Fußballmomente, an die ich gerne zurückdenke. Die Aufstiege, UEFA-Cup-Spiele, sogar der Abstieg mit der Eintracht, und natürlich das alles mit Union.“ Das alles mit Union – das ist eine ganz besondere Geschichte im Profifußball.

2015 wird bei Köhler ein bösartiger Tumor diagnostiziert. Die Therapie muss sofort beginnen.  Doch Köhler denkt nicht dran aufzugeben und nimmt den Kampf an. Dieses Mal nicht auf dem Rasen, sondern im Krankenbett. „Es war ein halbes Jahr die Hölle. Ich habe aber auch viel Positives mitgenommen. Ich habe den Kampf gewonnen, habe im Privatleben begonnen umzudenken und gesehen, wer wirklich hinter einem steht“, resümiert er heute. Damals verlängerte Union, ohne zu zögern, den Vertrag mit ihm. Unvergessen in der Fußballwelt ist der 7. Februar 2016. In der siebten Spielminute unterbrachen Union Berlin und der VfL Bochum ihr Spiel als Zeichen der Solidarität. Köhler trug damals die Rückennummer 7 bei den Eisernen. Er kann seine Tränen nicht zurückhalten. Viele können das an diesem Tag nicht.

Doch das alles ist Vergangenheit. Benny Köhler hat den Krebs besiegt, gab sogar sein Comeback, das viele ihm nicht zugetraut hätten. „Jeder, der das nicht erlebt hat, weiß nicht, was da in einem vorgeht, was man wirklich fühlt. Das verändert einen. Dass wir hier sitzen, ist für jeden normal auf der Welt. Dass wir rausgehen können, ins Kino gehen oder einfach nur dummes Zeug quatschen, ist für viele ganz normal. Doch das kann von heute auf morgen vorbei sein. Und das sollte jedem bewusst sein. Ich habe das Leben neu schätzen gelernt.“

Heute lebt Köhler anders. Er hat drei Kinder, und seine Ansichten haben sich gedreht. "Früher hatte ich nur Fußball im Kopf. Da habe ich alles andere ausgeblendet. Es musste sich alles hintenanstellen. Familie, Freunde, Freundin – Fußball habe ich immer vorgezogen.“ Doch jetzt ist die Eisdiele sein Job.

Seit einem Jahr hat Köhler die Kugel aus Leder gegen die aus Eis getauscht. Seine Lieblingssorte: „Cookies Dark Chocolate“. Bei Marina Köhler steht dunkle Schokolade mit Zitrone hoch im Kurs. „Für mich hat sich durch die Eisdiele einiges geändert. Ich stehe nicht mehr morgens auf, um zum Training zu gehen und fahre danach wieder nach Hause und habe Freizeit. Heute führe ich ein normales Arbeitsleben. Dienstpläne, Bestellungen, Kassenbuch – damit hat man sich ja vorher nie befasst. Jetzt gehört das alles dazu.“ Nur mit dem Tablett tragen tut er sich noch schwer.

Das Paar hat sich an sein neues Leben gewöhnt. „Wir sind sehr zufrieden, auch wenn es natürlich ein ganz anderer Tagesablauf ist als früher. Wir haben ja nie den ganzen Tag in einem Geschäft gestanden“, erzählt seine Frau. Verbindungen zu diesem „Früher“ gibt es noch. Im Laden hängt sein Union-Trikot mit der Nummer 7, eine Zeichnung, die auf seine Zeit in Frankfurt hindeutet – und natürlich gibt es einen Union-Eisbecher.

Hin und wieder geht er noch ins Stadion. Es wird jedoch meist erst am Tag des Spiels entschieden. Denn ganz ohne Fußball geht es einfach nicht. Der Ex-Unioner kickt derweil bei den Spandauer Kickers. „Auch wenn da nur zehn Zuschauer sind, macht es Spaß“, sagt Köhler, der dort auf der Zehn wirbelt.

Ob die beiden gegen Hertha ins Stadion gehen, wissen sie noch nicht. „Ich muss gucken, was im Laden los ist, vielleicht kann ich gar nicht zum Spiel.“ Dass seine Eisernen gewinnen, davon ist er überzeugt. „Bei Union ist einfach eine andere Stimmung, ein anderes Feeling. Mit den Fans in diesem Stadion, dieser besonderen Atmosphäre, ist was möglich.“