Wahlkampf: Christian Lindner zu Gast bei Freunden

Prominenter Unterstützer im Landtagswahlkampf: FDP-Parteichef Christian Lindner beweist im Tourismuszentrum vom Eberswalder Familiengarten sein Redner-Talent.
MOZ/Thomas BurckhardtEs wird eine Viertelstunde später, heißt es kurz nach 17 Uhr. Christian Lindner sei noch nicht da. Linda Teuteberg, Generalsekretärin der FDP, ebenfalls als Rednerin angekündigt, ist längst im Saal. Doch das Publikum in den nicht ganz vollbesetzten Reihen, knapp 50 Stühle sind im Tourismuszentrum im Familiengarten aufgestellt, wartet vor allem auf den Bundesvorsitzenden der Partei.
Sie interessiere besonders, was für eine Figur er mache, „wie er mir gefällt, sein Auftreten“, sagt die Eberswalderin Gisela Trieloff (83). Als langjähriges FDP-Mitglied, das schon der liberalen Vorgängerpartei in der DDR angehörte, wolle sie sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, „wenn man Prominenz auch mal leibhaftig hat“. Ein Studentenpärchen, sie 21, er 22, ist aus anderen Gründen da. „Wir sind gerade pleite und haben geguckt, welche kostengünstigen Veranstaltungen es gibt“, erklärt sie. In Brandenburg würde sie der Partei derzeit nicht ihre Stimme geben, sagt die Studentin. Als Lindner- und Liberalenfreundlich offenbaren sie und ihr Freund sich dennoch.
Kurz vor halb sechs betritt der FDP-Chef, dem zuweilen, wie in Bezug auf seine Äußerungen zu den „Fridays for Future“-Protesten, Arroganz vorgeworfen wird, unter Beifall den Raum, nimmt in Reihe eins Platz. Lindner lässt Friedhelm Boginski, der betont, nicht als Bürgermeister Eberswaldes, sondern als FDP-Mitglied zugegen zu sein, und Generalsekretärin Teuteberg den Vortritt. Beide umreißen, was die Liberalen vor der Landtagswahl bewegt: Es geht um Brandenburgs miserable Ergebnisse in Bildungsstudien, um Funklöcher, den Mittelstand, Schienenanbindung, die FDP als Rechtsstaatspartei, den Erhalt industrieller Arbeitsplätze, Wettbewerbsfähigkeit. Linda Teuteberg spricht über Migration, sie fordert eine geregelte Zuwanderung.
Zuspitzungen, das Markige und weitere Seitenhiebe gegen Polit-Konkurrenz aller Richtungen obliegen dann Lindner. Braungebrannt, lässig, mal eine Hand in der Hosentasche, meist mit beiden Händen gestikulierend, holt er aus, in freier Rede ohne Mikrofon. Seine Mitstreiter ergänzt er zu angeschnittenen Themen nur kurz. „Wir schieben in Deutschland oft genug die Falschen ab“, sagt er etwa zur Zuwanderung. Die Politik von Angela Merkel und der CDU „ hat uns Kontrolle und Ordnung gekostet“, so Lindner. Als wirtschaftliches Standortrisiko bezeichnet er in dem Zusammenhang die AfD. Kein ausländischer Softwareingenieur würde sich in einem Land, in dem diese Partei stärkste Kraft wäre, ansiedeln, warnt der FDP-Mann.
Länger geht der Parteichef auf die Klimapolitik ein, einen Punkt, den er bewusst ans Ende seiner Rede stelle, denn: „Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – mich nervt’s: Nur noch Trump und Thunberg und die AfD in den öffentlichen Debatten.“ Dennoch: Dass es Klimaschutz geben müsse, bestreite die FDP nicht, so Lindner. „Aber das Wie ist die Frage.“ Von vielen werde das Thema missbraucht, „um uns einen neuen Lebensstil aufzuzwingen, ohne Fleisch, ohne Auto, ohne Industriearbeitsplätze, ohne Flugreisen.“ Statt auf Verzicht müsse Politik aber auf neue Technologien setzen. Und das global: eine Haltung überwinden, die Lindner „Klimanationalismus“ nennt. An einigen Stellen wird kräftig applaudiert.
Der Liberalen-Chef beantwortet eine Handvoll Fragen aus dem Publikum. Zehn nach halb sieben ist die Veranstaltung im Familiengarten vorbei, Lindner und Teuteberg haben noch einen Abend-Auftritt in Teltow. Gisela Trieloff ist erleichtert. Der Parteichef kam nicht arrogant, sondern sympathisch rüber. „Er hat es großartig gemacht“, findet sie.
Für die Liberalen geht es um den Wiedereinzug ins Landesparlament, aus dem die Brandenburger sie 2014 mit nur 1,5 Prozent der Stimmen herausgewählt hatten. FDP-Chef Lindner kennt die aktuellen Umfragewerte und gibt sich in Eberswalde, wo er auch den liberalen Direktkandidaten Ronny Fölsner unterstützt, optimistisch. „Fünf Prozent haben wir in den Umfragen. Aber wir wollen ja der Großzügigkeit der Wähler und Wählerinnen auch nicht zu enge Grenzen setzen“, deutet er höhere Erwartungen an.