Weihnachtsgeschenke für Oma
: Künstlerin aus Berlin hat Krebs – und verschenkt Hoffnung

Romantisches Geschenk für Oma und Opa: Wie eine Künstlerin aus Berlin es schafft, pure Lebensfreude zu versprühen, obwohl sie selbst schwer krank ist. Berührende Geschenke für Weihnachten gibt es bei ihr.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Stavroula Papalitsa aus Berlin hat in ihren Poesie-Album-Kunstkalender viele Wochen Handarbeit gesteckt.

Maria Neuendorff

Stavroula Papalitsa lebt in Berlin. Sie hat Krebs. Und sie ist Künstlerin. In 600 Stunden Handarbeit hat sie ein außergewöhnliches Kunstwerk geschaffen. Das soll zu Weihnachten und im nächsten Jahr möglichst vielen Menschen Hoffnung und Freude schenken.

„Ein Tag, der ohne Lachen war, bringt leicht die Schönheit in Gefahr. Er macht dir Falten ins Gesicht, drum lache viel, vergiss das nicht“, lautet ein Spruch, der früher in Poesie-Alben geschrieben wurde. Nun prangt er auf dem Kalender-Blatt des neuen „Poesie-Album-Kalenders 2024“.

Omas erhalten meist Gehhilfen oder Pralinen

Stavroula Papalitsas Zielgruppe sind vor allem die Menschen, die schon ein paar Falten haben. „50-plus aufwärts“, sagt sie. „Gerade für die Omas gibt es kaum romantische Geschenke. Sie bekommen meistens Gehhilfen oder Pralinen, aber sie werden selten als Mädchen beschenkt“, glaubt die Künstlerin. Sie selbst ist 56 Jahre alt, leidet an Krebs, wirkt aber wie eine junge Frau, wenn sie strahlend erzählt, wie sie die Glitzermotive für den Kalender fertigt, mit dem sie wiederum gerade die ältere Kundschaft an die eigene Kindheit erinnern will.

Eigene Collagen aus alten Abziehbildchen

Dazu hat sie in ihrem Wohnzimmer eine Art Atelier mit Pinsel und Schälchen voller Glitzerfarben eingerichtet und zig Bögen mit Abziehbildchen mit Motiven aus den 1930er-Jahren, die heute noch gesammelt werden, ausgeschnitten. Engel, Pferdchen, Hunde, Blumen, Fächer und Schmetterlinge hat sie zu eigenen Collagen zusammengesetzt und mit Glitzerstaub versehen. „Ich kann mich selbst noch erinnern, wie ich als Kind von meinem wenigen Taschengeld Glitzerbildchen gekauft habe. Die klebte man dann nur den besten Freundinnen ins Poesie-Album.“

Stavroula Papalitsa hat erneut Lebensweisheiten gesammelt, sie mit eigenen Collagen in Szene gesetzt und ihren zweiten Kalender herausgebracht.

Maria Neuendorff

Die Liebe zu weisen Sprüchen entbrannte aber schon im Alter von sechs Jahren, als sie, das Kind griechischer Gastarbeiter, das kein Wort Deutsch konnte, sich plötzlich auf einem Bauernhof in Nordrhein-Westfalen wiederfand. „Dort wuchs ich in den 70er-Jahren mit allem auf, was in Deutschland ,in‘ war: Gartenzwerge mit Springbrunnen im Garten, Heintje-Musik, Lichtergirlanden im Hof, Karneval, der Keller voll mit eingewecktem Obst und Gemüse, Krippe mit echtem Moos im Wohnzimmer“, erzählt die Künstlerin.

Während ihre Eltern Doppelschichten am Fließband in der Fabrik schoben, übten ihre deutschen Zieh-Großeltern, mit der Stavis Familie auf dem Bauernhof zusammenlebte, mit dem Gastarbeiterkind die deutsche Sprache. „Sie hatten im Innenhof eine Wand voll mit Spruchtäfelchen. Ich las sie, und Opa Jakob korrigierte mich strahlend dabei.“

Doch weil viele der alten Reime und Redewendungen eher ermahnend und religiös sind und nicht mehr so in die heutige Zeit passen, hat die Künstlerin für ihren Kalender mehr als 1000 Poesie-Sprüche durchforstet. „Ich wollte für den Kalender nur welche nehmen, die positiv formuliert sind und schöne Gefühle wecken.“

Der Arzt gab ihr noch drei Monate

Denn wie wichtig es ist, positiv zu denken, hat sie immer wieder selbst erfahren. Stavroula Papalitsa war Chefin von drei Modeboutiquen in Berlin mit ihren eigenen Markenprodukten, als man in ihrem Gesicht einen bösartigen Tumor entdeckte. Der Arzt gab ihr, ohne Operation, noch drei Monate zu leben. Sie entschied sich trotzdem dagegen, sich einen Großteil des Gesichts „wegfräsen zu lassen“, wie sie es ausdrückt. Entstellt zu werden und jahrelange Krankenhausaufenthalte zur Rekonstruktion ertragen zu müssen, waren für die attraktive Frau, die sich gerne so aufwändig schminkt, als wäre sie selbst ein Kunstwerk, keine Option.

Das alles ist nun rund sieben Jahre her. Sie muss Tag und Nacht starke Schmerzmittel schlucken, es fällt ihr schwer zu lächeln, weil das Gesicht geschwollen ist. Doch ihr Lachen kommt von innen und dringt durch die großen Augen direkt in ihr Gegenüber. Dazu hat sie ganz nach rheinländischer Art immer und für jeden einen aufmunternden Spruch parat. „Ich kann gar nicht glauben, dass Sie im Sterben liegen“, habe deshalb die Apothekerin schon zu ihr gesagt.

Das tut sie auch nicht. Sie geht einfach Tag für Tag weiter aufrecht durchs Leben. „Viele Menschen zerbrechen nicht an der Krankheit, sondern an ihrem Leid“, glaubt die Überlebenskünstlerin.

Auch bei ihr habe die Diagnose eine Art Trauma ausgelöst, gesteht sie. Alleine schon, weil sie für andere keine Verantwortung mehr tragen konnte, musste sie die Läden schließen, 16 Mitarbeiter entlassen. Sie holte mehrere medizinische Meinungen ein, aber niemand gab ihr mehr als ein bis zwei Jahre. Manche Freunde konnten ihre Entscheidung gegen eine Operation nicht verstehen. Zu anderen habe sie von sich aus auf Abstand gehen müssen, berichtet Stavi. „Ständige Mitleidsbekundungen und gedämpfte Stimme am Krankenbett ziehen mich nur noch mehr runter“, erklärt die Frau mit den dunklen vollen Haaren.

Motiviert durch die Reaktionen nach ihrem ersten Kalender-Druck hat Stavroula Papalitsa nun auch Postkarten im Sinne der Poesiealben entworfen.

Maria Neuendorff

„Du solltest dich nur noch mit Menschen umgeben, die dich wohlwollend auf deinem Weg begleiten“, lautet deshalb ein Tipp, den sie anderen gibt, die ebenfalls schwere Schicksalsschläge meistern müssen. Inzwischen ist sie selbst Mental-Trainerin für Menschen in akuten Krisen. Unter anderem rät sie Betroffenen, sich eine Beschäftigung zu suchen, „die einem leidenschaftlich Spaß macht und in der man versinken und alles um sich herum vergessen kann.“

Die Künstlerin hat Glitzerfarben für die Bilder in ihrem Poesie-Album-Kalender selbergemischt und mit Abziehbildchen, deren Design aus den 1930er-Jahre stammt, kombiniert.

Maria Neuendorff

Das ist für Stavi die Collagenkunst an dem Kalender. „Ich habe genau 983 Glanzbilder zurechtgeschnitten, circa 20 Glitzerfarben selber gemischt“, berichtet sie stolz. So sind ganz eigene Bildwelten entstanden, die auch nach dem Druck der Kalender wirken, als hätten sie mehrere Ebenen. Jedes Kalenderblatt erzählt seine eigene Geschichte, die zur Stimmung des jeweiligen Monats passt.

Schon der erste Kalender vor einem Jahr wurde so ein Erfolg, dass sie nun nicht nur eine neue Ausgabe für 2024 kreieren konnte, sondern in diesem Winter auch eigens designte Grußkarten mit echtem Glitzer verkauft. Poesie zum Versenden, quasi.

Doch Stavi, die nach ihrem Design-Studium in Florenz nach Berlin kam, hat noch viele Träume. Nach ihrer ersten Kalender-Veröffentlichung bekam sie neben Dankesmails auch Poesie-Alben zugeschickt. „Ich nehme das jetzt als Anstoß, die Alben zu sammeln und eines Tages der Welt als Kulturgut zu präsentieren“. Dazu hat sie die „Initiative Poesieromantik“ gegründet und will Märchenstunden für Kinder mit Migrationshintergrund organisieren. „Ich möchte Grimms Märchen vorlesen. Deutsche Märchen, die diese Kinder vielleicht noch nie gehört haben, aber vielleicht aus Disney-Verfilmungen kennen. Sie sollen wissen, dass diese Geschichten aus ihrer deutschen Heimat stammen.“

Ehrenamtlich in Hospiz und Schule

Für eine Zusammenarbeit klappert sie gerade Schulen ab. Ehrenamtlich engagiert sie sich schon länger als Mentorin für Kinder, Jugendliche und junge Frauen mit Migrationshintergrund, hilft bei Bewerbungen oder dabei, sich aus patriarchalischen Strukturen von Parallelgesellschaften zu befreien. Dazu besucht sie Hospize und hilft Sterbenskranken, mit Klebstift und Glanzbildern eigene Collagen zu fertigen, die dann auf dem Nachttisch neben dem Krankenbett stehen.

„Trockne Tränen und schenke Lachen – glücklich sein, heißt glücklich machen“, heißt es denn auch auf dem Kalenderblatt im Monat Oktober, das Stavi mit saftigem, goldglänzendem Obst verziert hat. Das Still-Leben symbolisiert die ganze Fülle des Lebens, die da ist, egal wie lange es dauert.

So kann man bestellen

Der Kunst-Kalender in limmitierter Auflage umfasst 15 gestaltete Seiten mit Pappdeckel und Spiralbindung im DIN-A4-Hochformat und ist online für 20 Euro inklusive Versand unter poesieromantik.de erhältlich. Im Shop gib es auch die Postkarten im Farbdruck mit Glitzerfolie als Dreier-Set für 10 Euro.

Auf der Webseite gibt es auch Videos, bei der die Künstlerin bei ihrer Arbeit zu sehen ist.