zum bevorstehenden Finale der Tour de France
: Skeptische Begeisterung

Die Befürchtungen vor der 106. Auflage der Tour de France waren groß, dass sie angesichts fehlender Top-Favoriten zum Langeweiler werden könnte.
Von
Manuela Harant
Ulm
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Manuela Harant

Volkmar Könneke

Was für eine Fehleinschätzung! Dass die zwei besten Rundfahrer der vergangenen Jahre, Christopher Froome und Tom Dumoulin, fehlen, schmälert die Spannung der Frankreich-Rundfahrt keineswegs, im Gegenteil. Die Tour ist spannend wie lange nicht. Auf der Königsetappe ist das Feld sogar noch dichter zusammengerückt, ein halbes Dutzend hat drei Etappen vor dem Ziel seine Chance auf den Gesamtsieg gewahrt.

Und ein Deutscher mischt an der Spitze munter mit: Der Ravensburger Emanuel Buchmann war selbst von den optimistischen Experten höchstens als Top-Ten-Fahrer eingeschätzt worden und kämpft nun bis zuletzt um einen Podiumsplatz. Buchmann ist DIE positive Überraschung der Tour und wurde nun auch noch vom einstigen Tour-Helden Jan Ullrich geadelt. Ausgerechnet Ullrich! Da sah sich Buchmann gleich gezwungen, etwas klarzustellen: "Von meiner Seite kann ich sagen, dass die Fans sich keine Sorgen machen müssen“, meinte Buchmann.

Reflexartige Aussagen wie diese zeigen, wie sehr die Doping-Schatten auch zwölf Jahre nach der Aufdeckung des größten Skandals der Sportgeschichte immer noch wie ein dunkler Schleier über der Tour de France liegen – oder schon wieder? Denn auch im Vorfeld der 106. Frankreich-Rundfahrt gab es Hiobsbotschaften, die erneut an einem sauberen Wettkampf zweifeln lassen. Die Operation Aderlass förderte mittelmäßige Profis zutage, die sich als Wasserträger der Stars fit spritzten. Zur Grand Depart in Brüssel, ausgerechnet mit Dopingsünder Eddy ­Mer­ckx als Pate, machten anonyme Aussagen die Runde, im Tour-Peloton würde die schwer nachzuweisende Substanz Aicar konsumiert. Und die Topteams geben ganz offen zu, dass sie mit dem zumindest fragwürdigen Nahrungsergänzungsmittel Keton experimentieren, um das legal Mögliche auszureizen. Eine konsequente Anti-Doping-Strategie von Teams und Organisatoren sieht anders aus.

Allerdings machen es sich die Kritiker zu einfach, die von unveränderten Geschwindigkeiten des Pelotons auf ein unverändertes Dopingverhalten schließen. Zu stark wirken andere Einflussfaktoren wie Wetter, Wind, technischer Fortschritt sowie Taktik der Teams.

Gegen hemmungsloses Doping spricht die Bilanz der Ausgeschiedenen: Die Tour verbucht trotz einer schweren Streckenführung so wenige Ausfälle wie lange nicht. Am Zeitlimit scheiterte bislang noch keiner der 176 gestarteten Profis. Das Tempo der Topfahrer können also alle mehr oder weniger mitgehen. Zudem gibt es im Sport keinen Wettbewerb, bei dem mehr auf die Einnahme von illegalen Substanzen getestet wird als bei der Fahrt durch Frankreich. So ist eine Mischung aus Skepsis und Begeisterung angebracht. Und Anerkennung für die Leistung jedes einzelnen Teilnehmers. Denn eine Tortur bleibt die Frankreich-Rundfahrt allemal.

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