Zugefrorene Seen im Barnim
: Trägt das Eis? Erste Unfälle – Gefahr im Winter

Rund 20 Personen sterben pro Jahr beim Betreten von Eisflächen im Winter. Auch zwischen Eberswalde und Bernau ist Vorsicht geboten. Erste Unfälle habe es bereits gegeben. Was jetzt beachtet werden muss.
Von
Markus Pettelkau
Eberswalde
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Vorsicht beim Betreten der ersten Eisflächen im Barnim: Obwohl das Eis an einigen Gewässern stabil wirken kann, wird vom Betreten noch dringend abgeraten. Der Dauerfrost der vergangenen Tage reicht dafür noch nicht aus.

Michael Helbig

Die kleine Lilly wurde nur zwei Jahre alt. Das Kleinkind starb im Dezember 2010. Das Mädchen aus Eberswalde, das bei einem Kita-Ausflug in einen vereisten Teich eingebrochen war, war vorher bereits für hirntot erklärt worden. Sie war bis zuletzt an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Es hatte nach dem Unglück im Stadtteil Finow nicht wieder das Bewusstsein erlangt. Nach der Ankunft im Berliner Herzzentrum war sie in ein künstliches Koma versetzt worden. Ganz langsam hatten die Ärzte dann versucht, die Körpertemperatur anzuheben – vergeblich.

Der Winter birgt neben seiner Schönheit auch so manche Tücke. Besonders verführerisch sind die zugefrorenen Gewässer. Dort, wo sonst Wasser ist, liegt vielerorts zurzeit eine Eisschicht. Und das ist nicht ganz ungefährlich – wie nicht nur der Fall Lilly zeigt. Erst am Sonntagvormittag (3.12.) ist ein Junge in das Eis im Finowkanal, nahe der Breite Straße, eingebrochen. Das Kind hatte Glück im Unglück, die Mutter war rechtzeitig zur Stelle und die Unglücksstelle war noch im flachen Bereich.

DLRG, Feuerwehr und Polizei warnen

Die Temperaturen bei teilweise zweistelligen Minusgraden verleiten manch einen, vielleicht doch zu probieren, ob das Eis schon trägt. Die DLRG (Deutsche Lebensrettungsgesellschaft), Feuerwehr und Polizei warnen allerdings davor. Das Eis sollte mindestens 15 Zentimeter dick sein, damit es sicher trägt. Bei kleineren Fließgewässern sollte die Dicke sogar 20 Zentimeter betragen. Der Dauerfrost der vergangenen Tage reicht dafür noch nicht aus. Größere Fließgewässer, wie der Oder-Havel-Kanal, sollten nie betreten werden, egal, wie dick das Eis ist. Wenn man dort einmal unter das Eis gerät, gibt es kaum noch Hoffnung, lebend wiederaufzutauchen. Zudem gilt: Wer sich aufs Eis bewegt, handelt immer auf eigene Gefahr. Es gibt keine offizielle Stelle, die eine Freigabe des Eises erteilt. Das Märchen, dass die Polizei Eisflächen freigibt, kursiert seit Ewigkeiten, entbehrt aber jeglicher Grundlage.

Eltern sollten ihre Kinder für die Risiken sensibilisieren, heißt es vonseiten der Rettungskräfte. Die Tragfähigkeit der Eisschicht hänge von mehreren Faktoren, etwa vom Gewässer, von möglichen Strömungen oder Sonneneinstrahlungen und von der Beschaffenheit des Eises ab und sei daher schwer einzuschätzen. Wenn der Fall einmal eingetreten ist, dass jemand ins Eis eingebrochen ist, muss schnell gehandelt werden. Wer einem ins Eis Eingebrochenem helfen will, sollte dies bloß gesichert und liegend tun - am besten von Land aus. Nach dem Sturz ins kalte Wasser nimmt die Gefährdung in vier Stufen zu.

Schnelle Hilfe notwendig, wenn Sie im Eis einbrechen

Zunächst tritt ein Kälteschock ein, der sich sofort durch einen verlangsamten oder beschleunigten Puls sowie schnelleres Atmen bemerkbar macht. In den folgenden fünf bis 30 Minuten versagen durch die Kälte Nerven, Muskulatur und Gelenke. Das Schwimmen wird schwierig bis unmöglich. In der folgenden halben Stunde tritt eine zunehmende Unterkühlung des gesamten Körpers ein, die zu schweren Störungen des Kreislaufs und der Atmung führen, denen Bewusstlosigkeit und schließlich der Ertrinkungstod folgen. Auch nach einer etwaigen Rettung aus dem Eis ist die Gefahr nicht gebannt. Es könnte noch für mehrere Stunden zum Kreislaufzusammenbruch kommen. Um dies zu vermeiden, sollte der Betroffene laut DLRG langsam wieder erwärmt werden.

In den vergangenen Jahren wurden zudem neue Erkenntnisse über das Eis auf den Gewässern zutage gefördert. Laut einer Studie unter Leitung der schwedischen Universität Uppsala, bei der im Winter 2020/21 wiederholt Proben von Eisschichten von 31 Seen in 10 Ländern genommen und analysiert wurden, darunter auch Seen in Brandenburg, wird das Betreten von vereisten Seen künftig sogar noch seltener risikoarm möglich sein. Aufgrund der Erderwärmung werden die Tage mit Temperaturen konstant unter dem Gefrierpunkt rarer. Die Folge: Auf den Seen entsteht, wenn die Temperatur um null Grad schwankt, trübes, poröses „weißes Eis“ mit hohem Sauerstoffanteil. Das ist bei weitem nicht so tragfähig und belastbar wie „schwarzes Eis“, das sich bei konstanten Minusgraden bildet.

Eisregeln der DLRG für Kinder und Erwachsene

1. Gehe nicht gleich an den ersten kalten Tagen aufs Eis!

2. Gehe nie allein aufs Eis!

3. Betritt einen See erst, wenn das Eis 15 Zentimeter dick ist. Ein fließendes Gewässer erst, wenn das Eis 20 Zentimeter dick ist.

4. Hilf anderen, wenn sie Hilfe brauchen.

5. Achte auf Warnungen im Radio und in der Zeitung.

6. Lege dich flach aufs Eis und bewege dich vorsichtig auf dem gleichen Weg zurück Richtung Ufer, wenn du einzubrechen drohst.

7. Um das Gewicht zu verteilen, rette andere mit einem Brett, einer Leiter oder einem umgedrehten Schlitten.

8. Verlasse das Eis sofort, wenn es knistert und knackt!

9. Rufe nie um Hilfe, wenn du nicht wirklich in Gefahr bist, aber hilf anderen, wenn sie Hilfe brauchen.

10. Erkundige dich beim zuständigen Amt, ob das Eis schon trägt!