Fifa-Schiedsrichter
: Siegfried Kirschen - der Unparteiische auf dem Platz

Fußball bestimmt das Leben von Siegfried Kirschen.  Der 76-Jährige war 19 Jahre als Fifa-Schiedsrichter in der Welt unterwegs.
Von
Bettina Winkler
Neu Golm
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  • Pokal aus Lausitzer Kristall: Als Schiedsrichter des Jahres wurde Siegfried Kirschen in seiner aktiven Zeit mehrere Male ausgezeichnet. Heute hat das auffällige Stück bei ihm zuhause einen Ehrenplatz.

    Pokal aus Lausitzer Kristall: Als Schiedsrichter des Jahres wurde Siegfried Kirschen in seiner aktiven Zeit mehrere Male ausgezeichnet. Heute hat das auffällige Stück bei ihm zuhause einen Ehrenplatz.

    Bettina Winkler
  • Audienz beim Papst: Siegfried Kirschen war während der Weltmeisterschaft 1990 auch bei Johannes Paul II. zu Gast.

    Audienz beim Papst: Siegfried Kirschen war während der Weltmeisterschaft 1990 auch bei Johannes Paul II. zu Gast.

    Bettina Winkler
  • In Aktion: Siegfried Kirschen auf dem Platz.

    In Aktion: Siegfried Kirschen auf dem Platz.

    Bettina Winkler
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Siegfried Kirschen ist als Fifa Schiedsrichter  viel in der Welt herumgekommen. 19 Jahre – bis zur Wende – hat er in der DDR-Oberliga gepfiffen. Davon 17 Jahre bei internationalen Spielen. Er war bei Europa- und Weltmeisterschaften dabei, leitete europäische Clubspiele und Begegnungen in der Champions League. Die Fußball-Legende Diego Maradona – für viele der größte Spieler aller Zeiten – erlebte Kirschen selbst auf dem Platz, als er das Europacup-Spiel zwischen Neapel und Juventus Turin leitete. Einen Lieblingsspieler hatte der Unparteiische nicht, sie waren ihm alle sympathisch, jeder auf seine Weise. Die Aufgabe eines Schiedsrichters sei nach seiner Meinung Ausgleichen, Beruhigen, und nicht zusätzliche Hektik ins Spiel bringen.

Zwei Weltmeisterschaften

„Die Nominierung für eine Weltmeisterschaft ist natürlich das Größte, was ein Schiedsrichter erreichen kann“, sagt Kirschen, der gleich zweimal dieses Glück hatte. 1986 in Mexiko. Argentinien wurde Weltmeister im Finale gegen die Bundesrepublik Deutschland. Und 1990 in Italien, als Deutschland den Weltmeister-Titel gewann. Das Spiel konnte Siegfried Kirschen leider nicht live miterleben. Die deutschen Schiedsrichter mussten nach dem Achtelfinale nach Hause fahren. Das war gerade zur Wendezeit, wo in der Heimat alles im Umbruch lag. „Als ich nach Italien gefahren bin, gab es noch die DDR-Mark. Als ich nach vier Wochen wieder kam, hatten wir Westgeld“, erinnert sich Siegfried Kirschen.

In seiner aktiven Zeit hatten die größten Fußballnationen sieben Schiedsrichter bei internationalen Spielen dabei. Diese wurden nach Hierarchie eingesetzt. Heute sind es zehn, über deren Einsätze die Fifa entscheidet. Die Weltmeisterschaft 1990 war Höhepunkt und Abschluss seiner Schiedsrichterlaufbahn mit einer außergewöhnlichen Bilanz: 250 Oberligaspiele, 24 Länderspiele und 45 Europacup-Spiele.

Präsident des Landesverbandes

In den neuen Bundesländern wurden nach der Wende andere Strukturen gebildet und der Fußball-Landesverband Brandenburg aus der Taufe gehoben. Siegfried Kirschen wurde zum Präsidenten gewählt. 28 Jahre lang – bis 2018 – leitete er die Geschicke des Brandenburger Fußballs. Rund 100 000 Mitglieder sind dort organisiert. „Damit hatte ich einen nahtlosen Übergang von der aktiven Zeit zum Funktionär im Ehrenamt“, sagt Kirschen. Hauptberuflich war der studierte Diplom-Psychologe seit 1992 bis zur Rente als Pharma-Referent auf Achse. Diese Tätigkeit verschlug ihn auch des öfteren nach Bad Saarow ins Klinikum.

Der grüne Rasen und das runde Leder lassen den 76-Jährigen aber bis heute nicht los. Er ist immer noch unterwegs als Schiedsrichterbeobachter im Landesmaßstab. Zudem ist er Ehrenmitglied im Deutschen Fußball Bund, im Nordostdeutschen Fußballverband sowie im Fußball-Landesverband Brandenburg Ehrenpräsident. Im August 2019 leitete er das Traditionsspiel anlässlich 100 Jahre Fußball in Fürstenwalde. Das Duell der ostbrandenburgischen Legendenauswahl mit einstigen Dynamos und Alt-Unionern gegen ehemalige DDR-Nationalspieler stellte sich als amüsantes und interessantes Fußballerlebnis dar. „Das habe ich gern gemacht und dabei viele Spieler aus meiner aktiven Zeit getroffen“, sagt Kirschen, der sich mit Joggen, Kraft- und Ausdauertraining im Fitnessstudio sowie Gartenarbeit fit hält. Durch die sportliche Laufbahn hat Kirschen natürlich auch Abnutzungserscheinungen im Binde-und Stützgewebe. Tabletten kommen zur Schmerzlinderung für ihn aber nicht in Frage. Er setzt lieber auf Aktivität. Sportlich sind auch seine beiden Enkeltöchter unterwegs. Die Ältere ist Fechttrainerin und die jüngere Mitglied in der Bundeswehr-Sportfördergruppe Fechten.

Drei Fragen an Siegfried Kirschen

Was oder wer hat Sie in Ihrem Leben am meisten geprägt? Das ist eindeutig meine Arbeit als Schiedsrichter. Sie lehrte mich Selbstbewusstsein, Neutralität, Zuverlässigkeit und Selbstständigkeit. Werte, die in der heutigen Gesellschaft gebraucht werden, aber immer mehr verloren gehen.

Wenn Sie Bürgermeister von Bad Saarow wären, was würden Sie ändern? Den Ort noch attraktiver für Investoren und Touristen machen. Projekte werden oft zerredet und dadurch springen potentielle Investoren ab. Die Abgeordneten und Behörden sollten schneller und flexibler entscheiden. Außerdem würde ich mich mehr für die Jugend einsetzen, ihr eine größere Auswahl an Freizeit­aktivitäten bieten. Da kann ich nur Sport empfehlen. Er ist nicht nur gut für die Gesundheit, sondern vermittelt auch Zusammengehörigkeitsgefühl sowie Teamgeist. Jugendliche können so einen gesunden Ehrgeiz entwickeln.

Was halten Sie vom Videobeweis, der Fehlentscheidungen beim Fußball vermeiden soll? Ich würde ihn wieder abschaffen und kann mir vorstellen, dass der Einsatz noch einmal überdacht wird. Trainer der großen Vereine sollten noch mal diskutieren. Fußball in seinem Ursprung ist darauf ausgerichtet, Tore zu schießen. Wenn durch Einsatz von Technik super Tore wegen drei Zentimeter Abseits annulliert werden, sind Spieler und Fans verständlicherweise frustriert.