Bahnhofsgespräch
: Klimaschutz vor Ort

Für viele ist es nicht erst fünf vor 12, sondern bereits halb eins. Jedenfalls, was den Klimawandel betrifft. „Das Haus brennt, wir müssen zwingend etwas tun.“
Von
Pia Rückert
Bad Belzig
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  • Jörg Steinbach, Günter Baaske und Lutz Klauber (v.li.) diskutierten mit den anwesenden Gästen freundlich, sachlich, informativ.

    Jörg Steinbach, Günter Baaske und Lutz Klauber (v.li.) diskutierten mit den anwesenden Gästen freundlich, sachlich, informativ.

    P. Rückert
  • Das 1. Bahnhofsgespräch wurde sehr gut angenommen.

    Das 1. Bahnhofsgespräch wurde sehr gut angenommen.

    P. Rückert
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Im Bereich saubere Gewässer konnte schon viel erreicht werden, so der Wahlkandidat der SPD für die Landtagswahl. „Wer aber der Meinung ist, der Klimawandel sei nicht menschengemacht und das heute hier vertreten will, der ist fehl am Platz“, betonte er nachdrücklich.

Viele interessierte Bürger hatten sich eingefunden, um gemeinsam über Möglichkeiten der Energiewende zu diskutieren und dabei auch die damit zusammenhängenden Probleme auf den Tisch zu legen. Den Fragen und Meinungen der Besucher stellten sich Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach, die Klimamanagerin des Landkreises Barbara Ral und Lutz Klauber von der regionalen Planungsgemeinschaft, die Eignungsgebiete für Windkraftanlagen plant.

Derzeit sei Brandenburg etwa bei zwei Dritteln des Ziels für den Ausbau an erneuerbaren Energien, wusste Jörg Steinbach zu berichten. Das Problem sei, dass man den produzierten Strom nicht in jede Region transportiert bekommt, es fehlen schlicht und einfach die Leitungen. Auch die Speicherung sei nicht in ausreichendem Maße möglich, so dass Überschussproduktionen derzeit exportiert werden. Der größte Unsicherheitsfaktor ist im Moment der Verbrauch, der nicht genau berechnet werden kann und unbedingt reduziert werden muss. Können jedoch die Transportwege nicht optimiert und erweitert werden, können auch Versorgungslücken nicht geschlossen werden. Diese würden definitiv entstehen, wenn sofort auf alle fossilen Brennstoffe verzichtet und die entsprechenden Kraftwerke abgeschaltet werden würden. „Das Problem liegt im Netzausbau, der ist eine totale Katastrophe“, so der Minister. Beim derzeitigen Baufortschritt wäre man 2070 damit fertig. „Eine blamable Bilanz“, so Steinbach. Er plädiert auch deshalb dafür, mehr in die Wasserstofftechnologie zu investieren. Das sei auch für Brandenburg eine große Chance.

Barbara Ral erläuterte indes das Klimaschutzkonzept des Landkreises. Dessen Ergebnisse können auf der Homepage des TGZ eingesehen werden. Es wurde auch ein Wegweiser für die Menschen selbst zusammengestellt, sozusagen ein Einmaleins des Klimaschutzes. Wenn sich jeder nur ein bisschen daran hält, kann schon viel erreicht werden.

Den schwersten Part hatte wohl Lutz Klauber, denn er musste eine Lanze für die Windräder und deren Standorte brechen. Auch wenn sämtliche Pläne dafür juristisch geprüft  und vorher eine Vielzahl an Kriterien abgearbeitet werden müssen, zeigen die jüngsten Ereignisse, dass man in der Bevölkerung auf extreme Gegenwehr stößt. Das betrifft vor allem Windräder, die im Wald aufgestellt werden sollen. Da zog auch das Argument, dass auch für Straßenbau oder Wohnbebauung Wald gerodet wird, nicht wirklich. Für die Anwesenden spielt dabei nicht nur die kleine versiegelte Fläche, auf der das Windrad steht, eine Rolle. Man müsse Zufahrtswege und Brandschutz beachten und natürlich die Flora und Fauna, die in Mitleidenschaft gezogen wird. Durch solche Aktionen würden Fronten aufgebaut werden. Eine Akzeptanz sei nicht über Geld zu regeln, welches die Flächenbesitzer und nach einer neuen Regelung auch die Gemeinden für die Verpachtung bekommen. Es ist für alle kein Trost, dass beim Windradbau nur wenig „kaputt geht“. Niemand ist generell gegen die Windkraft. Klar ist aber auch, dass mehr CO2 Speicher gebraucht werden, also mehr Wald. „Man sollte Windenergie selbst erleben und sich nicht von dem leiten lassen, was irgendwo gehört oder gelesen wurde“, betont Barbara Ral und verweist dabei auf den Modellort Feldheim, der sich seit Jahren autark mit Energie versorgt. Aber auch der Lebenswandel muss sich ändern. „Wir haben das Thema über X Jahre klein geredet“, gesteht Jörg Steinbach ein. Der erste Schritt sei nun Einigkeit und sofortiges Handeln. Dabei müsse man sicher auch Kompromisse eingehen. Er kenne keine Methode der Energiegewinnung, die nicht irgendwo einen Nachteil hat. „Es wird nicht ohne Schaden gehen, aber der muss so gering wie möglich gehalten werden“, so der Minister. Man habe die Ansichten der Kommunen viel zu lange nicht ernst genommen.

Ein Schritt zur besseren Akzeptanz wäre, die Windparks besser in die Landschaft einzupassen. Durch visuelle Pläne könnten schon im Vorfeld bestimmte Standorte ausgeschlossen oder befürwortet werden. Trotzdem sollte man nicht nur auf die Windkraft setzen, sondern auch nach anderen Alternativen, wie Solarenergie, suchen. Auch wenn große Solarparks nicht unumstritten sind, denn auch sie belegen Flächen, die zum Pflanzen von Bäumen genutzt werden könnten. Auch die Änderung des Konsumverhaltens kann sich nachteilig auswirken — je weniger gekauft wird, desto weniger Steuern fließen ins Staatssäckel, Geld, das an anderer Stelle fehlen könnte. „Verbote seien eh kontraproduktiv“, so Steinbach. Zumal es Situationen gibt, in denen beispielsweise der Verzicht auf das Auto gar nicht möglich ist. So pendeln Arbeitnehmer im Elbe–Elster–Kreis teilweise bis zu 150 Kilometer täglich zur Arbeit, weil es weder Zug– noch Busanbindungen gibt.  Deshalb muss ein Ausgleich zum Gedanken der CO2 Bepreisung geschaffen werden, etwa durch eine radikale Strompreissenkung. Die Ersparnis müsste so hoch sein, dass der Bürger freiwillig öffentliche Verkehrsmittel nutzt und zusätzlich einen Mehrwert im Portemonnaie spürt. Gleiches gilt für die Elektromobilität. Die wird erst größere Akzeptanz finden, wenn sie zum einen erschwinglicher wird, zum anderen aber auch ausreichend Ladepunkte zur Verfügung stehen. Dabei ist der ländliche Raum momentan außen vor.

„Wir müssen uns der Heterogenität unseres Landes bewusste werden“, so Minister Jörg Steinbach, „und aufpassen, dass wir uns nicht auseinander diskutieren.“ Das ist im Bahnhof Bad Belzig sicher nicht geschehen. Die Gespräche waren sachlich, wenn auch sicher nicht für alle zufriedenstellend. Jedoch werden alle die Ängste und Meinungen der Bürger mit in ihren Arbeitsbereich nehmen.