„Ich bin froh, dass ich mit meinen Händen etwas ausprobieren kann“ oder „Das Gespräch an diesem Stand hat mir mehr gebracht, als fast alle Info-Telefonate“ – so war es jüngst auf der Lehrberufe-Schau im ÜAZ der Bauwirtschaft von mehreren Schülern zu hören. Lassen die Auswirkungen des Corona-Lockdowns langsam nach, war es dieses Jahr auf der Suche nach der passenden Ausbildung für einige Schüler schwierig.

500 unbesetzte Ausbildungsplätze

500 unbesetzte Ausbildungsplätze in Ostbrandenburg meldete die Frankfurter Agentur für Arbeit im August. „Akut sorge ich mich um den Ausbildungsmarkt. Das neue Ausbildungsjahr hat begonnen und trotzdem stehen zu viele Schulabgänger noch ohne Plan und Perspektive da“, sagte Jochem Freyer, Vorsitzender Geschäftsführer der Agentur für Arbeit. Denn während der Schulschließungen konnten keine Sprechstunden der Berufsberatung in den Schulen stattfinden.
Auch in der Arbeitsagentur waren keine persönlichen Gespräche möglich. Und das in der für die Ausbildungsplatzsuche entscheidenden Zeit im zweiten Schulhalbjahr der Abschlussklasse. „Den Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern haben wir so gut es geht telefonisch gehalten“, erklärte Clarissa Matos Bernal, Pressesprecherin der Arbeitsagentur. Trotzdem sei sie froh, dass nun wieder Jugendliche zum Gespräch eingeladen werden können. „Die Chancen sind im Moment noch da, ins laufende Ausbildungsjahr einzusteigen“, sagt die Pressesprecherin.

Schüler gehen mit ungenügender Berufsorientierung verloren

Ohne die Berufsmessen und nur über Online-Angebote die passende Ausbildung zu finden, sei auch für viele seiner Schüler schwierig gewesen, erklärt Andreas Wendt. „Doch sobald es wieder möglich war, fand im Unterricht unsere Berufsorientierung wieder statt“, sagt der Schulleiter vom Oberstufenzentrum Konrad Wachsmann.
Es gebe einige Jugendliche, die durch die unzureichende Berufsorientierung „verloren gegangen sind“ – und erstmal ohne Ausbildungsplatz da standen. Dennoch sieht der OSZ-Leiter die Mehrheit seiner Schüler gut gerüstet: „Für unsere Berufsvorbereitenden Bildungsgänge haben wir die Kapazität erhöht – und halten Plätze für Schüler vor.“

Verschiedene Praktika und Initiativbewerbungen können helfen

Genau dort haben die Schüler „geparkt“, die sonst eine Ausbildung auf Messen gefunden hätten, so mutmaßt Michael Völker von der Industrie- und Handelskammer Ostbrandenburg (IHK). „Manche scheinen sich dieses Jahr ein Übergangssystem in den Berufsorientierungsklassen geschaffen zu haben“, so der Leiter für Aus- und Weiterbildung. Andere seien in Bewerbungsschleifen hängen geblieben oder haben sich eher für den Pflege- und Gesundheitsbereich entschieden.
150 offene Ausbildungsstellen hatte die IHK-Lehrstellenbörse Ende August, 17 davon in Frankfurt (Oder). Die Börse bilde jedoch nur einen Ausschnitt der Angebote ab, sagt Völker. Denn immer noch verzeichnet die IHK 17 Prozent weniger Ausbildungsverträge, als in den Vorjahren – etwa in Hotellerie und Gastronomie, die durch die Coronakrise hart getroffen wurden.
„Probiert verschiedene Praktika aus – und bewerbt euch direkt beim Unternehmen“, ist Völkers Appell an noch orientierungslose Schüler. Denn eine Ausbildung könne eigentlich jederzeit begonnen werden.

Digitale Angebote ersetzen nicht praktisches Ausprobieren

Auch bei der Handwerkskammer (HWK) lassen sich noch bis zum 31. Oktober Lehrverträge eintragen, informiert Michael Thieme von der HWK. Dass es zurzeit nur 170 unbesetzte Ausbildungsplätze in Ostbrandenburg und fünf davon in Frankfurt (Oder) gibt, führt Thieme auf die guten Angebote zur Berufsorientierung der HWK zurück. „Ohne Corona wäre es natürlich besser gewesen“, sagt er. Digitale Angebote sieht er als keinen Ersatz für Messen und Lehrberufeschauen – „im Handwerk musst du Dinge mit den Händen ausprobieren, nicht am PC.“
Die MOZ wird in den kommenden Wochen eine Serie über Ausbildungsberufe starten, um Schülern Einblicke in verschiedene Berufsfelder zu geben.