Biathlon
: Olympia-Sieger Frank Ullrich zu Gast in Eisenhüttenstadt

Der Perfektionist überzeugt im ausverkauften Füstenberger Kunsthof.
Von
Hagen Bernard
Eisenhüttenstadt
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Gestalten einen unterhaltsamen Abend im Fürstenberger Kunsthof: Biathlon-Olympiasieger Frank Ullrich (links) und Moderator  Mirco Robus

Hagen Bernard

Der 62-jährige Pensionär enttäuschte nicht. Seine eloquent vorgetragen Aussagen wirkten überlegt und authentisch. Wobei Ullrich, mittlerweile Stadtrat in Suhl und vor kurzem für die SPD bei den thüringischen Landtagswahlen aufgestellt, wohl durchaus auch Aussagen mit Konfliktpotenzial vermied. Zumindest machte der rank und schlank Gebliebene deutlich, dass der Sport seine große Leidenschaft ist und er sich immer noch gern die Bretter auf dem Rennsteig anschnallt.

Das Gespräch führte Buchautor Mirco Robus, den ebenso ein trockener Humor auszeichnete. Wie Ullrich stammt Robus aus dem thüringischen Trusetal.

Ullrichs Weg zum Biathlon war vorgezeichnet, schließlich war sein Vater in diesem Sport Kampfrichter. „Für mich war anfangs nicht Motivation Olympiasieger zu werden, sondern mir hat dieser Sport einfach Spaß gemacht. Anfangs gab es fünf, sechs Bessere, ich schoss nicht so gut. Plötzlich stand ich vorne.“

Anfangs war er mehr Langläufer, da man erst ab einem bestimmte Alter an die Waffe durfte. Zumal bis 1977 bei Großveranstaltungen Großkaliber-Gewehre verwendet wurden. Bei der Umstellung auf Kleinkaliber hatte er bereits zur Weltspitze gehört, 1976 bei Olympia mit der Staffel Bronze geholt.  Geschossen wurde damals auf 100, 150 und 250 Meter, auch für Ullrich war die Umstellung auf die leichteren Kleinkalibergewehre angenehm. Da war die Entfernung mit 50 Metern einheitlich, Unterschiede gab es lediglich im Scheiben-­Durchmesser von 4,5 Zentimetern für den liegenden Anschlag und 11,5 Zentimeter für stehend. „Der Ikarus-Bus war damals voll bis unters Dach mit Munition, wenn wir anreisten. Das war dann mit Kleinkaliber einfacher.“

Auf der Sprint-Distanz hatte Ullrich Ende der 1970-er Jahre und Anfang der achtziger Jahre dominiert, zwischen 1978 bis 1983 war er neunmal Weltmeister, 1978, 1980, 1981 und 1982 Gesamt­sieger des Weltcups. „Du musst freudig bereit sein, dich zu quälen“, lautete sein Credo sowohl als Athlet wie auch als Bundestrainer. In die Trainer-Funktion war Ullrich nahezu nahtlos hineingerutscht, da er bereits als Athlet ein Fernstudium an der DHfK Leipzig aufgenommen hatte. Aufgehört hatte er allerdings eher aus persönlichen  Gründen. Da seine Frau Leukämie hatte, wollte er vom Trainingslager fernbleiben, um sie zu besuchen. „Unser Sportchef Manfred Ewald lehnte ab und sagte, dass seine Frau ja auch mal krank sei und dass das nicht ginge. Doch zwei Wochen später starb meine Frau. Ich hörte auf, zumal ich auch Probleme mit dem Rücken hatte.“ Das war 1982.

1987 hatte Ullrich die DDR-Nationalmannschaft übernommen, von 1998 bis 2010 war er Bundestrainer der Männer. „Ich habe immer versucht, bei den Athleten ihre Stärken auszuprägen. Man kann nicht nur immer die Schwächen betonen.“

Nach zwei Jahren anschließend als Cheftrainer für den Biathlon-Nachwuchs hatte er die deutschen Skilangläufer übernommen, da so gut wie alle Auswahl-Asse nicht mehr unter Jochen Behle trainieren wollten. 2015 gab Ullrich nach Meinungsverschiedenheiten mit der Verbandsführung sein Amt auf. Zwar trat Ullrich im Kunsthof gegen die Funktionäre nicht direkt nach, machte aber deutlich, dass diese seinem Konzept nicht folgen wollten. „Dafür habe ich mehr Zeit für meine Familie, für meine Kinder und Enkel.“

Seine Frau Katrin hielt per Handy den einen oder anderen Moment im Kunsthof fest. So auch den kurz nach der Pause, als Mirco Robus seinen Gesprächspartner mit einem Ski überraschte, den dieser 1978 bei einem Staffelrennen verwendet hatte. Ein Kneissl aus dem damaligen Westen. Die Biathleten hatten zu den privilegierten Sportlern gehört, die nicht nur auf die DDR-Produkte angewiesen waren. Seinen Olympia-Sieg 1980 im Sprint hatte jedoch Ullrich auf einem Germina-Ski geschafft. "Wir haben als Athleten eng mit Germina zusammengearbeitet. Die waren dankbar, dass wir uns für ihre Arbeit interessierten.“

Von Anbeginn wurden Ullrich und seine Trainingskameraden angehalten, mit allem Material zurecht zu kommen, auch wenn sich mal jemand beim Wachsen vergriffen hatte. Allerdings gehörte Ullrich auch in dieser Hinsicht zu den Perfektionisten. So war er vor einem Jahreshöhepunkt 1980, als es draußen extrem kalt war, noch spätabends um 22 Uhr rausgegangen, um unter den veränderten Bedingungen seine Skier zu testen. Als er diese daraufhin erneut mit Grundwachs versah, hatte er beispielsweise zu seinem sowjetischen Konkurrenten in der Loipe Vorteile.

Dabei war ihm als gewissenhaften Athleten auch der ein oder andere Fehler unterlaufen. So habe er mal zum Saisonabschluss in führender Position mit zwei Minuten Vorsprung beim abschließenden Schießen auf die falsche Scheibe geschossen und Tichonow zog winkend an ihm vorbei, als er seine fünf Strafrunden zu absolvieren hatte. Ärgerlich vor allem, weil es für den Sieger einen Schneescooter gab. Zwar mussten die DDR-Amateure Geschenke ab einem Wert über 1000 Mark an den Verband abführen, doch der ersetzte das mit einer Zahlung an die Mannschaft. Ein Jahr später holte sich Ullrich diesen Scooter.

Nie bewusst gedopt

Auch auf Doping kam Ullrich zu sprechen. Eine Untersuchungskommission des Deutschen Skiverbandes unterstellte ihm „unbewusst gesteuerten Verdrängungsmechanismus“. „Wer EPO nimmt, dopt bewusst. Doch was anderes ist es bei Ephredin versehentlich im Nasenspray.“ Wissentlich habe Ullrich weder als Sportler gedopt noch als Trainer jemandem etwas verabreicht.

Insgesamt habe er sich nichts vorzuwerfen. „Viele ehemalige Athleten sagen mir, ´Du warst ein verdammt harter Hund, aber Du hast es richtig gemacht´“, erklärt der Fahnenträger bei Olympia 1984. Ausschlaggebend für die vielen Erfolge sei das System von Sichtung und Auswahl. Zur heutigen Trainersituation angesichts der Tatsache, dass viele seiner guten Athleten im Ausland erfolgreich arbeiten, „für mich ist es ein Frevel, wenn man Leute, die als Olympiasieger ein hohes Anspruchsdenken einbringen, nicht integriert.“