Als unlängst die kleine Gewerkschaft der Lokführer mit Streiks erneut vor allem viele Reisende verärgerte, dürfte wohl kaum jemand, sofern er überhaupt davon weiß, an das „stolze" Jubiläum unseres Hauptbahnhofs gedacht haben. Denn am Sonntag, dem 2. August 1846, also immerhin genau vor 175 (!) Jahren, wurde die Eisenbahn-Hauptstrecke Berlin - Magdeburg eröffnet, und gleichzeitig rollte der erste Zug schnaufend und polternd hier in Brandenburg ein.
Eine Riesensensation für die Havelstädter, die in großer Zahl zu früher Stunde erwartungsvoll am Gleis standen. Bahnsteigsperren – später Jahrzehnte lang üblich – gab es noch nicht.

Absperrseile zur Bahn-Eröffnung mit Teer bestrichen

Jener Beamte, der am Premierentag für die Sicherheit verantwortlich zeichnete, ließ deshalb kurzerhand bereits gespannte Seile samt Pfosten mit Teer bestreichen. Die Folge: Viele der Schaulustigen verdarben sich ihren schönen Sonntagsstaat. Im „Brandenburger Anzeiger" machten Betroffene ihrer Empörung Luft, zumal auch Unzufriedenheit über die wenigen im Zug reservierten Plätze für die Einheimischen herrschte. „Bei der stattgehabten Eisenbahnfahrt waren die sämmtlichen Leinen und Pfosten mit frischem Theer bestrichen... ein Verfahren, welches man bis jetzt hier zu Landes noch nicht gekannt hat. Ob der Herr Bahnmeister S. sich hierdurch den Dank und die Liebe der Brandenburger erwirbt, bleibt dahingestellt...".

Brandenburger Anzeiger: „Zu welchen Künsten gehört das Antheeren?"

Gleichzeitig gab es höhnische Anfragen. „Zu welchen Künsten gehört das Antheeren?", „Aus welchen Stoffen ist das Fluidum bereitet, womit das hiesige Publicum von Betretung der Eisenbahn abhaltende Stricke am Sonntag früh um 8 Uhr getränkt worden sind?". Oder auch: „Welche Mittel sind anzuwenden, um seidene und andere Kleidungsgegenstände von ihren Flecken zu befreien, die ihnen obige Stricke so reichlich und eindringlich gespendet haben?" Einige Tage später veröffentlichte der „Anzeiger" etliche Antwortschreiben. „Ein Mittel zur Entfernung der Teerflecken ist uns nicht bekannt, vielleicht kann aber der allgemein bekannte Erfinder dieser Methode Auskunft ertheilen. Sollte er dies nicht können oder wollen, so würden sich die geschädigten Personen ein Verdienst erwerben, wenn sie ihre befleckten Kleidungsstücke am Bahnhof als öffentliches Warnzeichen ausstellen, sich nicht durch hiesige Bahnbeamte antheeren zu lassen."

Sogar Brandenburgs Oberbürgermeister Franz Ziegler versuchte zu beruhigen

Und schließlich versuchte sogar Oberbürgermeister Franz Ziegler als Mitglied des Komitees der Berlin-Potsdam-Magdeburger Eisenbahn, in der Zeitung vom 12. August die Havelstädter zu beruhigen, „denen die freudige Theilnahme an einer so eifrig erstrebten Sache durch die Mißstimmung kurzzeitig verkümmert wurde." Hatte sich doch das Stadtoberhaupt um den Bahnanschluss enorme Verdienste erworben. So steuerte die Kommune 375 000 Mark zum Vier-Millionen-Vorhaben bei, stellte überdies kostenlos aus ihren Forsten je 200 Eichen und Kiefern für Gleisschwellen bereit. Außerdem trat man die Grundfläche für das Bahnhofsgebäude sowie angrenzende Anlagen ab.