Probefahrt: Der Mercedes GLE im Autotest

Optisch zurückhaltend geliftet: Mercedes GLE
Roberto WenkDie zweite Generation des GLE ist zwar mit ihrem Debüt im Jahr 2018 nicht mehr ganz neu, kann aber auch heute noch viele Wettbewerber im Vergleich alt aussehen lassen. Insbesondere jetzt, nach dem Facelift in diesem Jahr, haben die Stuttgarter ihr SUV der oberen Mittelklasse noch einmal durch die Waschanlage mit Jungbrunnenwasser gefahren.
Motor
Das Facelift beginnt bereits beim Antrieb. Der 450d löste den 400d ab und wird nun von einem 48-Volt-Mildhybridsystem unterstützt. Weiterhin als Reihensechszylinder mit drei Litern Hubraum werkelnd, generiert der überaus kultiviert laufende Turbodiesel nunmehr 387 PS und 750 Newtonmeter maximales Drehmoment. Ein Plus gegenüber dem Vorgängermotor von 56 PS respektive 50 Newtonmeter. Die 9-Gang-Automatik liefert dazu eine perfekte Übersetzung dieser Kräfte bei allen Gegebenheiten und leitet diese dank 4Matic Allradantrieb an alle vier Räder.
Karosserie/Ausstattung
Am Außenkleid des SUVs fiel das Facelift zurückhaltend aus. Die Front- und Heckschürzen wurden modifiziert und das deutlichste Erkennungsmerkmal des Faceliftmodells ist von außen die überarbeitete Tagfahrlichtsignatur der LED-Scheinwerfer. Statt den vorherigen beiden LED-Bumerangs äugt der Schwabe nun mittels streifenförmigen „Lidschatten“ und zweigeteiltem „Wimperstrich“ in seine Umgebung. Einige Chromleisten gehen nun andere Wege und zwei neue Außenfarben gab’s außerdem.
Auch der Innenraum wurde nur dezent aufgewertet. Ein neues Lenkrad gehört als auffälligstes Merkmal dazu, auf dem die vorherigen Rollregler durch Sensorfelder ersetzt wurden. Die Materialauswahl ist hochwertig und alles bestens verarbeitet. Doch auf den zweiten Blick trüben kleine Details den Premiumeindruck, wie Einschüsse in einem Diamanten. Da wäre beispielsweise der Wählhebel am Lenkrad, der aus einfacher Plastik eher nach Kompaktklasse aussieht. Unterhalb des Blickfeldes wurden eher einfache Materialien verbaut, was eine Inaugenscheinnahme des Fußraums oder der Unterkante der Sitze offenbart. Das erwartet man von einem Premium-SUV der oberen Mittelklasse anders.
Das MBUX genannte Infotainmentsystem wurde inhaltlich überarbeitet und bietet unter anderem eine bessere Sprachsteuerung. Das Bedienkonzept - bereits vorher sehr intuitiv - benötigt eine kurze Eingewöhnung und ist danach bestens umsetzbar. Der Parkassistent wurde, wie auch die Navigationslösung kräftig überarbeitet; letztgenannte besitzt jetzt auch eine Gespannfunktion und berücksichtigt den Anhänger bei der Routenführung. Neue Kameras ringsum helfen nicht nur beim Parken, sondern auch im Gelände. Dank der sogenannten „gläsernen Motorhaube“ - liebe Grüße an Land Rover - hat der Fahrer jetzt einen direkten Kamerablick auf die Umgebung direkt vor dem SUV inklusive der Vorderräder und deren aktuellen Einschlagwinkeln.
Ansonsten gibt es dank Burmester und einem Akustikpaket mit entsprechender Verglasung klanglich was Feines auf die Ohren und das Airmatic-Paket erlaubt neben einer Niveauregulierung des Luftfahrwerks bis zu 70 Millimeter auch eine Freifahrfunktion, mit der sich das SUV im festgefahrenem Zustand durch Aufschaukeln wieder befreien kann. Auch eine selektive Ansteuerung jedes einzelnen Rades ist damit möglich. Mittels umfangreicher Offroad-Instrumente und entsprechendem Fahrmodus ist das SUV überaus geländetauglich. Wenngleich wohl die wenigsten Besitzer dies ausreizen werden. Das gut 5600 Euro teure AMG Line Advanced Paket sorgt zudem für eine geschärfte Optik außen und beinhaltet auch eine stärkere Bremsanlage. Es geht aber noch mehr; die AMG Line Premium Plus-Pakete kosten über 16.000 Euro und bringen ein riesiges Potpourri an Annehmlichkeiten ins SUV, das neben Glaspanoramadach, Innenraumbeduftung und umfassender Multimediaversorgung im Fond viele weitere Dinge bereithält.
Die 21-Zoll-AMG-Räder verschlingen nochmal 1300 Euro extra; serienmäßig gibt’s mit dem AMG Line Advanced Plus 20 Zoll. Das Head-up Display besitzt eine riesige Projektionsfläche und ist inhaltlich wohl eines der umfassendsten Lösungen, die zurzeit am Markt erhältlich sind.
Fahrverhalten
Der GLE ist als 450d trotz seines Eigengewichts von über 2,4 Tonnen ein sehr lebendig wirkendes SUV. Der Sechszylinder reagiert hellwach auf jeden Gasbefehl und schiebt dank der 750 Newtonmeter bärenstark an. Nur 5,6 Sekunden vergehen aus dem Stand bis Tempo 100 und erst bei 250 km/h ist Schluss. Das Luftfahrwerk ist erwartungsgemäß supersanft und lässt sich durch rein gar nichts aus der Ruhe bringen. Dass die Fuhre auf 21-Zoll-Rädern unterwegs ist, spüren die Insassen nicht. Hier herrscht ausgeprägter Fahrkomfort wie in der Oberklasse.
An dieser Sänfte ändern auch die fünf Fahrprogramme wenig, wenngleich im aktiven Sportmodus sich die Dämpfer spürbar straffen und Wank- sowie Nickbewegungen deutlich minimiert werden. Noch interessanter ist der Modus „Curve“, bei dem sich das SUV bis zu drei Prozent in die jeweilige Kurve neigt - einstellbar in drei Stufen. Im Eco-Modus segelt der GLE beim Gaswegnehmen und schaltet sogar den Motor ab. Das hilft Kraftstoff zu sparen, wozu wir gleich noch kommen.
Das Zusammenspiel von diesem Premiumfahrwerk mit einer angenehm direkten Lenkung und einer unerschütterlichen Bremsanlage sorgt für ein extrem entspanntes Fahren mit diesem GLE 450d unter allen Gegebenheiten. Auch wenn der Allradantrieb nicht mehr permanent, sondern als „Hang-on“ nur dann die Vorderachse hinzuzitiert, wenn an der Hinterachse Schlupf auftritt, ist das System als äußerst schnell reagierend zu bezeichnen und der Unterschied im Grunde nicht spürbar.
Wirtschaftlichkeit
Dank der Mildhybridtechnik sowie dem Segelmodus im Eco-Fahrprogramm, kann der GLE 450d 4Matic auch richtig sparsam unterwegs sein. Auf der Sparrunde genügten dem großen SUV nur 5,4 Liter auf 100 Kilometer. Im Drittelmix waren es 8,5 Liter - 0,8 Liter mehr als die Werksangabe verspricht. In Anbetracht der Leistung dieses Dickschiffs ist das aber dennoch ein anerkennenswertes Ergebnis.
Preislich ist der überarbeitete GLE allerdings voll und ganz Premium: Mindestens 97.978 Euro kostet dieser aktuell als 450d 4Matic. Selbst für das Einstiegsmodell 300d 4Matic verlangt Mercedes-Benz gut 85.000 Euro. Und die enormen Aufpreise der schier endlosen Optionslisten katapultieren das SUV sehr schnell über die 100.000-Euro-Marke. Unser Testwagen stand für 123.480 Euro da - das sind mal eben rund 26.500 Euro für Sonderausstattungen.
Fazit
Das Facelift des Mercedes-Benz GLE bezog sich schwerpunktmäßig auf Antrieb und Technik, weswegen die optischen Retuschen zwar klein, aber fein ausfielen. Der Reihensechser des 450d als stärkster Diesel ist eine Bank und verhilft dem SUV zu einer kultivierten wie bärenstarken sowie obendrein auch effizienten Motorisierung.
Dank einer ausgeklügelten und sahneweichen Fahrwerkstechnik ist das Einsatzgebiet des SUVs mannigfaltig und umfassend. Ob Fernreise, mittelschweres Gelände oder die Wochenendausfahrt - der GLE liefert überall ein Maximum an Sicherheit, Komfort und Luxus. Das hat allerdings auch seinen Preis, der aus unserer Sicht auch etwas mehr Augenmerk fürs Detail im Innenraum verlangt hätte.

