Union Berlin
: Brisante Diskussion – könnten Fans der Mannschaft mit Schweigen helfen?

Union Berlin kämpft weiter gegen die sportliche Krise. Trotz der Misere können sich die Eisernen auf die Unterstützung der Fans verlassen. Dem einen oder anderen Anhänger ist das jedoch zu viel des Positiven.
Von
Frank Noack,
Josephine Japke
Berlin
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Auch beim Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt (0:3) gab es großen Zuspruch von den Fans für die Spieler des 1. FC Union Berlin um Christopher Trimmel (links).

Matthias Koch

Inmitten der sportlichen Krise sorgen zumindest die Fans des 1. FC Union Berlin für Gänsehaut-Momente bei den Spielern und bei Trainer Urs Fischer. Denn in Köpenick passieren derzeit gerade zwei außergewöhnliche Dinge: erstens die Horror-Serie von zwölf Niederlagen am Stück und zweitens die Reaktion der Fans darauf. Für Abwehrspieler Robin Gosens ist diese Reaktion sogar „einmalig auf der ganzen Welt“.

Statt Pfiffen gab es auch bei der 0:3-Niederlage gegen Eintracht Frankfurt wieder ausschließlich lautstarke Unterstützung von den Rängen. Und auch zum Champions-League-Auswärtsspiel am Mittwoch beim SSC Neapel werden 2500 Anhänger die Mannschaft begleiten. Zwei Fan-Flieger zum Preis von 510 Euro pro Person sind in Richtung Italien gechartert. Damit ist das komplette Gäste-Kontingent im Stadio Diego Armando Maradona ausgeschöpft. Die Flieger nach Rom starten am Mittwochvormittag um 9 Uhr und um 9.15 Uhr. Von Rom geht es dann mit Bussen weiter nach Neapel.

Kurzum: Trotz der anhaltenden Negativserie können sich die Eisernen auf ihre Fans verlassen. „Ich könnte verstehen, wenn die Fans uns gerade nicht so feiern würden. Das ist einmalig“, erklärte Robin Gosens nach der Niederlage gegen Frankfurt am ARD-Mikrofon: „Ich lehne mich mal aus dem Fenster und sage: Das ist einmalig auf der ganzen Welt.“

Diese Unterstützung ging am auch Samstag weit über die 90 Minuten hinaus. Bereits vor dem Anpfiff wurde Trainer Urs Fischer von den Fans mit Sprechchören gefeiert. Eine Portion Gänsehaut gab es auch für die Mannschaft. Nach der Erwärmung versammelten sich alle Spieler noch einmal vor der Tribüne auf der Waldseite und wurden von den Fans mit einer emotionalen Ansprache auf das Spiel gegen Frankfurt eingestimmt. Und selbst nach dem schnellen 0:2-Rückstand zogen die Fans ihren Support beinahe schon trotzig durch.

Das Problem: Zumindest von den Ergebnissen her zeigt diese uneingeschränkte Unterstützung derzeit keinerlei Wirkung. Union Berlin „macht und tut“ findet Kapitän Christopher Trimmel – die Niederlagen-Serie geht aber trotzdem weiter. Deshalb ist es nicht überraschend, dass schon seit einiger Zeit in den sozialen Medien wie Facebook und Instagram auch eine andere Facette diskutiert wird. So mancher Fan fragt sich: Wäre ein kritischer Umgang mit den ganzen Niederlagen auf den Rängen möglicherweise sinnvoller? Anders ausgedrückt: Wäre der eine oder andere Pfiff vielleicht sogar hilfreich, anstatt die Mannschaft trotz Niederlage zu beklatschen und damit auch ein stückweit in Sicherheit zu wiegen?

„Hört doch auf, schlechte Leistungen schönzureden. Seid selbstkritischer“, schreibt ein Fan. Ähnliche Meinungen fanden sich vor allem nach der Heimniederlage gegen den VfB Stuttgart in den Kommentarspalten.

Union Berlin spielt beim SSC Neapel

Zu dieser brisanten Diskussion äußerte sich in der Halbzeitpause des Frankfurt-Spiels am Samstag auch der in der Bundesliga für drei Partien gesperrte Rani Khedira. Er habe einen solchen Support trotz Negativserie noch nirgendwo erlebt. „Die Unterstützung ist etwas ganz Besonderes und einzigartig“, sagte Khedira bei Sky. Manchmal sei das aber vielleicht gar nicht so angebracht, wenn man immer wieder verliert.

Es stellt sich also die Frage: Könnten die Fans mit dem einen oder anderen Pfiff der Mannschaft in der aktuellen Phase sogar mehr helfen als mit Beifall in Dauerschleife? Oder zumindest mit einem demonstrativen Schweigen? Selbst das wäre für die Anhänger von Union Berlin, bei denen Pfiffe gegen die eigene Mannschaft schon seit Jahren nicht mehr zur Fankultur gehören, eine höchst ungewöhnliche Kehrtwende.

Es bliebt aber wohl eher eine theoretische Frage, denn auch am Mittwochabend in Neapel wird es wieder lautstarken Support geben. „Diese Unterstützung ist sehr schön und nicht selbstverständlich. Es sagt viel aus über unsere Fans. Aber wir müssen schauen, dass wir die Kurve kriegen. Wir wollen ihnen auch mal was zurückgeben“, wünscht sich Christopher Trimmel.

Spätestens dann hätte sich die Diskussion um Pfiffe von den Rängen ohnehin erledigt.