Fischsterben in der Oder
: Ein Jahr nach der Katastrophe – wiederholt sich das Drama?

Massenhaft tote Fische treiben durch die Oder – ein Bild, das viele in Frankfurt (Oder) und Umgebung nicht mehr vergessen werden. Ein Jahr später bleibt die Gefahr akut. Aber schwimmen überhaupt noch Fische im Fluss?
Von
Katharina Schmidt,
Heike Reiß,
Nancy Waldmann
Frankfurt (Oder)
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Ein toter Blei lag am frühen Morgen im August 2022 im flachen Wasser der Oder bei Frankfurt (Oder). Ein Jahr nach dem massenhaften Fischsterben hält die Ursachensuche an. Vieles bleibt noch ungeklärt.

Patrick Pleul/dpa

„Es stank irgendwie nach Verdünner.“ So schilderte ein Angler unserer MOZ-Reporterin vor einem Jahr den Geruch, der ihm in die Nase stieg, als er bei Frankfurt (Oder) zahlreiche Fische beobachtete, die in der Oder mit dem Bauch leblos an der Wasseroberfläche trieben. Ab dem 8. August 2022 bemerkten an der Brandenburger Oder Angler, Schiffsführer und Spaziergänger, dass etwas nicht stimmte. Immer mehr Bürger meldeten den Behörden tote Fische.

In den nächsten Tagen zeichnete sich ab, dass sich eine Umweltkatastrophe ungekannten Ausmaßes für die Region entfaltete. Abgefischt wurden in diesen Tagen 360 Tonnen Fischkadaver entlang der Oder in Polen und Deutschland. Dazu kommen Lebewesen wie Muscheln und Schnecken, deren Bestände noch stärker betroffen waren.

Ein Jahr nach dem Fischsterben: viele Fragen offen

Über die Ursache ließ sich zunächst nur spekulieren: Vermutet wurde anfangs eine mysteriöse Welle eingeleiteten Gifts, da der Pegelstand der Oder zeitweise 30 Zentimeter anstieg. Dann fiel der Verdacht auf Quecksilber. Nach etwa zehn Tagen stand die Ursache fest: eine in der Region neue, toxische Alge hat die Fische getötet. Prymnesium parvum, umgangssprachlich Goldalge aufgrund ihres Schimmers genannt, kann, wenn sie Blüte treibt, Toxine ausstoßen, die für Wasserorganismen tödlich sind.

Doch nachdem die unmittelbare Antwort gefunden war, stellten sich gleich Hunderte neue Fragen. Etwa: Wie konnte diese Alge, die eigentlich Brackwasser als Lebensraum bevorzugt – also eine Mischung aus Salz- und Süßwasser – in der Oder landen? Und kann sich diese Katastrophe wiederholen? Ein Jahr später ist die Situation leider alles andere als beruhigend.

Podcast: Gibt es noch Fische in der Oder?

Ja. Sogar einige der ganz dicken Fische, die Welse, haben überlebt. Doch insgesamt hat sich der Gesamtbestand an Fischen mindestens halbiert. Da vor einem Jahr nicht alle toten Fische aus dem Fluss geborgen wurden, schätzen Wissenschaftler die Masse der Kadaver auf 1000 Tonnen.

Kann massenhaftes Fischsterben erneut auftreten?

Man kann annehmen, dass ein erneutes Massensterben vorerst nicht gleichermaßen prominent wie 2022 in Erscheinung treten würde, da schlichtweg nicht mehr die gleiche Menge an Fischen in der Oder schwimmt. 2023 sind tatsächlich erneut mehrere Hundert Kilo Fische am Gift der Goldalge gestorben. Dabei handelte es sich um lokale Vorfälle im Ober- und Mittellauf. So wurden nach Ostern im April bei Wrocław in einem Stausee, der über einen Seitenarm mit der Oder verbunden ist, hundert Kilo Fischkadaver abgefischt. Die zuständige polnische Umweltbehörde ermittelte später eine gefährlich hohe Konzentration der Goldalge – vorsorglich wurde das Staubecken von der Oder mit Netzen abgetrennt, damit die Fische nicht in die Oder migrieren.

Erneut Algen-Alarm in Stausee bei Wrocław

Auch aktuell gibt es im besagten Stausee Czernica bei Wrocław (Stand 3. August) wieder Goldalgen-Alarm. Neue tote Fische wurden nicht gemeldet, aber in den letzten Tagen haben sich die Algen wieder sprunghaft vermehrt – bis zu 27 Millionen Zellen pro Liter. Für Fische ist das bereits eine kritische Konzentration. Polens Behörden haben das Gewässer mit Sandsäcken und Biostabilisatoren vom Hauptstrom der Oder abgetrennt – der soll momentan unbelastet sein.

Auch aus dem Gleiwitzer Kanal, der ebenfalls mit der Oder verbunden ist, wurden in diesem Jahr ebenfalls mehrfach tote Fische gemeldet. Mitte Juni war es fast eine Tonne Kadaver, die aus dem Wasser von örtlichen Behörden geholt wurden. Im Gleiwitzer Kanal landen besonders viele industrielle Abwässer sowie salzhaltiges Grubenwasser aus dem Bergbau. Das Wasser fließt sehr langsam. Der Kanal hat viele Schleusen und dazwischen steht das Wasser quasi – eine ideale Brutstätte für die Goldalge. Aus dem Hauptstrom von Oder und Grenzoder wurden in diesem Jahr noch keine Fischkadaver gemeldet.

Podcast-Reihe: Tote Fische in der Oder – wird sich die Katastrophe wiederholen?

Im August beleuchten MOZ.de und LR.de die Folgen und Ausmaße der großen Umweltkatastrophe vom Sommer 2022. Denn ein Jahr später zeigt sich, dass die Gefahr eines erneuten Fischsterbens akut bleibt. Die Umstände sowie Ursachen sind äußerst komplex und werden in vier Podcast-Sonderfolgen, die wöchentlich erscheinen, näher beleuchtet. Gefördert wird die Podcast-Reihe von MOZ und LR durch die Medienanstalt Berlin-Brandenburg. Die darin thematisierten Recherchen sind aus einer Kooperation der Märkischen Oderzeitung und dem polnischen Magazin Pismo entstanden. Gefördert wurde die Zusammenarbeit durch den Journalism Fund Europe.

Haben Abwässer Schuld am Fischsterben?

Abwassereinleitungen gibt es sowohl auf deutscher als auch auf polnischer Seite. Beispielsweise lässt auch die kommunale Kläranlage in Frankfurt das geklärte Wasser in der Oder ab. Für Abwassereinleitungen gelten jeweils Grenzwerte für die Konzentration bestimmter Substanzen, wie etwa Stickstoff und Phosphor. Diese Stoffe können die Entwicklung verschiedener Algen befördern. Nach dem massenhaften Fischsterben 2022 stellen sich jedoch Salzeinleitungen, vor allem durch den Bergbau in Polen, als Kernproblem dar, die die Entwicklung der Goldalge in der Oder ermöglichen. Die Konzentrationen aller Stoffe steigt bei Niedrigwasser. Aktuell ist jedoch noch nicht endgültig erforscht, wie alle Faktoren aus Nährstoffeinträgen, Salzgehalt, Niedrigwasser und Hitze zusammenspielen müssen, damit die Goldalge ihr Gift ausstößt.

Was unternehmen Polen und Deutschland, um ein erneutes Fischsterben zu verhindern?

Seit der Umweltkatastrophe hat Polen beim Monitoring aufgerüstet und erstmals automatische Messstationen eingerichtet, die zum Beispiel den pH-Wert, den Gehalt von Salz, Sauerstoff, Stickstoff und anderen Parametern in der Oder permanent messen und auf Veränderungen reagieren zu können, etwa durch Abtrennung von Seitenarmen.

Auf deutscher Seite gibt es solche Messstationen schon länger. Das Brandenburger Landesamt für Umwelt hat nun in ein neues Daphnientoximeter investiert. Daphnien sind Wasserflöhe, die empfindlich auf Giftstoffe im Wasser reagieren. Durch sie kann eine erneut auftretende Algenblüte frühzeitig erkannt werden. Auch die Anpassung von Abwassereinleitungen in Niedrigwsserphasen wird in Deutschland zumindest geprüft.

Der Internationale Warn- und Alarmplan für die Oder wurde nach der Umweltkatastrophe angepasst, mit dem Ziel, den Informationsfluss zu sichern. Der darin enthaltene Kriterienkatalog gibt vor, ab wann und wie andere Behörden, darunter deutsche und tschechische, informiert werden müssen über Vorkommnisse im Fluss.

Zustand der Oder und Polens Energiesicherheit

Beim wohl kritischsten Faktor, auf den Menschen Einfluss nehmen können – die hohen Salzfrachten, die in der Oder landen – hat sich jedoch bislang nichts wesentlich verändert. Die Salzkonzentrationen in der Oder sind keinewegs niedriger als vor einem Jahr. Salz- und Schadstoffeinträge zu reduzieren oder sogar zu stoppen, ist kurzfristig ein schwieriges Unterfangen. „Wir müssen die Energiesicherheit unseres Landes gewährleisten“, ließ Polens Umweltministerin zu dieser Frage Anfang Juni knapp wissen. Das Ministerium hat Betriebe angewiesen, ihre Einleitungen mit Rücksicht auf die aktuellen Wasserstand besser zu „managen“, das heißt mit Rücksicht auf den Wasserstand und Wasserqualität dosiert einzuleiten. Doch der Spielraum ist sehr begrenzt.

Polens Steinkohle ist bis heute die wichtigste Energiequelle im Land und eine Debatte über einen vorgezogenen Kohleausstieg hat das Fischsterben bisher nicht ausgelöst. Würden die Bergwerke nicht mehr entwässert und die Kohleförderung zurückgefahren, müsste man schmerzhafte Folgen für Wirtschaft, grundwasserqualität und Energieversorgung hinnehmen, die nicht Polen allein beträfen. Die polnische Energieversorgung basiert zu rund 70 Prozent auf Kohle. So fließt das salzhaltige Wasser vorerst weiter in die Oder und bietet der Goldalge Nährboden.