Hochwasser Spende Kultur: Konzertbesucher spenden über 3000 Euro und bieten der Band aus Ahrweiler mit ihrem Applaus etwas Normalität

Die Band Stingchronicity spielte am Sonnabend in der Alten Schulscheune in Diensdorf-Radlow. Frontmann Stephan Maria Glöckner (helles Shirt) gehört zu den Betroffenen der Flutkatastrophe an der Ahr in Rheinland-Pfalz.
Ruth BuderVor ausverkauftem Haus spielte am Sonnabend die Band Stingchronicity in der Alten Schulscheune in Diensdorf–Radlow. Drei der Musiker kommen aus Koblenz. Aber einer der Männer, Frontmann Stephan Maria Glöckner, ist in Bad Neuenahr im Norden von Rheinland–Pfalz zu Hause. Dort, wo am 14. Juli die Ahr über die Ufer trat und alles verwüstete. „Noch vor einer Woche stand ich bis zu den Knien im Schlamm“, sagte er auf der Bühne, „aber wir wollten das Konzert, das ja wegen Corona schon mal ausgefallen war, nicht noch einmal verschieben. Wir wollten wieder etwas Normalität.“ Das Publikum dankte den vier Musikern, die mit ihren Songs von Sting und Police dem Original sehr nahe kamen, mit viel Applaus. Außerdem sorgte der Verein um Stefan Petrick dafür, dass für die Katastrophenopfer gespendet werden konnte. Und das sehr großzügig: Genau 3314 Euro kamen zusammen.

Der Verein Alte Schulscheune schuf vor dem Konzert die Möglichkeit zum Spenden: Vorsitzender Stefan Petrick mit Brigitte Fricke und Konzertbesucherin Marietta Zacher (v.l.) aus Fürstenwalde. Gut 3300 Euro kamen dabei zusammen.
Ruth BuderRettung im Obergeschoss
Stephan Maria Glöckner stand in seiner Heimatstadt nicht nur im Schlamm. Er musste sich vor dem steigenden Wasser ins Obergeschoss retten. Dass „etwas“ passieren könnte, das hat der 59–Jährige geahnt, erzählt er der MOZ kurz vor dem Konzert. Seit zehn Jahren wohnt der Künstler und Musiker in der Kurstadt Bad Neuenahr, zwei Hochwasser hat er dort schon erlebt: 2013 und 2016.
Aber da hatte es das Wasser nicht mal in den Keller seines gemieteten Hauses, das 100 Meter entfernt von der Ahr steht, geschafft. Am Nachmittag des 14. Juli hatte Glöckner gehört, dass in der Oberahr das Wasser stark gestiegen ist. „Da hätte man uns warnen können“, findet er. Als er gegen 21 Uhr mit Freunden auf der Brücke steht, rauscht der Fluss „schon einen halben Meter unter unseren Füßen durch und die Brücke hat gewackelt“. Glöckner eilt nach Hause und räumt wichtige Sachen aus dem Keller eine Etage höher. „Dann hatte ich noch die irrwitzige Idee, die Haustür mit Plastikfolie abzudichten.“

Frontmann Stephan Maria Glöckner zeigt auf seinem Handy Fotos von der Flutkatastrophe in Bad Neuenahr. Auch sein gemietetes Wohnhaus stand unter Wasser. Dennoch spielte er mit seiner Band in der Alten Schulscheune.
Ruth BuderDer Morgen bringt Bilder der Verwüstung
Eine Stunde später schießt das Wasser über die Straße und in die Keller. Minuten später steht Glöckner schon im Erdgeschoss bis zu den Knien im Wasser. Er muss höher, ins Obergeschoss. „Um Mitternacht steht das Wasser bis zur letzten Treppenstufe. Dann stieg es nicht weiter.“ Glöckner hat keinen Strom, kein Wasser, nichts zu essen, keinen Kontakt zu seinen Nachbarn, zunächst auch nicht zu seiner Frau, die außerhalb arbeitet. Er hört Feuerwehrsirenen und Hubschrauber, kann natürlich nicht schlafen, läuft unruhig zwischen Büro und Schlafzimmer hin und her. Todesangst, nein, die hat er nicht. Er kann es nicht erklären, das „Bewusstsein schaltet um“. Irgendwie ist alles surreal. Auch, dass das Wasser am Morgen in Richtung Rhein relativ schnell abfließt.
Sein Auto im abgesoffenen Carport wird wieder sichtbar. Im Erdgeschoss ist nicht nur alles nass und dreckig, ihm bietet sich ein Bild der Verwüstung. Die Möbel liegen durch den Druck der Flut kreuz und quer, Schranktüren haben sich geöffnet. Glöckner packt seinen Rucksack mit Papieren und Laptop und watet durchs hüfthohe Wasser nach draußen. „An manchen Häusern standen die Autos hochkant an den Wänden.“ Schreckliche Bilder, die er nie vergessen wird. Seine Eltern, die in der Nähe wohnen, sind weniger betroffen, die Wohnung seiner Schwester und seines 21–jährigen Sohnes dagegen sind komplett vollgelaufen.
Alle aus der Familie des Sängers haben überlebt
Aber alle aus seiner näheren Verwandtschaft leben. Glück im Unglück. Möbel sind ersetzbar. Aber seine Zeichnungen, Fotos und Dias mit schönen Erinnerungen aus der Jugendzeit sind unwiederbringlich weg. „Es ist nichts zu dem, was ein Freund erleben musste: Seine 19–jährige Tochter wollte das Auto aus der Tiefgarage holen und ist dabei ertrunken. Ich kenne persönlich sieben Menschen, die durch die Katastrophe ihr Leben verloren haben.“
Stephan Maria Glöckner ist in die kleine Zweitwohnung am Arbeitsort seiner Frau gezogen. An einem Fluss möchte er nicht mehr leben.
Die Märkische Oderzeitung und die Lausitzer Rundschau rufen in Kooperation mit dem Landkreis Märkisch–Oderland zu weiteren Spenden für die Opfer der aktuellen Hochwasserfluten in Deutschland auf. Für die Spenden aus Brandenburg unter dem Motto„Wir helfen“ ist ein Konto eingerichtet: Landkreis Märkisch–Oderland, IBAN: DE39 1705 4040 0020 0662 95, Stichwort: Spenden Hochwasserhilfe 2021

