Gigafactory-Erweiterung: Roadshow gestartet – Tesla wegen Einwohnerbefragung besorgt

Tesla-Mitarbeiter stellen sich auf dem Grünheider Marktplatz den kritischen Fragen und Anmerkungen der Einwohner. Sie äußern angesichts der Einwohnerbefragung zur Erweiterung Sorge, dass die Expansionspläne scheitern könnten.
Janine RichterFür das US-Unternehmen Tesla und seine Expansionspläne in Grünheide steht dieser Tage viel auf dem Spiel, dennoch sind die Mitarbeiter in ihrem kirschroten Tesla ziemlich spät dran. 17 Minuten nach dem geplanten Beginn, der für 10 Uhr angekündigt war, rollen sie am Dienstagmorgen auf dem Marktplatz vor.
Es ist die erste Station der sogenannten „Tesla Roadshow“ (Übersetzt: Tesla Präsentations-/Werbetour) durch die Grünheider Ortsteile. Neben einigen Pressevertretern harren hier vor dem Grünheider Rathaus bereits zwei interessierte Bürger im Regen aus. Die drei Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des US-Autobauers steigen mit weißen Tesla-Mützen aus und platzieren Schokolebkuchen mit Logo im „Motorraum“. Ein Schriftzug ziert das in Grünheide produzierte Model Y: „We are GIGA - the future“ (übersetzt: Wir sind die Giga(factory) - die Zukunft“). Ansonsten ist wenig Show im eigentlichen Sinne zu sehen.

Ein Elektrofahrzeug vom Typ Tesla Model Y steht im Regen bei der Informationsveranstaltung „Road Show“ von US-Elektroautobauer Tesla auf dem Marktplatz. Die Serie von fünf Veranstaltungen für Einwohner begann am Dienstag in Grünheide in Brandenburg.
Patrick Pleul/dpaEinwohnerin wünscht sich mehr Tesla-Radwege
Gleich in den ersten Minuten der Gespräche wird deutlich, dass Teslas Charmeoffensive zumindest bei den beiden Einwohnern, die bereits auf dem Marktplatz sind, nicht so einfach fruchten. Kritik und Vorwürfe machen sich sofort breit, nicht nur wegen der „Unpünktlichkeit“. „Niemand da. Ich bin extra früh gekommen, weil um 11 Uhr der Dauerregen einsetzt“, sagt eine Grünheiderin, die sich mehr Tesla-Radwege wünscht. Vor zehn Jahren sei sie aus Berlin ins Grüne gezogen. „Der Termin kam jetzt so schnell, still und leise. Viele sind doch noch in den Schulferien oder gerade arbeiten“, denkt sie laut, warum nur wenig Interessierte vor Ort sind.
Tesla-Mitarbeiter stellen sich kritischen Fragen
Geohydrologe Werner Klink, der sich laut eigener Aussage durch alle bisherigen Tesla-Unterlagen gearbeitet hat und ein bekannter, lautstarker Kritiker der Ansiedlung ist, wirft sogleich der jungen Tesla-Mitarbeiterin, „öffentliches Lügen und Betrügen“ in Zusammenarbeit mit der Politik vor. Er lehnt sogar einen Lebkuchen ab, als er ihm friedensstiftend von der Ingenieurin angeboten wird: „Nee, der bleibt mir dann im Halse stecken, danke“, entgegnet er.
Er will lieber von ihr wissen, warum denn einst aus einer Lagerhalle eine Batteriefabrik im Trinkwasserschutzgebiet wurde, obwohl es anders versprochen gewesen sei. Warum es erst vonseiten Tesla hieß, man wolle den Güterbahnhof in der bestehenden Fläche bauen und dann wenig später doch Erweiterungspläne um mehr als 100 Hektar und andere Bahnpläne bekannt werden. Die Antworten der Tesla-Mitarbeitenden auf solche Art Vorwürfe: Zu den Plänen der Deutschen Bahn könne man nichts sagen. Und man wisse nichts über frühere getroffene Aussagen, nehme die Kritik als Anregung aber mit. Der Bürger bleibt grummelig zurück, fühlt sich nach eigenen Aussagen „verarscht“.
Tiefer Stachel: Elon Musk lacht über Wasserproblem
Als ein anderer Bürger anregt, eine Luftgütemessstation nahe der Fabrik zu bezahlen, um vielleicht die Grünheider Ängste vor Schadstoffen in der Luft zu besänftigen, wird dieses von der Mitarbeiterin im Smartphone notiert. Ebenso, dass Tesla sich ja an der Rettung des Elsensees beteiligen könnte. Dort geht der Wasserstand seit Jahren zurück. Bald bleibe nur noch ein Tümpel, befürchten viele. „Als Elon Musk im Fernsehen über unser Wasserproblem gelacht hat, hat er sich viele Feinde gemacht“, sagt der Mann.
Die Mitarbeiterin nickt freundlich, geht darauf aber nicht weiter ein.
Anlass für Roadshow ist die Einwohnerbefragung
Im Laufe der Zeit entspannt sich dann die Atmosphäre etwas und die Tesla-Mitarbeiter geben auch offene Einblicke in die Beweggründe, diese Werbetour gleich nach Neujahr zu starten. „Wir wollen Präsenz zeigen, die Bürger informieren“, sagt die junge Tesla-Ingenieurin. Ihre Kollegin aus dem Öffentlichkeitsarbeit-Team von Tesla ergänzt auf Englisch: „Wir wollen erklären, warum die Erweiterung für uns so wichtig ist. Wir kommen nicht richtig weiter im Moment, die Zukunft sieht nicht so rosig aus, wie wir es geplant hatten“, gibt sie zu. Man sei besorgt, dass die Grünheider gegen die Erweiterung, also bei der geplanten Einwohnerbefragung mit Nein stimmen. „Aber wir sorgen uns auch, über das Unwissen der Menschen und was Negatives in den Medien steht.“ Deswegen versuche man mehr auf die Menschen zuzugehen, wo man sonst nur über den Kurznachrichtendienst „X“ (vormals Twitter) oder andere sozialen Medien kommuniziere.
Alle drei Mitarbeiter arbeiten in der sogenannten Giga Berlin und haben sich nach eigenen Aussagen freiwillig für die Roadshow gemeldet. An jedem Standort werde ein anderes Team Auskunft geben.
Darunter sollen viele sein, die auch in Grünheide leben. Ein Tesla-Mitarbeiter erzählt, er wohne bereits seit 18 Monaten gleich neben dem Marktplatz in den neu gebauten Appartements. Er arbeite als Projektmanager in der IT-Abteilung von Tesla. Vorher habe der gebürtige Pole lange in Dublin gelebt und bei Amazon gearbeitet. Er hat Verständnis für „den deutschen Ansatz direkt auszusprechen, was missfällt“. Aus Amerika sei man dies allerdings nicht gewohnt, erzählt er auf Englisch.
Grünheider können über Tesla-Erweiterung nach Osten abstimmen
Wie berichtet, möchte Tesla sein Gelände in Grünheide nach Osten um mehr als 100 Hektar erweitern. Rund 120 Hektar Mischwald sollen laut ausgelegten Plänen einer Industrie- und Gewerbefläche sowie Gleisanlagen bzw. dem Güterbahnhof weichen. Außerdem sind weitere Lager- und Logistikflächen geplant sowie eine Kita. Gegen die Erweiterung regt sich Protest von Umweltverbänden.
Wann die Einwohnerbefragung, an der mehr als 7500 Grünheider über 16 Jahren teilnehmen können, stattfindet, ist noch unklar. Die Frage, wird lauten: „Sollen weitere 100 ha Wald (im Landschaftsschutzgebiet) in der Gemarkung Grünheide (Bebauungsplan Nr. 60) in eine Industriefläche umgewandelt werden, die für Logistik, Lagerhaltung und soziale Gebäude genutzt wird?“ Die Grünheider können darauf mit Ja oder Nein antworten. Das Votum ist nicht rechtlich bindend.
Die letzte Entscheidung zu den Erweiterungsplänen obliegt der Gemeindevertretung. Einige Mitglieder haben aber angekündigt, dem Willen der Einwohner zu folgen.
Termine der Tesla-“Roadshow“ und Bürgersprechstunden
Die Tesla-Werbeveranstaltung wird am 3. Januar von 10 bis 14 Uhr auf dem Hauptplatz Hangelsberg (Huttenstraße 18) sowie am 4. Januar von 10 bis 14 Uhr in Mönchwinkel (Neue Spreeauer Str. 4B) und von 14 bis 17 Uhr in Kienbaum (Neue Dorfstraße 30a) fortgesetzt. Zum Abschluss am 5. Januar geht es von 10 bis 14 Uhr zum Dorfplatzbrunnen in Kagel (Gerhart-Hauptmann-Straße).
Info-Veranstaltung
Außerdem lädt Tesla am 14. Januar zu einer Info-Veranstaltung ein. Dabei gehe es um „Informationen zu allen Themen rund um die Entwicklung der Gigafactory“. Die Veranstaltung soll von 10 bis 16 Uhr direkt in der Lobby der Fabrik stattfinden (Teslastraße 1).
Bürgersprechstunden
Das Unternehmen bietet zusätzlich immer donnerstags von 15:30 bis 17.30 Uhr eine Bürgersprechstunde an. Erstmals startet diese am 4. Januar und ist als fortlaufender Termin im Grünheider Veranstaltungskalender bis Ende Juli 2023 abgekündigt. Interessierte können dann in der Lobby der Gigafactory (im Hauptgebäude der Gigafactory Berlin-Brandenburg, Teslastr. 1, 15537 Grünheide (Mark)) Fragen rundum die Planung und den Betrieb der Gigafactory stellen und sich mit Mitarbeitern austauschen.





