Kreativer Corona-Protest: Staatsorchester Frankfurt (Oder) meldet Konzert als Demonstration an

Das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt (Oder) tourt derzeit in kleinen Besetzungen durch Seniorenheime und Kindertagesstätten, so wie hier das Hornquartett vor wenigen Tagen in der Caritas-Seniorenresidenz Albert Hirsch. Am Donnerstag demonstriert eine größere Gruppe des Klangkörpers mit musikalischen Mitteln für die Sichtbarkeit von Kultur in Corona-Zeiten.
BSOFDemonstrationszweck: Protest für die Sichtbarkeit von Kultur in Corona-Zeiten. Demonstrationsmittel: 20 Instrumente – Streicher, ein Bläseroktett. Und ein Dirigent. Denn für eine Demonstration darf das Orchester als größere Gruppe zusammenkommen, für eine Kulturveranstaltung nicht.
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Recht ist Interpretationssache
„Bei den Lockerungsdebatten in der Regierung momentan wird die Kultur vergessen,“ sagt Orchester-Pressesprecher Uwe Stiehler. „Aber warum ist es gefährlicher, eine Kulturveranstaltung zu besuchen als ein Restaurant?“ Die Frankfurter Behörden aber unterstützten den Wunsch des Orchesters, endlich wieder vor Publikum zu spielen – indem sie ganz pragmatisch prüften, wie man die vorhandenen juristischen Möglichkeiten für eine Genehmigung ausschöpfen könnte. Denn ähnlich wie Musik ist Recht nicht zuletzt eine Interpretationssache. Die Ämter hätten ja selbst ein Interesse daran, dass es auch während Corona Musik in der Stadt gäbe, so Stiehler. Denn die stärke das Gemeinschaftsgefühl in der Krise.
Und so wird das Staatsorchester am Donnerstag, 14. Mai gegen 12 Uhr mittags vor der Konzerthalle „demonstrieren“. Dazu werden sich 20 Musiker an der Längsseite zum Fluss hin aufstellen, die Hauswand als Resonanzkörper im Rücken. Die Musik soll ja trotz der reduzierten Besetzung bis nach Polen herüberschallen. Gemeinsam werden sie die Europahymne spielen, mit elf Streichern das besonders heitere 3. Brandenburgische Konzert von Johann Sebastian Bach, und dann werden acht Bläser Harmoniemusiken von Mozart spielen, die auch aus der Not der Beschränkung entstanden. Bei ihrer Entstehung gab es zwar kein Corona, aber oft kein Geld für ein großes Orchester. Heute sind Bläseroktette eine Seltenheit. Wegen Corona dürfen Zuschauer nicht wie bei einem normalen Konzert einfach stehen bleiben und verträumt zuhören – oder es sich gar gemeinsam auf Bänken oder Sitzkissen bequem machen. Sie müssen vorbeischlendern, sich bewegen, zur Not auch im Kreis. Denn für das Publikum gelten weiterhin Abstandsregeln – und das Verbot, an größeren Veranstaltungen teilzunehmen.
Orchester will sichtbar bleiben
Die Musik-Demo am Donnerstag ist Teil eines Gesamtkonzeptes, das Generalmusikdirektor Jörg-Peter Weigle und Orchestervorstand Stefan Große Boymann mit der Stadt ausgearbeitet haben – quasi als Ersatz eines regulären oder, wenn man so will, als Corona-Spielplan. Denn Konzerte, wie man sie vor der Corona-Pandemie kannte, sind immer noch verboten. Möglich sind nur Open-Air-Auftritte in einem Innenhof, Garten oder in einem anderen umschlossenen Raum, wo die Leute aus Fenstern oder von Balkonen aus zuhören können. Dafür jagt für die Musiker nun ein Termin den nächsten. In der ersten Maiwoche haben sie als Kammermusik-Formationen in mehreren Seniorenheimen gespielt, nun kommen noch Kindergärten dazu, zwei Auftritte täglich. Daneben helfen einige noch bei der Spargelernte auf den Feldern.
„Corona darf nicht auch noch die Erinnerung an gemeinsamen Musikgenuss auslöschen,“ sagt Sprecher Uwe Stiehler. „Deswegen muss das Orchester sichtbar bleiben in der Stadt.“
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