Krankenhaus Eisenhüttenstadt: Station schließt dauerhaft – Frauen und Familien betroffen

Ein Oberarzt hält im Kreißsaal einer Frauenklinik (Symbolbild) ein per Kaiserschnitt zur Welt gebrachtes Mädchen in den Händen. Szenen wie diese wird es im Krankenhaus Eisenhüttenstadt nicht mehr geben.
Daniel Karmann/dpa„Geburtsort Eisenhüttenstadt“ – das wird künftig nie wieder auf Ausweisen stehen – es sei denn, ein Baby kommt außerhalb eines Krankenhauses zur Welt.
Der bereits seit Monaten geschlossene Kreißsaal im Städtischen Krankenhaus Eisenhüttenstadt wird nicht mehr eröffnet. Worüber bereits gemunkelt wurde, das steht nun endgültig fest. Aber das Krankenhaus schließt nicht nur die Geburtshilfe dauerhaft, sondern auch die Frauenheilkunde und damit die gesamte Station. Dies teilte die Geschäftsführung des kommunalen Krankenhauses am 8. Dezember mit.
In der Pressemitteilung, die nach einer Anfrage der Märkischen Oderzeitung erfolgte, heißt es im Wortlaut: „Die seit dem 01.07.2023 interimsweise geschlossene Klinik für Geburtshilfe am Krankenhaus Eisenhüttenstadt wird in ihrer ursprünglichen Versorgungsform nicht wieder in Betrieb genommen, stattdessen wird die bisherige stationäre Versorgung der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in ambulante Versorgungsangebote an den Standorten Eisenhüttenstadt und Guben – in enger Kooperation mit stationären Angeboten in der Region – transformiert.“
Entscheidung fiel im Aufsichtsrat
Mit den Kliniken in Frankfurt (Oder), Bad Saarow, Forst und Cottbus stünden im Einzugsbereich gut aufgestellte Geburtshilfe-Kliniken zur Verfügung, teilt das Krankenhaus Eisenhüttenstadt mit.
Die Entscheidung zur Schließung der Station und zum Ausbau der ambulanten Angebote habe der Aufsichtsrat des Städtischen Krankenhauses bereits am 30. November beschlossen, und zwar einstimmig. Die Mitarbeiter des Krankenhauses seien von der Geschäftsleitung im Rahmen einer Betriebsversammlung in dieser Woche informiert worden.
Der Aufsichtsrat des Krankenhauses Eisenhüttenstadt
Der Aufsichtsrats des Städtischen Krankenhauses Eisenhüttenstadt besteht nach Angaben des Bundesanzeigers (Jahresabschluss Geschäftsjahr 2021) aus folgenden Personen.
Vorsitzende: Ingrid Siebke, Pensionärin, SPD-Mitglied der SVV Eisenhüttenstadt;
Stellvertretende Vorsitzende: Frau Dr. med. Margit Wessel, Oberärztin/Arbeitnehmervertretung
Weitere Mitglieder:
Frank Balzer, Bürgermeister der Stadt Eisenhüttenstadt und Gesellschaftervertreter,
Heidi Wiechmann, Erzieherin, Mitglied der Fraktion Die Linke, SVV Eisenhüttenstadt,
Manuela Kirschke (AfD) hat 2022 Siegfried Aulich, Pensionär, Mitglied der SVV Eisenhüttenstadt, Fraktion AfD, ersetzt,
Lars Ettmeier, Inhaber, Geschäftsführer Ettmeier Pflegen und Betreuen, Mitglied der SVV-Fraktion Bürgervereinigung Fürstenberg,
Robert Burkhard, Controller ArcelorMittal Eisenhüttenstadt, frei gewähltes Mitglied,
Annett Thielicke, Betriebsratsvorsitzende/Arbeitnehmervertretung,
Yvonne Ruhe, Krankenschwester/Arbeitnehmervertretung
„Allen betroffenen Mitarbeitenden werden im Krankenhaus oder im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) in Eisenhüttenstadt oder Guben ihrer Qualifikation entsprechende Angebote zur Weiterbeschäftigung unterbreitet“, heißt es seitens des Krankenhauses.
Die Erklärung des Krankenhauses
Die Geschäftsführung des Krankenhauses, das im Schriftverkehr und in E-Mail-Adressen oft mit „khehst“ abgekürzt wird, erklärte unter der nüchternen Überschrift „Veränderungen im KHEHST“ und dem Zusatz „Umwandlung der stationären Geburtshilfe und Frauenheilkunde hin zu ambulanten und sektorenübergreifenden Angeboten; ambulante Versorgungsangebote werden ausgebaut“ auch die Hintergründe der Entscheidung. Diese ist durch die Schließung der stationären Frauenheilkunden weitreichender als von vielen zunächst angenommen.
Zunächst geht es um den Kreißsaal und die seit Jahren rückläufige Zahl der Geburten. Der demografische Wandel in der Region sowie die mehrere Jahre eingeschränkten Öffnungszeiten des Kreißsaals in Eisenhüttenstadt hätten dazu geführt, dass dort zuletzt jährlich nur noch 135 Kinder geboren wurden, 2018 seien es noch 318 gewesen. Dabei hatte man laut Hochrechnungen beispielsweise für das Jahr 2021 im regionalen Einzugsbereich des Eisenhüttenstädter Krankenhauses mit jährlich etwa 400 Geburten gerechnet.
Geburten-Rückgang wird sich fortsetzen
Auch ein aktuelles „Hebammen-Gutachten“ des Ministeriums für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz (MSGIV) wird von der Geschäftsführung des Krankenhauses bei der Erklärung der Hintergründe für die Schließung angeführt. Dieses zeige, dass sich der Geburtenrückgang auch bis 2030 weiter fortsetzt, in „berlinfernen Regionen“ würden demnach etwa 17 Prozent prognostiziert.
Bezogen auf einen Einzugskreis von 70 Kilometern Fahrentfernung zum Krankenhaus Eisenhüttenstadt werde die Anzahl möglicher Geburten nicht mehr als 300 betragen; „im klinischen Alltag wird der Anteil für KHEHST deutlich darunter liegen“, heißt es in einer „Analyse der stationären Versorgungssituation“ für das Krankenhaus Eisenhüttenstadt, die von der Unternehmensberatung Lohfert & Lohfert AG in diesem Jahr durchgeführt wurde.
Das Aus der Frauenheilkunde
Aber warum schließt die Frauenheilkunde, in der Frauen allen Alters stationär behandelt wurden? Laut Krankenhausleitung hat man dort eine ähnliche Entwicklung beobachtet. In der Erklärung heißt es: „So wurden in den letzten drei Jahren lediglich durchschnittlich fünf Patientinnen pro Tag stationär versorgt. Damit betrug die Belegungsquote dieser Klinik stets deutlich weniger als 50 Prozent der möglichen Belegung. Dieser über Jahre verfestigte Trend ist ein signifikanter Hinweis auf die objektive Versorgungsrelevanz des stationären Versorgungsangebotes in der Region.“
Allerdings wird nicht darauf hingewiesen, dass die vergangenen drei Jahre von der Corona-Pandemie geprägt waren. In dem genannten Zeitraum waren auf anderen Stationen des Städtischen Krankenhauses ebenfalls weniger als die Hälfte der Betten belegt – die Belegung in anderen Kliniken des Hauses hat nach Informationen der MOZ sogar deutlich unter 50 Prozent gelegen, war also noch geringer als in der Frauenheilkunde.
Schließung führt zur Stärkung anderer Standorte
Krankenhaus-Geschäftsführer Thomas Lips erklärt zur Schließung der Geburtshilfe und der Frauenheilkunde: „Wir alle bedauern es sehr, diesen Schritt gehen zu müssen. Aber wir sind uns unserer großen Verantwortung bewusst und werden Frauen und Familien auch künftig eine moderne medizinische Versorgung auf hohem Niveau bieten. Der Ausbau von Kooperationen und gut vernetzter intersektorieller Therapiesteuerung ist ein bedeutender Mehrwert in Versorgungsangeboten. Insgesamt werden unsere Patientinnen, Kinder und Familien davon profitieren.“
Lips sieht sogar positive Auswirkungen der Stationsschließung – jedenfalls für andere Krankenhäuser. Durch die Konzentration der stationären Geburtshilfe und Frauenheilkunde an weniger, in der Nähe gut erreichbaren Standorten, würden sich die Patientinnenzahlen pro Standort vergrößern. „Es können sich größere Stationen mit höheren Fallzahlen etablieren. Dies ist ein wichtiger Beitrag zur nachhaltigen Stabilisierung einer hohen Versorgungsqualität und Basis diversifizierter Angebote für die Patientinnen und Neugeborenen“, heißt es in der Presseerklärung.
Im Krankenhaus Eisenhüttenstadt soll stattdessen die ambulante Versorgung für die Patientinnen ausbaut und gestärkt werden. Aktuell prüfe man die Einführung zusätzlicher Hebammensprechstunden für die Geburtsvorbereitung sowie die Vor- und Nachsorge im Mutter-Kind-Zentrum des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) Eisenhüttenstadt.






