Bürgermeister Grünheide: Stasi-Gutachten – Christiani soll über 27 Personen berichtet haben

Bürgermeister von Grünheide: Arne Christiani soll zu DDR-Zeiten als IM „Peter Förster“ für das MfS gespitzelt haben. Die Akte lagert im Stasi-Unterlagen-Archiv am Standort Frankfurt (Oder). Das Archiv ist seit Juni 2021 Teil des Bundesarchivs.
Bildmontage: Janine Richter/dpa/Patrick PleulGrünheides Bürgermeister Arne Christiani (parteilos) ist eine wichtige Schlüsselfigur bei der Ansiedlung des US-Unternehmens Tesla in seiner Brandenburger Gemeinde. In der Task Force berät er sich regelmäßig mit der Staatskanzlei, Ministerien und dem Landkreis Oder-Spree.
Seine Verwaltung, der er seit mittlerweile 20 Jahren vorsteht, erstellt die Bebauungs- und Flächennutzungspläne für das Unternehmen. Die Gemeindevertretung, auf die ihm immenser Einfluss nachgesagt wird, entscheidet über die Entwicklung Teslas in der Region. So in naher Zukunft auch über die Tesla-Erweiterung nach Osten um mehr als 100 Hektar.
Bürgermeister Christiani streitet Spitzel-Tätigkeit ab
Stets hatte Christiani in all den Jahren öffentlich gegenüber seinen Wählern, der Gemeindevertretung und den Medien bestritten, als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in der DDR gearbeitet zu haben. Zuletzt negierte er seine Vergangenheit in der „BILD“-Zeitung und „BZ“ im Juni 2022: „Ich habe mich nie verpflichtet, weder schriftlich noch per Handschlag“, sagte er. „Ich habe auch keine Aufträge für die Stasi ausgeführt.“
Auch bei seiner Einstellung in der Gemeinde hatte er, laut Aussagen des ehemaligen Grünheider Amtsdirektors Heinz Friedrich, im Gespräch verneint, IM der Stasi gewesen zu sein. Dies wird aus einer Anfrage der ehemaligen Gemeindevertretervorsitzenden Lieselotte Fitzke (SPD) von Januar 2013 an Friedrich deutlich, der Arne Christiani 1992 eingestellt hatte. Sie liegt MOZ.de vor. Schriftlich soll laut Grünheider Verwaltung in seiner Personalakte nichts dazu vermerkt sein.
Christiani soll über 27 Personen berichtet haben
Jetzt kommt eine gutachterliche Stellungnahme mit dem Umfang von 16 Seiten zu dem Schluss, dass die Stasi-Akte „Peter Förster“ Gegenteiliges über den Hauptverwaltungsbeamten Christiani aussagt. Sie wurde von der Grünheider Fraktion „bürgerbündnis“ beim Historiker und Stasi-Akten-Experten Prof. Dr. Helmut Müller-Enbergs in Auftrag gegeben. Die Stellungnahme wurde am Samstag (30. September) auf deren Internetseite veröffentlicht.
„Nach den Maßstäben des Stasi-Unterlagen-Gesetzes (sowie des Ministeriums für Staatssicherheit) war Herr Arne Christiani inoffizieller Mitarbeiter des MfS, der zeitweilig unter dem Decknamen ,Peter Förster‘ geführt wurde“, schreibt Müller-Enbergs. Er habe sich „elf Ereignisse aus dem Zeitfenster vom 20. August 1987 bis zum 13. Oktober 1989“ genauer angesehen. Es gebe Anhaltspunkte, dass Christiani durch einen Vertreter des Ministeriums für Staatssicherheit Aufträge erhalten und diese angenommen habe. So habe er sich nach Aktenlage im Auftrag des MfS bereit erklärt, die Adresse zu einer Person zu beschaffen und dies auch getan. Außerdem soll er eigenhändig einen Bericht über eine Person verfasst haben, die an einer Jugendtouristreise teilgenommen hatte. Zudem sei ein handschriftlicher Bericht über einen Bekannten aus Hangelsberg zu finden und auftragsgemäß habe er ein Grundstück einer Person kontrolliert, ob dort ein Auto mit westdeutschem Hintergrund parkte. Des Weiteren habe sich Christiani des Auftrages angenommen, ein Gespräch mit einer in die DDR eingereisten Person zu führen und über diese wiederholt mündlich wie schriftlich zu berichten.

Historiker und Stasi-Akten-Experten Prof. Dr. Helmut Müller-Enbergs war von 1992 bis 2019 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und beschäftigt sich aktuell mit dem Fall Arne Christiani.
Helmut Müller-EnbergsHistoriker Müller-Enbergs Urteil ist eindeutig: „In der Summe konnten in den Unterlagen 27 Personen ermittelt werden, zu denen Herr Arne Christiani nach Aktenlage Angaben gemacht hat. Die Annahme von Aufträgen des MfS zur Informationsbeschaffung und der Informationslieferung an das MfS erlauben keine ernsthaften Zweifel, Herrn Arne Christiani als Mitarbeiter des MfS zu betrachten.“
„Operativ bedeutsame“ Berichte über Verwandte, Freunde und Arbeitskollegen
Die Berichte, die Arne Christiani über Verwandte, Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen für das MfS anfertigte, waren keineswegs wohlwollend und konnten den jeweiligen Personen in DDR-Zeiten schaden, weil sie durch das MfS als „operativ bedeutsam“ gewertet wurden. Dies machen die zahlreichen Beispiele des Gutachtens deutlich. Bisher ist noch nicht bekannt, wie mit den jeweiligen Personen anschließend vonseiten des MfS umgegangen wurde.
Ein gutes Beispiel sind die Unterlagen zum Treffen vom 19. April 1988, welches in der konspirativen Wohnung „Würfel“ des MfS stattfand. Demnach übergab Arne Christiani eine handschriftliche und unterzeichnete Einschätzung zu einer Person. Am 8. November 1987 hatte er dafür den Auftrag erhalten. „Darin gibt er Auskunft über das Verhalten, Auftreten und die Disziplin von Person 8 sowie über dessen Verhalten in einer Gruppe und dessen Umgang mit Alkohol“, schreibt Müller-Enbergs im Gutachten. Das MfS vermerkte zum Treffen, dass Christiani auch eine Aufstellung seiner Bekannten aus dem Raum Fürstenwalde/Briesen, Frankfurt (Oder), Jacobsdorf, Löbnitz und aus Hangelsberg übergeben habe. Im weiteren Verlauf habe Christiani mündlich über Gespräche, die er mit Person 10 und 11 geführt hatte, berichtet. Er habe sich zur Realisierung dieses Auftrages extra einen halben Tag von einem Weiterbildungslehrgang freistellen lassen. Das MfS habe er darüber informiert, wann die Personen eingereist sind, wo sie übernachtet und wen sie besucht hätten. „Er machte präzise Angaben zu Beruf, Ausbildung und Arbeitsplatz der Personen 10 und 11, zu deren politischen Einstellung sowie zu deren Einstellung zur DDR, zu deren Medien, Sportlern und zur Spionage“, schreibt Müller-Enbergs. Christiani habe sich bei diesem Treffen bereit erklärt, mit dem MfS zusammenzuarbeiten. „Er verpflichtete sich per Handschlag zur Zusammenarbeit. Als Deckname wählte er sich ‚Peter Förster‘“, wird im Gutachten zitiert. Das MfS habe das Treffen anschließend mit den „erarbeiteten Informationen“ zur Person 8 und zur Person 11 „als operativ-interessante Informationen“ gewertet. Christiani habe sich „wie immer“ „aufgeschlossen“ verhalten.
Monatelanger Kampf um Akte „Peter Förster“
Zu dem Schluss einer IM-Tätigkeit war bereits ein Gutachten gekommen, das MOZ.de aufgrund der Aktenversion für Medien beauftragt hatte. Dem Wissenschaftler Müller-Enbergs standen laut Stasi-Unterlagen-Gesetz aber weitreichendere Teile der Akte „Peter Förster“ zur Sichtung offen als vergangenes Jahr unserer Zeitung. Unserem Medium wurden nur 41 Seiten von der Behörde ausgehändigt. Müller-Enbergs konnte rund 165 Seiten Material zum Fall sichten und auswerten. 3000 Seiten waren ihm, nach eigenen Angaben, vorgelegt worden.
Doch der Weg dahin war steinig: Bereits am 5. Juli 2022 hatte Müller-Enbergs einen entsprechenden Forschungsauftrag für das Institut für Deutschlandforschung der Ruhr-Universität Bochum bei der Vizepräsidentin des Bundesarchivs, Alexandra Titze, eingereicht. Da die Stasi-Akte Christianis digitalisiert sei, habe er mit einer „zügigen Bearbeitung“ gerechnet, berichtet der Historiker über den Werdegang seiner Forschung. „Das Bundesarchiv benötigte acht Monate, um stattdessen die analog vorliegenden Unterlagen zu Arne Christiani aus dem Archiv zu heben. Im März 2023 waren diese zum Versand an den Auskunftsbereich des Stasi-Unterlagen-Archivs vorbereitet. Die Einsicht ermöglichte das Stasi-Unterlagen-Archiv in Berlin dennoch erst vier Monate später, im Juli 2023“, schreibt der Historiker.
Einwohner sollen über Abwahl entscheiden
In einer Pressemitteilung von der Fraktion „bürgerbündnis“ heißt es zu den neuen Erkenntnissen: „Die Fraktion bürgerbündnis/FDP wurde durch Herrn Christiani beschuldigt, systematisch und gezielt Fehlinformationen über seine ,vermeintliche Stasi-Vergangenheit‘ zu verbreiten. (…) Nun ist durch das Gutachten belegt, dass es sich um Fakten und keine Fehlinformationen oder Propaganda handelte“, schreibt Fraktionsvorsitzender Thomas Wötzel. Er betont, dass Bürgermeister Christiani gegenüber der Öffentlichkeit, seinen Wählern und der Gemeindevertretung „wissentlich und wiederholt gelogen“ habe.
Christiani will Gutachten prüfen
Deshalb solle bei der Gemeindevertretersitzung am 12. Oktober das Gutachten nach dem Willen der Fraktion „bürgerbündnis“ öffentlich diskutiert werden. Auch Professor Dr. Müller-Enbergs solle eingeladen werden, um seine Erkenntnisse des Gutachtens zu erläutern. „Wir gehen davon aus, dass im Anschluss eine Mehrheit der Gemeindevertreter die Einleitung eines Verfahrens zur Abwahl des Bürgermeisters unterstützen wird“, sagte Wötzel. Man wolle die Einwohner Grünheides entscheiden lassen. Bürgermeister Arne Christiani wurde von MOZ.de mit den neuen Erkenntnissen konfrontiert, dazu Fragen gestellt und um ein Interview gebeten.
Dazu teilte er mit, dass er Auskünfte frühestens nach Bekanntwerden und Prüfung des vollständigen Gutachtens, das ihm gegenwärtig nicht bekannt sei, erteilen werde.
Werdegang Arne Christiani
Arne Christiani (63) ist am 3. Oktober 1959 in Dresden geboren und in Briesen aufgewachsen. Nach eigenen Angaben lernte er in Müncheberg Motorenschlosser. Es folgen ein Meisterabschluss und der Wechsel zum Bau- und Montagekombinat BMK Ost in Fürstenwalde. Dort war er für die Jugendarbeit verantwortlich. In Briesen leitete er jahrelang den FDJ-geführten Jugendclub. Er war Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Nach Stationen in der Kreisverwaltung im Bereich Jugend und Sport und der Kommunalaufsicht wechselte er 1992 nach Grünheide. Dort war er bis 2003 Amtsleiter für Ordnung und Soziales und stellvertretender Amtsdirektor. 2003 wurde er von der SPD zur Bürgermeisterwahl in Grünheide aufgestellt und gewann. Seitdem ist er parteiloser, hauptamtlicher Bürgermeister der Gemeinde und wurde zweimal wiedergewählt. jar
Wer ist Prof. Dr. Helmut Müller-Enbergs?
Prof. Dr. Helmut Müller-Enbergs war von 1992 bis 2019 Wissenschaftlicher Referent der Abteilung Bildung und Forschung des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU). Seit 2008 ist er Professor an der Syddansk Universitet (Dänemark). Er weist zahlreiche Expertisen im Bewerten von Stasi-Akten auf, verfasste auch Gutachten zur Vergangenheit von Gregor Gysi und Heike Drechsler. Zudem schrieb er das Kapitel „Die inoffiziellen Mitarbeiter“ im Buch „Anatomie der Staatssicherheit – Geschichte, Struktur und Methoden – MfS-Handbuch – “ von 2008. Er war auch Mitglied der unabhängigen Stasi-Kommission, die 49 Landtagsabgeordnete im Brandenburger Landtag auf eine mögliche Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit der ehemaligen DDR überprüfte. jar





