„Die, die nichts mehr haben, selbst in einer Notunterkunft untergekommen sind, haben ihr Letztes gegeben, um uns Helfer zu versorgen.“ Der Gedanke daran lässt die Stimme des gestandenen Feuerwehrmanns stocken. Norman Elsner, Gemeindebrandmeister von Grünheide, ringt zuweilen um Fassung, wenn er vom Einsatz in Kreuzberg (Ahrtal) und dem Quartier in Ahrbrück erzählt. Tausende Häuser seien in dem sich über 50 Kilometer hinziehenden Flutgebiet zerstört worden, das seien tausende Menschen, denen alles genommen wurde.
Bild der Verwüstung in Kreuzberg (Ahrtal): Die Feuerwache hat der Wucht der reißenden Fluten nicht standgehalten.
Bild der Verwüstung in Kreuzberg (Ahrtal): Die Feuerwache hat der Wucht der reißenden Fluten nicht standgehalten.
© Foto: Jan Wischnewski
„Die Bilder können das gesamte Ausmaß gar nicht widerspiegeln“, sagt der 42-Jährige. „Keiner von uns hat ähnliche Dinge jemals gesehen. Und manch Einsatzkraft hat den Anblick, das Erlebten nicht ertragen.“ Der Kageler hofft, so etwas nie wieder sehen zu müssen. Er hofft, dass die Bilder wieder aus dem Kopf verschwinden, ihn nachts wieder besser schlafen lassen. „Wir können die Einsatznachsorge nutzen. Wir müssen auf uns aufpassen, beobachten, was der Einsatz mit uns gemacht hat.“

Nachtlager in riesiger Zeltstadt auf dem Nürburgring

Der erste Tross aus Oder-Spree und Märkisch-Oderland war früh morgens am 5. August gen Rheinland-Pfalz gestartet. Der zweite folgte am 11. August. Da war auch Norman Elsner dabei – und mit ihm drei weitere Grünheider Feuerwehrmänner sowie Kollegen aus Bad Freienwalde. Sie zogen für die erste Nacht ins, mit 2500 Leuten belegte Zeltlager auf dem Nürburgring – untergebracht im Zehn-Mann-Zelt, mit der Klamottentasche unterm Feldbett, ohne Schrank und Stuhl, die Sanitärcontainer einen gefühlten Kilometer entfernt.

Spendenaktion der MOZ

Die Spendenaktion „Wir helfen“, zu der die Märkische Oderzeitung und die Lausitzer Rundschau in Kooperation mit dem Landkreis Märkisch-Oderland aufrufen, nimmt Spenden auf folgendem Konto des Landkreises Märkisch-Oderland entgegen:
IBAN: DE39 1705 4040 0020 0662 95, Stichwort: Spenden Hochwasserhilfe 2021

Der erste Einsatz und gleich ein Umzug

Der erste Einsatz wartete Tags darauf eine knappe Stunde vom Quartier entfernt in Rech. „Schon bald hieß es, dass wir dort nicht bleiben werden, in Kreuzberg gebraucht und in Ahrbrück in einer Turnhalle untergebracht werden.“ Da fuhren die Bad Freienwalder zurück zum Zeltlager, packten alles, was sie fanden ein und organisierten so den Umzug. „Es ist tatsächlich alles mitgekommen, sie haben nichts vergessen“, schmunzelt Elsner.

Feldbett an Feldbett geschlafen

Die neue Unterkunft, eine Schulturnhalle, war fortan das Nachtlager für sie und insgesamt 150 Einsatzkräfte. Am Morgen drauf, die erste Überraschung: Die im benachbarten Unterrichtsgebäude untergebrachten Flutopfer sorgten – wie für alle anderen Helfer schon die Tage davor – für das Frühstück. „Es gab ein Buffet mit Kaffee, Obst, Gemüse, belegten Brötchen. Es war im Schulflur aufgebaut. Herzzerreißend.“
Feldbett an Feldbett: Die Einsatzkräfte waren in Ahrbrück in einer Schulturnhalle untergebracht.
Feldbett an Feldbett: Die Einsatzkräfte waren in Ahrbrück in einer Schulturnhalle untergebracht.
© Foto: Jan Wischnewski

Den Helfer wurde kräftezehrende Schwerstarbeit abverlangt

Ihre täglich zehn- bis zwölf-stündigen Einsätze absolvierten die Grünheider in Kreuzberg. „Da war vor allem Muskelkraft gefragt.“ Elsner erzählt, dass das nicht fortgespülte Hab und Gut, all der Sperrmüll schon verschwunden war. Sie haben vor allem Heizungen und deren Öltanks aus den Häusern regelrecht herausoperiert. „Sie waren so in die Keller verpflanzt, dass sie weder durch ein Fenster noch durch einen Aufgang nach draußen bugsiert werden konnten.“ Also wurden die Anlagen mit dem hydraulischem Rettungsgerät, das sonst vor allem bei Unfällen zum Einsatz kommt, in Kleinteile zerlegt. „Wir brauchten selbst das Plasmaschneidgerät und mussten unter Atemschutz arbeiten.“ Manchmal haben die einstigen Bewohner selbst mit angepackt, ganz oft aber waren es wildfremde Freiwillige, die zur Unterstützung ebenso wie die Einsatzkräfte ins Katastrophengebiet gekommen waren.
Schwerstarbeit: In den Häusern in Kreuzberg (Ahrtal) musste der Putz von den Wänden geschlagen werden.
Schwerstarbeit: In den Häusern in Kreuzberg (Ahrtal) musste der Putz von den Wänden geschlagen werden.
© Foto: Jan Wischnewski

Immer wieder war mentale Hilfe gefragt

Mit vereinten Kräften wurde Schlamm und Schlacke aus den Kellern geholt, der Putz von den Wänden geklopft. Bei all der Zerstörung, all der Schwerstarbeit habe es aber auch immer wieder leise Momente gegeben, die vom menschlichen Miteinander getragen waren. „Wir haben ebenso mental geholfen, mit unserer Anwesenheit, unserer Hilfe und auch, wenn wir Verzweifelte einfach mal in den Arm genommen haben“, erzählt Elsner.

Brachiale Gewalt des Wassers hat krasse Spuren hinterlassen

Spuren hat bei ihm auch der Kontakt zu den Feuerwehrleuten in Rech hinterlassen, deren Gerätehaus von den Fluten teilweise mitgerissen wurde und, nicht mehr nutzbar ist. 14 Meter betrug hier der Wasserstand, Treibgut auf dem Dach liefert den Beweis, tiefe Kratzer im Gemäuer stammen von mitgerissenen Treibgut. „Wir haben Steckleiterteile da gelassen und ein paar Leinen. Die Wehr hat ja nichts mehr, alles wurde weggerissen.“ Die Ahrtaler Kollegen hätten sich bewundernd über die leistungsstarke Ausstattung der brandenburgischen Feuerwehren geäußert, über das Prinzip und die Unterstützung der Stützpunktfeuerwehren. „All die Menschen waren überglücklich, dass ihnen von uns geholfen wurde.“
Nette Geste: Die Kreuzberger haben sich bei den Einsatzkräften – hier die Grünheider und Bad Freienwalder Feuerwehrleute – zum Feierabend auch mal mit einem Kasten Bier bedankt.
Nette Geste: Die Kreuzberger haben sich bei den Einsatzkräften – hier die Grünheider und Bad Freienwalder Feuerwehrleute – zum Feierabend auch mal mit einem Kasten Bier bedankt.
© Foto: Stephan Werner

Aufräumarbeit hätte es noch viel länger gegeben

Am 16. August ging es zurück in die Heimat. „Wir hätten locker noch vier Wochen zu tun gehabt“, sagt Elsner. Jedoch war die angeforderte Hilfeleistung durch Rheinland-Pfalz nicht verlängert worden. „Nach uns blieben noch das Technische Hilfswerk und die Bundeswehr vor Ort.“ Auch wenn es gute Momente, wie das Zusammenspiel in der überkreislichen Einsatzgruppe, die unmittelbare Solidarität, Hilfebereitschaft und Dankbarkeit gab, hofft Norman Elsner nicht mehr zu solch einem Einsatz ausrücken zu müssen.
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