Es hat eine Weile gebraucht, bis man sich in Frankfurt auf ein Zeichen verständigt hatte – nun zeigt sich die Stadt in einem offenen Brief solidarisch mit den friedlich gegen die Fälschung der Präsidentschaftswahlergebnisse am 9. August und für ihre demokratischen Rechte demonstrierenden Menschen in Belarus. Die Botschaft gilt vor allem Bürgern der Partnerstadt Wizebsk, wie sie im belarusischen heißt. Vielen Frankfurtern ist sie unter dem russischen Namen Witebsk geläufig.

„Wir hoffen, Ihr findet Euren eigenen Weg Euer Land zu gestalten“

Nach einer Fotoausstellung und einer Podiumsdiskussion im Oktober zum 30-jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft mit Wizebsk sei dies ein weiteres Zeichen der Solidarität und Freundschaft mit der Partnerstadt, schreibt die Pressestelles des Rathauses in einer Mitteilung. In dem Brief nach Wizebsk liest man: „Wir sind voller Bewunderung für Euren Mut und Euer Engagement. Zugleich machen wir uns Sorgen, dass die Lage in Eurem Land und Eurer Stadt eskalieren könnte. Denn wir sehen auch, dass Polizei und Militär gegen friedliche Demonstranten Gewalt anwenden.“
Weiter heißt es: „Obwohl wir wissen, dass sich die Situation in Frankfurt (Oder) 1989 mit Eurer im Jahr 2020 nicht vergleichen lässt, denken wir an 1989 zurück und fühlen uns mit Euch besonders verbunden.“
Der Brief endet mit den Worten: „Wir möchten, dass Ihr wisst, dass es in unserer Stadt viele Menschen gibt, die die Entwicklung in Eurer Stadt und in Eurem Land sehr aufmerksam verfolgen und mit Euch gerade jetzt in Kontakt bleiben wollen. Ihr könnt auch weiterhin auf uns zählen. Wir hoffen sehr, dass es Euch gelingt, auf friedliche Weise Euren eigenen Weg zu finden, Euer Land zu gestalten.“

Mitte November protestierten in Wizebsk 150 Menschen, jetzt mehr Einzelaktionen

Unterschrieben haben Oberbürgermeister René Wilke, der Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung Wolfgang Neumann, die Dezernentin für Kultur, Bildung, Sport, Bürgerbeteiligung und Europa Milena Manns sowie der Vorsitzende des Arbeitskreises Wizebsk Klaus Baldauf. In Wizebsk ging der Brief am Donnerstag an den Bürgermeister Wadim Saryanikin, der bislang Lukaschenko unterstützt, während seine Söhne protestierten und sogar festgenommen wurden. Auch das Büro für Internationales der Stadtverwaltung erhielt den Brief, sagt Sören Bollmann, Referent für Internationales im Frankfurter Rathaus. Auch an die Botschaft der Republik Belarus in Berlin ist das Schreiben adressiert.
Klaus Baldauf verbreitet ihn über die Kontakte des von ihm koordinierten Frankfurter Arbeitskreises Wizebsk und in den Sozialen Medien. Zu ähnlichen Aktionen haben sich bislang offenbar kaum Akteure deutsch-belarusischer Städtepartnerschaften durchgerungen.
In Wizebsk gibt es jetzt eher Einzelaktionen statt Protestmärsche. Wizebskern, die an Protesten gegen Lukaschenko teilnahmen und sich der Miliz widersetzten, werden derzeit verurteilt, das übliche Strafmaß: 1,5 bis 2,5 Jahre Gefängnis. Demonstriert wird dennoch, zuletzt kamen am 15. November rund 150 Menschen zusammen.