Kino in Fürstenwalde
: Trauma durch Glaube – Film „Gotteskinder“ mit wahrem Kern

Im Kino Union in Fürstenwalde läuft das Familiendrama „Gotteskinder“: Eine Aussteigerin berichtet über das Familienleben im Zwang einer Glaubensgemeinschaft.
Von
Angela Boll
Fürstenwalde
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Läuft in Fürstenwalde im Kino: Der Film "Gotteskinder" erzählt die Geschichte der Geschwister, die in einer evangelikalen Freikirche aufwachsen. Auch Dottie Richter wurde in eine streng religiöse Gemeinschaft geboren.

Läuft in Fürstenwalde im Kino: Der Film „Gotteskinder“ schildert die Geschichte von Hannah (r.), die in einer evangelikalen Freikirche aufwächst. Wie sich das anfühlt, kann Dottie Richter nachempfinden. Sie erzählt ihre Geschichte auf MOZ.de.

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  • Der Film "Gotteskinder" läuft im Union Kino Fürstenwalde, basierend auf wahren Erlebnissen.
  • Regisseurin Frauke Lodders recherchierte jahrelang, besuchte inkognito freikirchliche Events.
  • Dottie Richter, eine Aussteigerin, erlebte Ähnliches und teilt ihre Geschichte auf MOZ.de.
  • Film zeigt die Unterdrückung von Sexualität und strenge Glaubensregeln.
  • Richter litt unter Gewalt, fand durch Therapie zur Freiheit und ist nun Künstlerin.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Der Kampf, den Timo auf der Leinwand führt, ist für den Zuschauenden kaum zu ertragen. Der Junge steckt in der Pubertät, er fühlt seine aufkommende Lust, das Gespür für Anziehung und Sexualität erwacht. Gleichzeitig muss er dagegen halten, alles unterdrücken. Denn Timo wächst in einer freikirchlichen Gemeinde auf. Sex vor der Ehe gilt als Sünde und Homosexualität als teuflisch.

Timo in seiner Verzweiflung zu beobachten, seinen Konflikt aushalten zu müssen, das ist kein leichter Stoff. „Gotteskinder“, heißt der Film, der ab Donnerstag, 27. Februar, im Union Kino in Fürstenwalde läuft. Ein erfundenes Familiendrama, dessen Inhalt man sich auch in einer abgemilderten Form kaum im Deutschland der heutigen Zeit vorstellen kann.

Regisseurin erzählt: lange Recherche für Film „Gotteskinder“

So ging es auch Regisseurin und Drehbuchautorin Frauke Lodders. Viele Jahre ist her, dass sie sich auf Youtube eine Doku über eine amerikanische Freikirche anschaute. Es sei ihr schnell klar gewesen, dass sie zu diesem Thema einen Film machen will, aber nicht, dass sie für die Recherche in Deutschland bleiben kann. Ein Aussteiger, eine Journalistin und immer mehr Menschen, die sie vor allem über Social-Media-Kanäle kennenlernte, machten ihr klar: Solche Holy-Spirit-Nights, solche dogmatischen Glaubensgemeinschaften wie in der USA-Doku, das gibt es auch hier.

Regisseurin Frau Lodders hat jahrelang für ihren Film "Gotteskinder" recherchiert. jetzt läuft das Familiendrama in Filmtheater Union in Fürstenwalde.

Regisseurin Frauke Lodders hat jahrelang für ihren Film "Gotteskinder" recherchiert. jetzt läuft das Familiendrama in Filmtheater Union in Fürstenwalde.

Fabian Schmalenbach

Lodders bedauert, dass sie trotz intensiver Recherche über viele Jahre keine verlässlichen Zahlen vorlegen könne. Etwa 1,5 Millionen Menschen hätten sich im Jahr 2018, als sie mit der Arbeit zu dem Film begann, einer Freikirche zugehörig gefühlt, heute müssten es deutlich mehr sein, ist sie sich sicher.

Regisseurin nahm inkognito an Holy-Spirit-Nights teil

Die Filmemacherin tauchte tief in die Szene ein, besuchte als Person mit erfundenem Namen und ausgedachter Biografie verschiedene freikirchliche Veranstaltungen, Holy-Spirit-Nights und sie nahm auch an sogenannten Konversionstherapien teil, die der Austreibung „falscher Fantasien“ dienen sollen. „Die Sätze, die ich dort gehört habe, habe ich zum Teil eins zu eins in den Film übernommen“, so Lodders.

Dottie Richter kann Szenen aus dem Film nahezu mitsprechen. Sie wohnt in Ost-Berlin, ist heute 58 Jahre alt. Und sie hat vieles genauso erlebt, wie es in „Gotteskinder“ dargestellt wird. Im Film hat Timo eine ältere Schwester, eine, die sich voll und ganz den Glaubensgrundsätzen unterwirft, die zunächst kein bisschen an den Dogmen der Glaubensgemeinschaft zweifelt, in die sie hineingeboren wurde. So wie Dottie.

Sie wächst im Osten in einer „landeskirchlichen Gemeinschaft der evangelischen Kirche“ (nicht zu verwechseln mit der evangelischen Landeskirche) auf, in Familienverhältnissen, die denen im Film sehr ähneln: „Mein Vater war ein Prediger, die ganze Familie war ihm unterworfen. Und wir Kinder sollten Vorbild sein für die anderen in der Gemeinde“, sagt Dottie Richter.

Sex vor der Ehe ist verboten — das Leben auf den Tod ausgerichtet

Der Alltag habe sich an pietistischen Grundsätzen orientiert, das weiß sie heute. Das bedeutet: absolute Bibeltreue, Fleiß und Gehorsam. Wie in „Gotteskinder“ ist auch in Dotties Jugend Sex vor der Ehe verboten, jegliche Begierde muss unterdrückt und verschwiegen werden. Niemand stellt infrage, dass das Mädchen später mal jemanden aus der Glaubensgemeinschaft heiraten wird.

Leben in einer Glaubensgemeinschaft: Dottie Richter im Teenager-Alter.

Aufgewachsen in einer Glaubensgemeinschaft: Dottie Richter im Teenager-Alter.

Alfred Scherlies

Kontakt zu „weltlichen Menschen“ sollte nur zum Zweck der Missionierung aufgenommen werden, so schildert es die 58-Jährige. Schon als Kleinkind habe sie gewusst, dass sie ihr Leben Gott widmen muss, um in den Himmel zu kommen. Heute sagt sie: „Mein Leben war jahrzehntelang auf den Tod ausgerichtet.“

Im Teenager-Alter bleibt keine Zeit für die Identitätsfindung.  Der Alltag ist von der Gemeinschaft durchgetaktet: Gottesdienst, Bibelstunde, Bibelkreis, Musikstunde – singen, beten, laut aus der Bibel vorlesen. „Ich merkte, es passiert etwas mit mir und meinem Körper, aber es war mir vollkommen klar, dass ich das unterdrücken muss“, erinnert sie sich. Bis heute sei Sexualität mit schlechtem Gewissen verbunden.

Auf Schläge in der Kindheit folgt psychische Gewalt

Eine weitere Parallele zum Film ist die Gewalterfahrung. Schläge habe sie vor allem in der Kindheit abbekommen, später sei es die psychische und emotionale Gewalt gewesen, die vor allem von ihrem Vater ausging. Trotzdem: Der Gedanke, sich von alldem zu lösen, hatte keinen Platz zum Reifen. Zu stark sei die Unterdrückung gewesen, der sie sich ausgesetzt fühlte. Dass sie es nicht mehr aushalten kann, spürt Dottie nicht. Sie ist Mitte 30, als sie während einer Gemeindeveranstaltung plötzlich zitternd zusammenbricht und in der Notaufnahme landet.

Was dann passiert, weiß sie kaum noch. „Damals habe ich darüber nachgedacht, mir das Leben zu nehmen“, nur daran erinnert sie sich noch. Eine Psychotherapie öffnet der jungen Frau den Weg in eine neue Welt: Freiheit. „Aber das hat sich lange noch verboten angefühlt.“

Heute kann Dottie Richter die Phasen ihres Ausstiegs benennen. Der äußere Ausstieg, das sei der körperliche Zusammenbruch gewesen, die räumliche Abgrenzung, die Entfernung von der Gemeinschaft und von den Menschen. Auch von ihrer Familie. Der innere Ausstieg sei erst deutlich später möglich gewesen. „Ich musste mir ein völlig neues Weltbild aufbauen“, so beschreibt sie es: „In meinem Leben gab es vorher kein Ich, sondern nur die Gemeinschaft. Mit Ende dreißig habe ich angefangen, meine Identität zu entwickeln.“ Die Folge: „Ein komplett zerstörtes Leben.“

Folgen der Traumatisierung: Depressionen und Angststörungen

Dottie Richter sagt diesen Satz nicht verbittert. Sie weint nicht, wenn sie über das Erlebte spricht, zeigt kaum Emotionen. „Das gehört zu meinem Krankheitsbild“, erklärt sie: „Ich bin darauf trainiert, Gefühle zu unterdrücken: Sie zuzulassen, musste ich lernen wie ein Erstklässler das Lesen und Schreiben.“ Durch diese Schule geht sie bis heute.

Sie lebt von Erwerbsminderungsrente, leidet aufgrund ihrer Traumatisierung an körperlichen Einschränkungen, auch an Depressionen, Angst- und Belastungsstörungen. Man könnte glauben, Dottie Richter sei ein gebrochener Mensch. Aber weit gefehlt.

Dottie vor ihrem Atelier

Aussteigerin Dottie Richter vor ihrem Atelier. Sie hat das therapeutische Malen für sich entdeckt. Eines ihrer Werke steht im Schaufenster.

Ernst-Georg Richter

Auf Instagram nennt sie ihren Account endlich.laut. Sie färbt ihre Haare und Augenbrauen orange, mag es bunt und knallig. „Ich habe großes Glück, dass ich das Leben so liebe“, sagt sie. Die 58-Jährige ist heute Künstlerin und weiterhin in Behandlung. Das therapeutische Malen gehört dazu - und fast alle ihre Bilder sind farbenfroh.

Wie sehr wünschte man sich auch im Film „Gotteskinder“ einen Hauch des Glücks am Ende. Regisseurin Frauke Lodders weiß das, wollte aber authentisch bleiben. „Wissen Sie, für eine solche Geschichte gibt es kein Happy End“, sagt sie: „Wer das erlebt, muss für immer damit leben.“

„Und damit hat sie vollkommen recht“, stimmt ihr Dottie Richter zu.