DDR-Radsport in Frankfurt (Oder): Volksfest und Festmahl für die Friedensfahrer

Siegerehrung: Unzählige Radsportfans feiern am 20. Mai 1976 vor dem Hotel „Stadt Frankfurt“ in Frankfurt (Oder) die drei Erstplatzierten der 10. Etappe der 29. Internationalen Friedensfahrt: Gerhard Lauke aus Frankfurt (Oder) (3., DDR), Frits Schür (Sieger, Niederlande) und Nikolai Gorelow (2., UdSSR; v.l.). Das Wohngebäude links hatte für Gerhard Lauke eine ganz besondere Bedeutung.
Sammlung Gerhard Lauke- Frankfurt (Oder) war am 20. Mai 1976 Ziel der 10. Etappe der 29. Friedensfahrt.
- Volksfest mit Orchester, K-Wagen-Sport, Jugendrennen und Mitmachangeboten begeisterte Tausende.
- Gerhard Lauke aus Frankfurt (Oder) wurde Etappendritter – insgesamt Dritter der Gesamtwertung.
- Lauke profitierte vom Heimvorteil und entging einem Sturz auf der Oderbrücke durch einen Ausreißversuch.
- Im Internat kochten Meisterprüflinge luxuriöse Menüs für die 113 Fahrer, Übernachtung war Pflicht.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Schweinelendchen mit Pommes frites für die Friedensfahrer? Paprikahuhn und Filetsteak im Sportlerquartier? Was nach dem Menü eines Hotelrestaurants klingt, war vor 50 Jahren in Frankfurt (Oder) Teil des Speiseplans für die Teilnehmer der 29. Internationalen Friedensfahrt. Und das aus besonderem Grund. Doch der Reihe nach.
Wenn die Friedensfahrt im Mai durch die CSSR, Polen und die DDR rollte, kannte die Begeisterung der Menschen fast keine Grenzen. Zu Tausenden jubelten sie den Radsportlern zu. Und dort, wo eine Stadt zum Etappenort erkoren worden war, wurden Feste veranstaltet, um die Friedensfahrer zu feiern.
Vor 50 Jahren war der damalige Oderbezirk Teil der Strecke des schwersten Etappenrennens für Amateurfahrer. Am 20. Mai 1976 war Frankfurt (Oder) Zielort der 10. Etappe. Einen Tag später fuhren die Friedensfahrer auf der 11. Etappe von Frankfurt über Müllrose, Beeskow, Neuzelle und weitere Orte nach Cottbus.
Friedensfahrt 1976: So feierten Müllrose und Beeskow
Schon Wochen vorher bereiteten sich die Städte und Dörfer auf das Ereignis vor. „Frankfurter! Schmückt Häuser, Geschäfte und Betriebe“, hieß es in der Bezirkszeitung „Neuer Tag“. Die Hausgemeinschaft Alexej-Leonow-Straße 2 rief zu einem „Wettbewerb um die beste Ausgestaltung der Häuser und Straßenzüge“ auf, damit sich Frankfurt den Sportlern „als schöne saubere Stadt präsentieren kann“.
In Müllrose haben Schüler der Nikolai-Ostrowski-Oberschule „Wimpelketten zur Ausgestaltung der Rennstrecke angefertigt“, meldete die Zeitung am 7. Mai 1976. Und in Beeskow, wo ein Prämienspurt anstand, würden „Kapellen an der Strecke spielen“, wurde angekündigt. Außerdem lief in der Kreisstadt ein Zeichenwettbewerb der Schulen zum Thema.
Ein wahres Volksfest erwartete die Radsportfans in der Bezirksstadt Frankfurt (Oder). Gegen 17 Uhr sollten die Friedensfahrer, aus der polnischen Nachbarstadt Słubice kommend, eintreffen. Schon am frühen Nachmittag herrschte Ausnahmezustand in der Karl-Marx-Straße und da insbesondere vor dem Hotel „Stadt Frankfurt“, wo sich das Ziel befand.
Friedensfahrt Frankfurt (Oder): Volksfest, K-Wagen, Polizeiorchester
Bereits um 15 Uhr begann ein buntes Rahmenprogramm. Das Frankfurter Polizeiorchester, Spielmannszüge aus der Region und das Pionierensemble „Philipp Müller“ musizierten. Kunstradfahrer sowie K-Wagen-Sportler, Flugmodellbauer und Motorrad-Kunstfahrer zeigten ihr Können.

Einfahrt nach Frankfurt (Oder): Am späten Nachmittag des 20. Mai 1976 passiert das Hauptfeld die Oderbrücke zwischen Słubice und Frankfurt (Oder), die damals Friedensbrücke hieß. Banner heißen die Fahrer der Friedensfahrt willkommen.
NeuerTag/Sammlung Gerhard LaukeIn der Magistrale wurde ein Kriterium junger Radsportler ausgetragen. Es gab eine Disco und einen Großstaffellauf der Frankfurter Schulen. Und im Lennépark konnten sich die Radsportfans unter dem Motto „Mach mit – bleib fit“ an verschiedenen Stationen selbst sportlich betätigen.
Die Sportstadt Frankfurt (Oder) war nach 1960 und 1970 zum dritten Mal Etappenort der Friedensfahrt. Und erstmals fuhren in der DDR-Mannschaft zwei Radsportler aus der Oderstadt mit. Berichtet wurde damals stets nur über einen Frankfurter, nämlich Karl-Dietrich Diers vom heimischen ASK Vorwärts. „Vergessen“ wurde Gerhard Lauke, der Angehöriger des SC Dynamo Berlin war, dennoch aber Frankfurter.
Friedensfahrt 1976: Zwei Sportler aus Frankfurt (Oder) am Start
Denn: Gerhard Lauke, in Wiesenau aufgewachsen, war mit seiner Frau Cornelia Lauke (geb. Liebich), Handballerin beim ASK Vorwärts, 1975 nach Frankfurt (Oder) gezogen. Im sogenannten „Experimentalbau“ zwischen Magistrale und Rathaus hatte das junge Ehepaar eine Zwei-Raum-Wohnung bekommen, vermittelt vom Armeesportklub.
In der Berichterstattung ging denn auch glatt unter, dass es ein Frankfurter war, der am Ziel der 10. Etappe als einziger DDR-Fahrer auf dem Treppchen stehen durfte. Gerhard Lauke hatte sich Bronze erkämpft – hinter dem Sieger Frits Schür (Niederlande) und Nikolai Gorelow (Sowjetunion). Und am Ende wurde der damalige Frankfurter Gerhard Lauke, der seit 1980 wieder Wiesenauer ist, auch Drittplatzierter der Gesamtwertung.
Die große Begeisterung der Menschen trieb auch Gerhard Lauke auf den letzten Metern in Frankfurt (Oder) an. Etwa 40.000 Menschen hätten den Friedensfahrern „einen begeisterten Empfang“ bereitet, berichtete „Neuer Tag“. Mit 19 Böllerschüssen wurden die Radsportler angekündigt. In der Karl-Marx-Straße drängten sich die Fans. Die beste Sicht hatten die Verkäuferinnen des „Hauses der Technik“: Sie standen oben auf dem Vordach ihres Kaufhauses und verfolgten von dort das Rennen.
Friedensfahrt Frankfurt (Oder): Bitte keine Blumen werfen
In der Oderstadt waren für das Ereignis extra ein „Etappenkomitee der Stadt Frankfurt“ und ein „Etappen-Org.-Büro der Stadt Frankfurt“ gebildet worden. Beide veröffentlichten Anfang Mai mit dem Programm für die Zielankunft auch Verhaltenshinweise für die Zuschauer. „Hunde führen wir an der Leine“, war dort zu lesen. Und: „Keine Blumen werfen!“

Stolzer Radsportler: In seinem Haus in Wiesenau präsentiert Gerhard Lauke seine Bronzemedaille für den 3. Platz in der Gesamtwertung der 29. Internationalen Friedensfahrt 1976. Links ist die Medaille zu sehen, die er für seinen 3. Platz auf der 10. Etappe von Pniewy nach Frankfurt (Oder) am 20. Mai 1976 erhielt.
Frank GronebergBlumen hat Gerhard Lauke am Ziel bekommen, mit den ersten Glückwünschen. Und zumindest ein wenig hatte ihm sein Heimvorteil dabei geholfen, die Bronzemedaille zu erkämpfen. „Ich wusste ja, wie wir einfahren, ich kannte auch die Straße in Słubice bis zur Brücke“, erinnert er sich. „Da, wo heute der Basar ist“, sei es ihm gelungen, dem Hauptfeld davonzufahren und dann bis zum Ziel einen kleinen Vorsprung zu halten.
Die beiden Führenden, Frits Schür und Nikolai Gorelow, hatten sich schon zuvor abgesetzt. Sein Ausbruch bewahrte Gerhard Lauke vor dem Sturz, in den hinter ihm mehrere Fahrer bei der Auffahrt auf die Oderbrücke (die damals Friedensbrücke hieß) verwickelt wurden. Er fuhr weiter mit voller Kraft. „Ich wusste, nach der Brücke geht es bergab und dann nach links in die Karl-Marx-Straße. Die Straßenbahnschienen sollten mit Stricken ausgelegt sein, damit unsere Räder nicht stecken bleiben.“
Friedensfahrt Frankfurt (Oder): Heimvorteil für Gerhard Lauke
Doch Gerhard Lauke ging lieber auf Nummer sicher, fuhr eine weite Kurve über die Gleise hinweg – und wurde „rausgetragen bis an die Zuschauer“, erzählt er. Dann hieß es für ihn nur noch: alles geben bis zum Ziel. „Ich bin kurz vor dem Hauptfeld gefahren, war allein unterwegs.“ Die etwa 500 Meter bis zum Hotel seien „noch mal ganz schön lang gewesen“.
Der Jubel der Menschen am Straßenrand kannte da natürlich keine Grenzen. Ein DDR-Fahrer spurtete vor ihren Augen zu Bronze! „Die Stimmung war wirklich super“, erinnert sich Gerhard Lauke. Am Ziel wurde er sofort umringt von Souvenir- und Autogrammjägern. „Unsere Trinkflaschen waren begehrte Sammelobjekte, genauso wie Autogrammfotos. Viele Fans waren gut vorbereitet, hatten Sammelalben dabei und wollten sich diese unterschreiben lassen.“
Auch der Autor dieses Beitrags hatte als Kind solch ein Friedensfahrt-Album angelegt. Darin findet sich ein besonderes Souvenir: die Speisekarte der Friedensfahrer. Die Sportler wurden 1976 im noch neuen Internat der Betriebsschule des Wohnungs- und Gesellschaftsbaukombinates (WGK) untergebracht. Verpflegt wurden sie in der Mensa der Schule.
Meisterköche kochen für die Radsportler
Für die Verpflegung hatte man sich etwas Spezielles einfallen lassen: Köche aus dem gesamten Bezirk Frankfurt (Oder) legten mit der Zubereitung der Menüs ihre Meisterprüfung ab. Das Servieren übernahmen angehende Meisterkellner. Und so gab es für die 113 Radsportler zum Abendessen wahlweise Schweinelendchen mit Pommes frites, Schinken vom Rost oder Paprikahuhn mit Spätzle sowie zum Frühstück Filetsteak mit Kräuterbutter und andere Köstlichkeiten.

Außergewöhnliche Verpflegung: Der Speisenplan listet die Menüs auf, unter denen die Teilnehmer der 29. Internationalen Friedensfahrt im Mai 1976 im Mannschaftsquartier in Frankfurt (Oder) wählen konnten. Mit der Zubereitung der Speisen absolvierten Köche aus der Region ihre Meisterprüfung.
Frank GronebergWie „Neuer Tag“ später berichtete, haben alle 17 Bewerber ihre Meisterprüfung bestanden. Und DDR-Mannschaftskapitän Michael Schiffner lobte: „Uns wurden wahrhaft meisterliche Menüs serviert.“
Auch Gerhard Lauke kam in den Genuss dieser Menüs. Obwohl er theoretisch auch zu Hause hätte essen können. Schließlich wohnten seine Frau Cornelia und er nicht mal 60 Meter vom Ziel entfernt. Und seine Frau, damals mit Sohn Ronny schwanger, hätte ihn sicher gern für einen Abend bei sich gehabt.
Friedensfahrt 1976: Auch Frankfurter muss im Internat übernachten
„Ich durfte nicht in unserer Wohnung übernachten, das war nicht erwünscht“, verrät der Radsportler. „Aber das war kein Problem für mich. Das Internat der Betriebsschule war wirklich okay. Alles Zweibettzimmer, kein Massenquartier.“ Seine Frau Cornelia durfte ihn aber direkt am Ziel erwarten und ihn dort in die Arme nehmen. Und Schweinelendchen hätte er zu Hause wahrscheinlich nicht bekommen.
Am 21. Mai ging es dann weiter auf die 11. Etappe nach Forst und Cottbus. Der Ehrenstart erfolgte vor dem Hotel „Stadt Frankfurt“, der offizielle Start vor der Südring-Kaufhalle. Durchfahrtsorte in der Region waren Müllrose, Ragow, Beeskow, Friedland, Weichensdorf und Groß Muckrow sowie Treppeln, Kobbeln, Möbiskruge, Neuzelle und Steinsdorf. Und überall standen begeisterte Menschen am Straßenrand.
Radsport Frankfurt (Oder): Friedensfahrt-Fanfare ist Handy-Klingelton
Frankfurt (Oder) war nach 1976 noch mehrmals Etappenort. Zuletzt machte die Internationale Friedensfahrt am 14. Mai 2003 Station in der Oderstadt. Gerhard Lauke wechselte noch 1976 vom SC Dynamo Berlin zum ASK Vorwärts Frankfurt (Oder). Die berühmte Friedensfahrt-Fanfare ist bis heute sein Handy-Klingelton.











