Reifenwerk Fürstenwalde
: Abschied von Tradition – Museum zeigt Geschichte von Pneumant

Mir der Einstellung der Reifenproduktion geht in Fürstenwalde eine Ära zu Ende. Eine Ausstellung im Museum zeigt, wie sehr das Werk die Stadt prägte.
Von
Christoph Mann
Fürstenwalde
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Museumsleier Guido Strohfeldt und Buchautor Hans-Jürgen Woldt im Museum Fürstenwalde. Beide haben eine Sonderausstellung zur Geschichte des Reifenwerkes vorberiet, die in dieser Woche neu eröffnet wird.

Museumsleiter Guido Strohfeldt (links) und Buchautor Hans-Jürgen Woldt im Museum Fürstenwalde. Beide haben eine Sonderausstellung zur Geschichte des Reifenwerkes vorbereitet, die in dieser Woche neu eröffnet wird.

Christoph Mann
  • Das Reifenwerk Fürstenwalde schließt im November 2023 nach fast 90 Jahren Produktion.
  • Eine Museumsausstellung zeigt die Geschichte und den Einfluss des Werks auf die Stadt.
  • Buchautor Hans-Jürgen Woldt und Museumsleiter Guido Strohfeldt haben die Ausstellung vorbereitet.
  • Highlight sind Filmaufnahmen von 1971 bis 1984 aus dem Deutschen Rundfunkarchiv.
  • Die Ausstellung eröffnet am 16. Mai um 17 Uhr zur Langen Nacht der Museen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

„Goodyear macht das Reifenwerk dicht“: Im November 2023 erschütterte diese Nachricht viele Menschen in Fürstenwalde. Fast jeder in der Stadt, so sagen es Museumsleiter Guido Strohfeldt und der Buchautor Hans-Jürgen Woldt, hat einen Bezug zum Reifenwerk. Vor den Werkstoren im Tränkeweg wurde sofort protestiert, darunter viele Menschen, die nicht oder nicht mehr im Werk beschäftigt sind. Eine fast 90-jährige Ära der Reifenproduktion geht zu Ende, nur der Mischbetrieb mit 250 Mitarbeitern bleibt erhalten.

Anlass für die beiden, noch einmal an die Geschichte des Reifenwerkes zu erinnern und an seine Bedeutung für die Stadt Fürstenwalde, die weit über die Produktion von hochwertigen Fahrzeugreifen hinausgeht. Hans-Jürgen Woldt hat von 1977 bis 1994 selbst in dem Reifenwerk gearbeitet und das Buch „Profilspuren – 80 Jahre Reifenwerk Fürstenwalde“ über die Geschichte des Großbetriebes geschrieben.

Fürstenwalde als Stadt der Reifenwerker

In den 40er Jahren begann die Reifenproduktion in Ketschendorf, das damals nicht zu Fürstenwalde gehörte. Nach dem Krieg und nach der Eingemeindung Ketschendorfs nach Fürstenwalde wurde das Reifenwerk der größte Arbeitgeber in der Region. Die Marke Pneumant wurde geboren, und die Fürstenwalder schrieben an ihren Ortseingang „Willkommen in der Stadt der Reifenwerker“.

Wie jeder sozialistische Großbetrieb in der DDR übernahm Pneumant neben der eigentlichen Produktion auch andere gesellschaftliche Aufgaben und prägte damit die Stadt und ihre Einwohner. So entstanden Wohnungen in ganz Fürstenwalde für die Mitarbeiter des Werkes, zunächst in der Reifenwerksiedlung. Aber auch im Paul-Frost-Ring und im Kosmonautenviertel in Fürstenwalde Nord wurde gebaut. Auch hier zogen viele Mitarbeiter des Reifenwerkes ein.

Nach der Wende brach der Sponsor weg

Die Ausstellung im Fürstenwalder Stadtmuseum beleuchtet unter anderem den Einfluss des Reifenwerkes auf die gesellschaftlichen Bereiche in Fürstenwalde. Der Fokus wird dabei auf die Zeit der DDR gelegt. Es entstanden Sportstätten, Kulturhäuser, Bildungseinrichtungen, Gaststätten. So wurde zum Beispiel im Mai 1952 das Ruderhaus an der Spree von Pneumant gebaut. Der Betrieb übernahm alle Kosten, zum Beispiel für die Ausstattung, die Boote, die Umkleidekabinen.

Nach der Wende gab es dann nicht nur beim Ruderclub enorme Schwierigkeiten, erläutern die Ausstellungsmacher. Wie sollte weiter gehen? Aus dem sozialistischen Großbetrieb war nach mehreren Eigentumswechseln und Umbrüchen ein kapitalistisches, marktwirtschaftlich orientiertes Unternehmen geworden. Sportvereinen wie der BSG Pneumant und kulturellen Gruppen wie dem „Con Brio“ Chor, der aus Mitarbeitern des Werkes besteht, brach der Sponsor weg. Sie mussten sich plötzlich selbst organisieren.

Einflussnahme in alle Bereiche des Lebens

So haben sich die Mitglieder von „Con Brio“, berichtet Hans-Jürgen Woldt, wenig Sorgen um ihre Kleidung machen müssen, die Auftrittsgarderobe stellte der Betrieb. Radsportler bei der BSG Pneumant, auch Guido Strohfeldt war Mitglied im Verein, zahlten nur eine geringe Mitgliedsgebühr und bekamen ihre Räder und Ausrüstung vom Verein, sprich von Pneumant, gestellt. Auch für die Gesundheitsheimversorgung der Mitarbeiter wurde etwas getan und ein Gebäude inklusive benötigter Technik und Ausrüstung am Tränkeweg errichtet.

„Wir wollen keine Nostalgie aufbauen“, sagt Woldt mit Verweis auf die gesellschaftliche Einflussnahme und das Engagement von Pneumant. Alle großen Betrieb in der DDR agierten so, das war Teil der Planwirtschaft. Von der Staatsbank bekamen sie Mittel und Kredit dafür. „Ob man so etwas toll findet, muss jeder selbst entscheiden.“ Die Menschen wurden dadurch aber auch kontrolliert und Eigeninitiative war nicht gern gesehen.

Mehrere Filmausschnitte aus dem Deutschen Rundfunkarchiv

Ein ganz besonders Highlight der Ausstellung sind mehrere Filmschätze aus den Jahren von 1971 bis 1984, die sich die Besucher ansehen können, erstmals öffentlich. Sie wurden vom Deutschen Rundfunkarchiv zur Verfügung gestellt. Darunter ein Ausschnitt aus dem Bildungsfernsehen der DDR für das Fach Staatsbürgerkunde, das die Produktion im Pneumantwerkes thematisiert. Aber auch ein Ausschnitt aus der Unterhaltungsendung „Auf Schusters Rappen“ des DDR-Fernsehens mit einer Musikeinlage des „Con Brio“ Chors.

Die Sonderausstellung wird zur Eröffnung der Langen Nacht der Museen in Fürstenwalde am Freitag (16. Mai) um 17 Uhr eröffnet.