Brandenburg vor 75 Jahren: Sorgen und Nöte durch Explosion bei Briest
Vor nunmehr genau 75 Jahren gab es fortan 15 Dezernate, so u. a. für Ernährung, angeführt von Kaufmann Willi Schwadtmann aus der Hauptstraße, das Volksbildungsressort unter Walter Leisner, Industrie und Handel verantwortete Fabrikant (!) Kummerlè, während Karl Erbs das Wohnungs– und Bauwesen leitete. Dr. Liermann aus der Altstadt übernahm den großen Bereich des Gesundheitswesens, und Pfarrer Kurt Schubert von St. Katharinen als Beirat für Kirchenfragen das Ressort Müllabfuhr/Friedhofswesen. Nachdem die sowjetische Militäradministration mit ihrem Befehl Nr. 2 vom 10. Juni 1945 die Bildung antifaschistisch–demokratischer Parteien in ihrer Besatzungszone erlaubt hatte, erfolgte schon wenige Tage später hier in der Havelstadt die Neugründung von SPD und KPD. Bei einer gemeinsamen Konferenz am 28. Juni verständigten sich die Vertreter beider Parteien über eine künftige Aktionseinheit, wie es dazu erläuternd hieß.
Mit riesigen Problemen bei der medizinischen Versorgung waren nach Kriegsende mehr denn je zuvor die 246 Beschäftigten des städtischen Krankenhauses konfrontiert. Nahezu 600 Patienten wurden dort beispielsweise im September 1945 von 12 (!) Ärzten sowie annähernd 100 Schwestern und Pflegern betreut. In der „Loge“ (Neustädtische Heidestraße), wo sich später das Pionierhaus befand und heutzutage die „Caritas“ Teile ihres Domizils hat, richtete man wegen völlig überlasteter Räume in der Hochstraße ein Hilfskrankenhaus ein. Als weitere Behandlungsstätte diente gemäß Anordnung der Besatzer das Altstädtische Rathaus — allerdings eigens für gefangengenommene, streng bewachte Soldaten der deutschen Wehrmacht.
Speziell in diesen ersten Nachkriegsmonaten fehlte es an Ärzten und Pflegepersonal, aber auch gleichermaßen an medizinischen Geräten samt Instrumenten. Tagtäglich wurden zudem Medikamente und Verbandsmaterial noch knapper. Mittlerweile grassierten allerorts zu dieser Zeit der Not und des Elends ansteckende Krankheiten. Die sowjetische Kommandantur versuchte zu helfen, so gut es ging, um die Patienten wenigstens mit Mindestmengen zu versorgen. Ab Herbst gab es zusätzliche Probleme, da das Heizen der Krankenzimmer oftmals am mangelnden Brennmaterial scheiterte.
Jegliche medizinische Hilfe indes versagte jedoch, als Brandenburg genau zwei Monate nach Kriegsende von einem neuerlichen Schreck erfasst worden war. An jenem 2. Juli des Jahres 1945 erschütterte nämlich eine mächtige Detonation vornehmlich das weiträumige Wohngebiet Görden. Da zerbarsten, soweit ohnehin bislang verschont geblieben, vielerorts die Fensterscheiben. Was war geschehen? Auf dem Flugplatz Briest hatte sich eine Tragödie ereignet. Denn dort war, wie nachfolgende Untersuchungen ergaben, aus unerklärlichen Gründen Munition explodiert. Zuvor hatte man die so gefährlichen Fundstücke im Stadtgebiet eingesammelt und zum weiträumigen Gelände nach Briest transportiert... Nun musste der am 22. Mai von den Sowjets zum Oberbürgermeister ernannte Kommunist Max Herm eine schwere Mission übernehmen. So trat er schließlich den Gang zu zwölf Brandenburger Familien an, um ihnen mitzuteilen, dass jeweils einer ihrer Angehörigen bei der so verheerenden Explosion aus dem Leben gerissen worden war.
Diese Männer hatten sich in den Dienst einer guten Sache gestellt. Denn sie wollten möglichst schnell die vor allem von den erbitterten Straßenkämpfen Ende April stammende Munition wie auch verschiedenartige Waffen bzw. Reste bergen und aus der Innenstadt schaffen. Schließlich war die Bevölkerung noch bedroht, obwohl Spezialtrupps der Sowjetarmee vornehmlich Tellerminen und andere Sprengkörper inzwischen geräumt oder auch gesprengt hatten. In allen Wohngebieten vornehmlich aber rund um den Marienberg lauerte noch die Gefahr, zumal sich speziell Ende April Reste der gen Westen fliehenden deutschen Wehrmachtstruppen überall versuchten, irgendwie sich ihrer Waffen samt Munition zu entledigen.
Unter den Toten auf dem Briester Flugplatz war Stadtrat Gustav Kölber (SPD–Mitglied), den Stadtkommandant Wolkow erst wenige Wochen zuvor für die kommunalen Betriebe eingesetzt hatte. Der damals 51–Jährige hatte gemäß Befehl der Militäradministration Sonderaufgaben zu übernehmen, leitete dabei u.a. das Bergen und Abliefern sämtlichen Kriegsgeräts, inklusive Munition. Am besagten 2. Juli erfolgte der letzte Transport per Traktor mit Anhängerfahrzeug. Als die so gefährliche Arbeit gerade abgeschlossen schien, geschah das unfassbare Unglück. Ungeklärt blieben die näheren Umstände, die dazu auf dem Flugplatzareal Briest geführt hatten. Zehn Begleiter der explosiven Fracht waren sofort tot. Stadtrat Kölber starb einen Tag später an den Folgen der mächtigen Detonation; wenige Stunden später erlag auch Paul Emmerlich seinen schweren Verletzungen.
Mit allen öffentlichen Ehren wurden die Opfer auf dem Friedhof des Krematoriums beigesetzt. Ein Gedenkstein erinnert an: Gustav Kölber, Heinz Hermn, August Nowak, Wilhlem Bollfraß, Hans Lange, Emil Gehrke, Michael Deckstein, Anton Tendzetolski, Werner Schnepfe, August Nern, Richard Kleinhardt sowie Paul Emmerlich. Besagter Stadtrat Kölber war, bevor er nach Brandenburg kam, als Gewerkschaftsfunktionär in Wittenberge tätig. Nach seiner Arbeitslosigkeit — er hatte damals den Hitlergruß verweigert — arbeitete er bis zum Kriegsende im Opelwerk am Silokanal.
Nachtrag: Ergänzend zum Beitrag „Willi Leow Nachkriegs–Bürgermeister“ (10. 5. 20) ließ uns BRAWO–Leser Dietrich wissen, dass die sowjetischen Besatzer im Mai 1945 ihre gefallenen Soldaten zunächst in der Grabenpromenade unweit der Sportschleuse bestatteten. Als wenige Wochen später das Denkmal errichtet war, bettete man die Toten zum neu angelegten Friedhof auf die andere Seite der Grünanlage (Höhe Steintorturm) um.

