Als die Gipsmine in Empire/Nevada dicht macht, verliert Fern alles. Ihren Job, ihren Mann, ihr Haus und ihre Zukunft. Nicht einmal die Postleitzahl bleibt. Empire verschwindet einfach aus der öffentlichen Wahrnehmung. Die 60-jährige packt also ihr Hab und Gut in einen Van und fährt los. Dorthin, wo es sie hintreibt, dorthin, wo es Arbeit gibt.

Leben im Van

„Ich bin nicht obdachlos, ich bin Haus los“ wird sie kurz vor Aufbruch ihrer Nichte sagen. Und tatsächlich fühlt sich Fern auch nicht heimatlos. Egal ob Wind, Wetter, Kälte, Sonne, der Van wird zum Mittelpunkt ihres Lebens. Sie arbeitet bei Amazon, im Trailerpark oder der Restaurantküche. Stellt keine Ansprüche und wird auch nicht enttäuscht.
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Im Gegenteil. Denn Fern ist nicht allein. Bei einem Workshop für moderne Nomaden mitten in der Wüste Arizonas trifft sie viele Schicksalsgenossen oder besser Gleichgesinnte. Denn kaum jemand hadert mit dem Leben on the road. Sicher, das Dasein sei nicht luxeriös. Aber man habe sein Auskommen und vor allem die Freiheit, zu kommen, zu gehen, wann man will und wohin man will. Dies steht bei den meisten ganz oben an und die Witwe kann sich dieser Haltung nicht verschließen. Sie schuftet für ein paar Dollar und genießt Einsamkeit und teils unberührte Natur. Fast scheint es so, als habe sie sich dieses Leben bewusst ausgesucht und sei nicht durch das Ende von Empire hineingezwungen worden.

Film ohne Story

„Freiheit, ist das einzige was zählt“ beendet Marius Müller-Westernhagen den gleichnamigen Song. Die letzte Strophe wäre perfekt für Chloé Zhaos neuen Film geworden. Der basiert, wen wundert’s, auf einem Sachbuch. Und so hat der mit drei Oscars ausgezeichnete Streifen auch keine Story im klassischen Sinne. Die Regisseurin beschreibt eher einen Zustand in einem bestimmten Zeitabschnitt. Wir sehen weder, was vor dem Empire-Zusammenbruch oder kurz danach geschah, noch, wie es mit Fern weitergeht. Wir begleiten Frances McDormand für ein paar Wochen, die auf nicht einmal zwei Stunden zusammenschrumpfen.

Ur-amerikanische Einstellung

Dabei steht Fern für die vielen anderen modernen Nomaden, die aus der Notwendigkeit eine Tugend gemacht haben. Sie klagen nicht etwa über Schicksal, Zustände und Schuldige, sondern fügen sich freiwillig und preisen die Freiheit der Entscheidung. Fern beispielsweise schlägt mehrfach das Angebot ihrer Schwester aus, bei der zu wohnen. Damit wird „Nomadland“ zu einem sehr amerikanischen Film. Schon in „The Rider“ hatte sich Zhaos solcher Tugenden angenommen, die gern bis auf die Pionier- und Siedlerzeit zurückgeführt werden. McDormands Rolle opponiert nicht etwa gegen das System, wie sie es noch in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ getan hat. Sie nimmt hin und freut sich an dem, was sie hat.

Echte Nomaden vor der Kamera

Dem Handlungsstrang entsprechend ist „Nomadland“ ein eher ruhiger Film mit wenig oder kaum Spannungsaufbau geworden. Natur und Van stehen im Mittelpunkt und viele Tagesübergänge Nacht zum Tag und umgekehrt. Rein bildlich betrachtet ungemein schön, geradezu beruhigend. Darüber hinaus ist der Streifen sehr authentisch geworden. Nicht nur in Sachen Setting und Lautstärke. Denn hier wird nichts überbetont. Dazu gesellen sich neben McDormand vor allem Laiendarsteller, eben jene echten Nomaden, die die amerikanischen Weiten bevölkern. Am Ende sicher kein Film für ein wirklich breites Publikum, da die Inszenierung herzlich wenig mit Mainstream zu tun hat.

Nomadland

Genre: Drama; FSK: o.A.; Laufzeit: 107 Minuten; Verleih: Searchlight Pictures / Disney; Regie: Chloé Zhao; Frances McDormand, David Strathairn, Linda May; USA 2020