Bis vor Kurzem waren der Name Wędrzyn und das seit Anfang September eingerichtete Flüchtlingslager auf einem Truppenübungsplatz 50 Kilometer östlich von Frankfurt (Oder) nur wenigen Menschen in Polen ein Begriff. Ende November überschlugen sich plötzlich die Schlagzeilen: „Meuterei in Flüchtlingseinrichtung“ und „Aufstand der Ausländer in Wędrzyn“ titelten polnische Medien.

„Freedom“ riefen einige Geflüchtete

Am Abend des 25. November war die Situation in dem Lager eskaliert. Von „sehr aggressivem Verhalten“ von Insassen sprach der polnische Grenzschutz, der Videoschnipsel veröffentlichte, in denen einige Personen versuchen, Stühle auf Überwachungskameras zu werfen oder Rasierschaum in die Linse sprühen. Auch zerschlagene Fenster sind zu sehen. Bilder zeigen Reihen von Soldaten in voller Montur, die einigen Männern in Turnschuhen gegenüberstehen. In einer Aufnahme treten zwei Bewohner gegen einen Zaun. Da Journalisten keinen Zutritt zur Unterkunft haben, bestimmten die suggestiv zusammengeschnittenen Aufnahmen des Grenzschutzes das Bild.

500 Beamte wurden zusammengezogen, um den Aufstand zu befrieden

Geflüchtete hatten zunächst „Freedom, freedom!“ skandiert. 500 Beamte von Polizei und Grenzschutz aus der gesamtem Wojewodschaft Lubuskie wurden an dem Abend zusammengezogen – fast so viele wie Insassen. Die Situation sei unter Kontrolle, gab der Grenzschutz sogleich zu dem Vorfall bekannt. Niemand habe flüchten können. Die zehn aggressivsten Männer habe man ausgesondert und in eine andere Unterkunft verbracht, hieß es.
Andere Berichte besagen jedoch, die Beamten hätte die Menschen mit Tränengas in die Baracken gedrängt. Aus Luftnot hätten dann Menschen von innen Fensterscheiben zerschlagen. Der Grenzschutz dementierte.

Die Asylverfahren dauern länger als gesetzlich vorgesehen

600 Männer sind in den bewachten und mit Stacheldraht umzäunten Militärbaracken untergebracht – Ausländer im Asylverfahren, mit Abschiebebescheid oder mit ungeklärtem Status. Rund die Hälfte sollen Iraker sein. Dass sie die Unterkunft nicht verlassen dürfen, ist in Polen ein übliches Prozedere. Allerdings dauert die Bearbeitung der Fälle nun viel länger als gesetzlich vorgesehen.
Schon im Oktober hatte eine Delegation des polnischen Beauftragten für Menschenrechte die Unterbringung inspiziert und die Bedingungen in der temporären Flüchtlingsunterkunft in einem Bericht als „sehr schlecht“ eingestuft. Die Menschen leben auf engerem Raum als in Haftanstalten, in Schlafsälen zu je 20 bis 22 Personen. Da es sich um ein Militärgelände handelt, haben Außenstehende kaum Zutritt. Dem Słubicer Sejm-Abgeordnete Tomasz Aniśko von den Grünen gelang es Anfang November, das Lager zu besuchen.

Einen Freund in Polen besucht, in eine Polizeikontrolle geraten

Durch Vermittlung von Aniśko können wir Adel B., einen Englisch sprechenden Insassen des Lagers in Wędrzyn, am Telefon sprechen. Einfache Telefone, ohne Internet und Kamera, sind in dem Lager erlaubt, Smartphones werden den Insassen abgenommen, ebenso wie Geld. Der 43-jährige Palästinenser ist nach eigenen Angaben seit drei Monaten und einer Woche in Wędrzyn „im Gefängnis“. Und wie die meisten dort, wisse er nicht, warum und wie lange noch.
Adel B. berichtet, er habe in Deutschland gelebt, sein Schutzstatus sei aber nach fünf Jahren nicht verlängert worden. Als er einen Freund in Polen besuchte, griff ihn die polnische Polizei bei einer Routinekontrolle nahe der Grenze auf, wo nach Schleusern gefahndet wird. Er sei allein im Auto gewesen – und dennoch festgenommen worden, so Adel B. Wenige Tage später kam er nach Wędrzyn. Es gebe kaum Wechsel der Bewohner in dem Lager, sagt er. Einige Iraker wollten inzwischen freiwillig in ihr Herkunftsland zurückkehren. Doch selbst sie würden nicht entlassen.

Polizisten hätten alles verwüstet, nicht die Insassen

Zu dem „Streik“, so nennt er die Eskalation in der Unterkunft, sei es spontan gekommen. Einige Bewohner hätten wegen ausbleibender Antworten zu ihrem Status begonnen, „Freiheit“ zu rufen. Andere stimmten mit ein. Die Polizei habe mit Tränengas reagiert. Es habe auch ein Gespräch mit zwei Abgesandten von jeder der fünf Baracken gegeben, der Kommandant habe versprochen, Dinge zu verbessern, sagt Adel B. Doch es sei nur schlimmer geworden. „Sie haben uns zwar als Terroristen hingestellt“, aber es seien die Beamten gewesen, die schließlich alle Räume durchsucht und verwüstet hätten. „Hinterher war Mayonnaise in unseren Schuhen und Zucker in unseren Betten“, behauptet Adel B.
Er gibt das Telefon an seinen 21-jährigen Mitbewohner, der aus dem Jemen vor dem Krieg geflüchtet sei und der sagt, er fürchte sich vor den Schüssen, die er auf dem Militärgelände in Wędrzyn manchmal höre. Nach Polen sei er über Belarus gekommen, was ihm erst nach sechs Versuchen gelang. Er stellte in Polen einen Asylantrag und wartet seit vier Monaten in dem Gewahrsam. „Wir sind Flüchtlinge. Warum sind wir eingesperrt?“, fragt er.

Kleine Gruppe schüchtert andere Insassen ein

Die beiden Männer berichten aber auch von Aggressionen innerhalb der Insassen der Unterkunft. Eine Gruppe von fünf bis sechs Tschetschenen würde aggressiv und einschüchternd auftreten und sie würden Messer, Drogen und I-Phones besitzen. „Die drohten mir mit dem Tod. Ich hatte Angst, auf die Toilette zu gehen“, sagt Adel B. Selbst die Soldaten, die draußen vor dem Zaun die Baracken bewachten, würden sie nicht vor der aggressiven Gruppe schützen. Dass Unruhestifter verlegt worden seien nach dem Aufstand, davon habe er nichts mitbekommen.
„Bitte sagen Sie den Menschen, dass wir einfach nur hier raus wollen“, bittet Adel B. am Ende des Telefongesprächs.

Mehr öffentliche Aufmerksamkeit für das Flüchtlingslager

Seit dem Aufstand gibt es zumindest etwas mehr Aufmerksamkeit für das Flüchtlingslager auf dem Militärgelände. Der polnische Menschenrechtsbeauftragte hat eine umfassende Anfrage an den Grenzschutz zum Umgang mit der Situation gestellt. Es werden Sachspenden in Berlin und Frankfurt (Oder) gesammelt, zum Beispiel Socken, an denen es auch Adel B. fehlt. Zwei Psychologinnen vom Berliner Verein Xenion werden diese Woche mit einigen Personen in der Unterkunft sprechen.