Spenden für Ahrtal: Führungen durch Spionage-Bunker in Gosen helfen Hochwasser-Opfern
Normalerweise beginnen die Führungen durch den unterirdischen Spionage-Bunker in Gosen nicht mit Katastrophenbildern. Denn trotz aller Bespitzelungen, Machtdemonstrationen und atomaren Bedrohungen zwischen Ost und West ist der Kalte Krieg nie „heiß“ geworden. Doch die Fotos, die Jörg Diester vom Verein „Bunker Dokumentationsstätten“ den Besuchern am 24. und 25. Juli an die Wände des Schutzbaus gepinnt hat, sehen apokalyptisch aus.
Vier Menschen kamen ums Leben
Die Wassermassen hatten vergangene Woche in dem 100-Seelen-Ort Marienthal Menschen, Tiere, Häuser und Autos mitgerissen. Berge aus Schutt türmen sich auf, Bahngleise sind aus ihrer Verankerung gebrochen, schwere Geländewagen stehen verbeult und aufs Dach gedreht am Straßenrand. „Vier Menschen starben“, erklärt Jörg Diester noch sichtlich angefasst.
Spendenaktion
Für die Spenden aus Brandenburg wurde ein Konto eingerichtet: Landkreis Märkisch-Oderland, IBAN: DE39 1705 4040 0020 0662 95, Stichwort: Spenden Hochwasserhilfe 2021
Familie steht vor dem Nichts
Ein Schicksal liegt dem Westerwalder besonders am Herzen: das der Familie Schäfer, deren zerstörtes Haus ebenfalls auf einem der Bilder zu sehen ist. Die vierköpfige Familie mit zwei Kleinkindern, elf Monate und drei Jahre alt, ist in der Katastrophennacht aus ihrem Haus geflohen, über das Dach, denn andere Wege seien bereits versperrt gewesen. Ein Balanceakt, denn unter ihnen hatten sich die Wassermassen in einen reißenden Strom verwandelt – „mit Geschwindigkeiten von 30 bis 40 Stundenkilometern“, wie ein im Katastrophenschutz Aktiver Jörg Diester berichtet hat. „Wäre man dort hineingefallen, hätte es keinen Halt mehr gegeben“, ist er sich sicher.
Direkte Hilfe über den Heimatverein
Nach der Flut setzte bei den Schäfers das Trauma ein. „Selbst der Kleine mit seinen elf Monaten wacht nachts auf und schreit“, berichtet Diester. Weil die „Bunker-Dokumentationsstätten“ ihren Sitz in dem einst so idyllisch gelegenen Marienthal an der Ahr haben, ist es Diester und seinen Mitstreitern wichtig, direkte Hilfe zu leisten. So sammelte er bei den Führungen durch den Spionage-Bunker Geld für die Schäfers, die vor dem Nichts stehen. Wer wollte, konnte der Familie auch etwas in ein ausgelegtes Buch schreiben, das ihnen übergeben werden soll. „Über den Heimatverein Alt-Ahrweiler, der seinen Sitz in Ahrweiler hat, also unmittelbar betroffen ist, kann ebenfalls direkt gespendet werden. Er ist Träger der ,Dokumentationsstätte Regierungsbunker’ und kann auch eine koordinierte Hilfe vor Ort sicherstellen“, sagt Jörg Diester, der in der Handwerkskammer Koblenz arbeitet und derzeit Betriebe und Werkstätten im Katastrophengebiet berät. „Die Solidarität unter den Handwerkern ist riesig. Da bringt schon einmal jemand einen Bagger mit und packt einfach mit an“, hat er beobachtet.
Sachspenden treffen den Bedarf nicht
Von Sachspenden rät Diester allerdings ab. „Wir hatten in Marienthal plötzlich Massen an Toilettenpapier, aber kein Klo funktionierte mehr. Auch Hunde- und Katzenfutter wurde geliefert, aber die Tiere sind gar nicht mehr da, weil sie entweder gerettet oder verschwunden sind“, schildert er.
Der Bunkerexperte hatte symbolisch etwas aus dem Flutgebiet nach Brandenburg mitgebracht – ein Fahrrad, dem der Schlamm noch anhaftete. Ein Bunker-Enthusiast wie Diester hatte es aufgehoben, nun wäre es im Sperrmüll gelandet. Mit dem Rad fuhren die Mitarbeiter zu Zeiten des Kalten Krieges zeitsparend im Schutzbau umher.
Schutz für die Spitze der DDR-Auslandsspionage
Allerdings nicht in Gosen, wo die Raumverhältnisse doch etwas beengt waren, wie die Besucher bei den Besichtigungen bemerkten. Der Bunker in Nähe des Seddiner Sees wurde von 1981 bis 1984 als geschützte Ausweichführungsstelle für die Spitze der DDR-Auslandsspionage um ihren damaligen Chef Markus Wolf gebaut.

Was gibt es heute zu Mittag? – In der Bunkerküche von Gosen wären es nur Tütensuppen und Dosenmahlzeiten gewesen.
Claudia Braun„135 Menschen hätten hier sechs bis acht Tage geschützt arbeiten können“, erklärt Diester – und auf jeglichen Komfort verzichten müssen. Warum der Stasi-Bunker „von der Stange“ war, wie „der Mann ohne Gesicht“ enttarnt wurde, wie die Technik in der Unterwelt funktionierte und welche Pläne es für Gosen noch gab: Jörg Diester weiß allerhand aus den Geheimdiensten zu berichten.
Die kommenden Führungen finden an den Wochenenden 25./26. September, 30./31. Oktober sowie 27./28. November statt. Anmeldungen sind vorab erforderlich.

Komfort sieht anders aus: Die spartanischen Waschräume, in denen im Ernstfall über hundert Menschen ihrer Körperpflege nachgekommen wären.
Claudia Braun2019 hatten die „Bunker-Dokumentationsstätten“ aus Marienthal an der Ahr den geschichtsträchtigen Ort der DDR-Auslandsspionage in Gosen als Museum übernommen, saniert, eingerichtet und mit museumspädagogischen Inhalten versehen. Es war der siebente Atomschutzbunker, der als Dokumentationsstätte öffnete – darunter auch der Regierungsbunker bei Marienthal im Ahrtal, deren Bewohner jetzt vollends mit der Beseitigung der Flutwasserschäden beschäftigt sind.

„Die gute Stube“ im Bunker: Hier wäre DDR-Spionage-Chef Markus Wolf untergebracht worden.
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