Ist Tätowieren gefährlich?
Sven Marggraf: Wenn man überlegt, wie lange wir das schon machen und wie viele Leute es überlebt haben (lacht), ist das sicher Ansichtssache. Natürlich kann sich jede Wunde auch entzünden. Aber die Farben, die wir nutzen, werden vom Labor untersucht und sind zertifiziert. Die Gefahr ist also relativ gering.
Bedroht vom Verbot sind die Pigmente Blau und Grün. Könnte man auch ohne sie auskommen?
Lisa Bredereck: Auf keinen Fall, weil sie die Grundlage für viele bunten Farben bilden. Die Folge ist, dass ein großer Teil des Farbspektrums weg wäre.
Wie kommt die EU darauf, diese Farben plötzlich verbieten zu wollen?
Nadine Zinke-Marggraf: Vordergründig geht es ja gar nicht um die Tattoo-Industrie, sondern die Kosmetikbranche. Dort werden die Farbpigmente als störend empfunden, weil sie zu lange auf der Hand anhaften. Das Problem: Als Tätowierer fallen wir mit unter diese Verordnung der Kosmetiker. Wir wünschen uns deshalb, dass wir als Tätowierer  abgekoppelt werden von diesen Kosmetik-Regelungen, denn das betrifft uns chemisch betrachtet nicht. Bei uns findet keine chemische Reaktion statt. Wir nutzen einfach die fertigen Farben. Deshalb gibt es jetzt eine Petition, dass sich der Bundestag mit dem Thema befasst, damit Tattoo-Farben nicht weiter unter diese Kosmetik-Reglung fallen.
Unterstützt Ihr die Petition?
Nadine Zinke-Marggraf: Aber klar. Und es sieht gut aus. Die Petition läuft seit Mitte Januar. Das erste Ziel waren 50000 Unterschriften, die nötig sind, damit sich der Bundestag mit dem Thema befasst. Diese Zahl wurde schon innerhalb von 12 Stunden geknackt. Inzwischen sind es mehr als 130000.
Was passiert, wenn die Pigmente Blau und Grün wirklich wegfallen sollten. Könnt Ihr dann überhaupt noch farbige Tattoos machen?
Nadine Zinke-Marggraf: Um sicher zu gehen, müssten wir den Kunden dann erst einmal vordergründig Schwarz-Weiß anbieten. Anders geht es nicht. Meine Sorge ist aber, dass dann illegal Farben importiert werden, die nicht getestet sind – vielleicht aus China oder anderswo. Und das kann ja auch nicht im Sinne der Verbraucher sein.
Sven Marggraf: Es ist schwierig. Zumal jetzt irgendwas verboten werden könnte, was gar nicht verboten werden müsste. Und das alles womöglich nur, weil nicht daran gedacht wurde, dass es nicht nur die Kosmetikbranche betrifft, sondern auch uns Tätowierer.
Sind bunte Tattoos denn sehr gefragt?
Lisa Bredereck: Absolut. Viele wollen was Farbiges. Vor allem Aquarelle sind gut in Mode. Da brauchst du ein gewisses Farbspektrum, damit es gut aussieht.
Wie groß wäre der wirtschaftliche Schaden, wenn Grundstoffe wie Blau und Grün wegfallen?
Sven Marrgraf: Das würde uns spürbar treffen.
Nadine Zinke-Marggraf: Wir sind ja nur ein kleines Licht. Inzwischen haben sich aber die Dachverbände der Tätowierer und die Farbenhersteller zusammengetan. Die haben  auch viel zu verlieren. Es gab immer Farben, die auch kritisch waren, Metalle etwa. Das wurde geprüft und dann geändert. Aber es geht eben nicht nur um uns, es geht um die ganze Herstellerindustrie.
Gibt es schon Kunden, die verstärkt nach farbigen Tattoos fragen, aus Angst vor den möglichen Verboten?
Sven Marggraf: Die Torschuss-Panik hat noch nicht begonnen (lacht). Wenn ein Verbot kommt, wird es ohnehin eine Übergangsphase geben. Noch haben wir aber die Hoffnung, dass es für dieses Problem eine Lösung gibt. Das Thema muss jetzt angefasst werden, das ist wichtig. Das Tätowieren ist ja keine Untergrundzone mehr, es ist ein richtiger Berufszweig. Es gibt auch schon Ausbildungsschulen. Die EU weiß das. Und deshalb hoffen wir, dass man dieses Handwerk und auch den Industriezweig, der da dran hängt, erhalten will.